Buchvorstellung 5 – Du und ich

Staffel 2: Einheit und Vielfalt – historische und moderne Inquisition – Pluralismus und wie Jesus werden – unsere Aufgabe und Beispiele

„Ich bin ich und du bist du.
Wenn ich rede, hörst du zu.
Wenn du sprichst, dann bin ich still,
weil ich dich verstehen will.“

 

Irgendwie anders

Aus dem Kinderbuch „Irgendwie anders“

Das ist der Anfang eines Gedichts, das ich gerne mag. Eigentlich bin ich nicht so der Gedichte-Fan, aber was wäre eine Regel ohne Ausnahme? Außerdem passt es, denn jetzt geht es die nächsten Kapitel um Einheit und Vielfalt.

 

Denn viele Interviewpartner haben über Bespitzelungen in Gemeinden, Patentlösungen für komplexe Probleme und ungesunde Gesetzlichkeit anstelle von liebevoller Annahme berichtet. Vielfalt wird oft beargwöhnt, denn Einheit gilt ja als Ziel. Das soll in den nächsten Kapiteln genauer betrachtet werden. Unter Anderem werden Themen wie

  • Monokulturen in Gemeinden vorkommen und wie man darauf reagieren kann (warum sollen alle Christen möglichst gleich sein? Warum werden Abweichungen nicht gerne gesehen?),
  • dann Fragen wie, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf Gemeinden auswirken,
  • geistlicher Missbrauch und religiöser Fundamentalismus werden Themen sein,
  • interkulturelle Gemeinden in der Bibel und heute und
  • ein persönlicher Erfahrungsbericht von Christina Brudereck.

Anfangen werde ich mit dem Artikel über Monokulturen von Peter Aschoff, dann könnt ihr auch gerne mal mitbestimmen, in Kommentaren, was als nächstes dran kommen soll.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (ein Religionskrieg) schrieb ein Jesuit: „Im Notwendigen herrsche Einmütigkeit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem aber Nächstenliebe.“ (zitiert in Faix 2015, S. 90) Kurz darauf wurde er von der Inquisition verhaftet und seine Bücher verbrannt. Im Nachhinein kann man gut sagen: „Das war böse von ihnen“, aber sind wir heute nicht ganz ähnlich? Diese Versuche, Einheit zu erzwingen, und Zwang als eine besonders starke Form der Liebe zu verstehen kennen viele auch aus heutigen Gemeinden. Aber während früher die Leute verhaftet werden konnten (oder Schlimmeres) funktioniert es heute nur noch über psychische Mechanismen. Da werden

  • Feindbilder beschworen („Die Leute in der Landeskirche sind alle liberal. Und liberal ist lau. Und die Lauen wird Gott ausspeien! Pass auf, dass du nicht genau so wirst!“),
  • Ängste und Vorurteile geschürt („Der Islam ist von Natur aus gewalttätig! Sie wollen uns übernehmen! Bald werden wir nicht mehr Christen sein dürfen! Sei vorsichtig, wenn du für Toleranz bist! Und Toleranz ist sowieso nicht gut, denn wehe dem, der Gutes böse und Böses gut nennt! Du musst schon ganz klar Stellung beziehen!“),
  • das eigene Urteilsvermögen wird untergraben („Die Bibel sagt, dass der Mensch verdorben ist! Das Gute, das du tust, tust du eigentlich nur, um davon abzulenken!“ oder „Diese Argumentation ist nicht biblisch, pass auf, dass du nicht von Dämonen beeinflusst wirst!“ oder „Du kannst es dir auch schönreden!“) und
  • es wird unkritische Loyalität eingefordert. („Du gehörst aber zu uns.“, „Wir müssen die Leiter unterstützen, schlechtes Reden baut nicht auf.“)

Das ist einerseits für viele Menschen attraktiv, denn es gibt klare Richtlinien und man glaubt, genau wissen zu können, woran man ist. Andererseits, sobald es stärkere Diskrepanzen gibt zwischen dem, was eine Person erleben sollte und dem, was sie tatsächlich erlebt, kommt es immer wieder zu Schnitten. Diese Leute verlassen meist die Gruppe und nicht immer schaffen sie es, eine andere Gruppe zu finden, in der sie sich wohler fühlen.

Christen und Pluralismus?

Es gibt einige unter uns Christen, die den Pluralismus für zwielichtig halten. Scheint irgend etwas Gefährliches an sich zu haben. Aber vielleicht ist es gefährlicher, wenn es üblich wird, Andersdenkende und Schwächere nicht ausreichend zu beachten. Auch in Gemeinden. Viele, die auf diese Weise zu wenig positive Beachtung und wahre Unterstützung bekommen haben und dann gegangen sind, konnten nach einer Phase der Trauer und Verarbeitung wieder in einer anderen Gemeinde neu anfangen. Aber manche auch nicht. Teilweise blieb ihnen nur, den Glauben an den Haken zu hängen. Sie passten nicht dazu und wurden abgestoßen. Als sollten wir Christen alle gleich sein. (Da werden gerne Sprüche genutzt wie „Werdet wie Jesus Christus.“, oder „Er muss zunehmen und ich muss abnehmen“ Dann stellt man sich nicht mehr die Frage, was das bedeutet. Denn akute Problemo: Der Heilige Geist ist nun mal kein Gleichmacher.) Dabei waren wir schon immer eine Art Hybriden. Sowohl Erdenbewohner als auch Himmelsbürger. Das eine geht bei uns nicht ohne das andere. Wenn wir versuchen, nur Himmelsbürger zu sein, dann führt das dazu, dass wir uns abkapseln, auf andere herab sehen und unsere Mitmenschlichkeit verlieren. Und ich glaube nicht, dass solche Leute im Himmel gerne gesehen sind. Allerdings sind wir doch so weit Himmelsbürger, dass wir uns genau solche Spielchen nicht mehr leisten können. Eigentlich.

Bei uns ist nichts perfekt. Wir sind auf einem Weg. Und was wir heute als Wahrheit erkennen, haben wir vor 10 Jahren nicht mal beachtet. Wer weiß, was wir in 10 Jahren sagen werden. Wir sehen heute Gott anders als zu allen anderen Zeiten unseres Lebens. Das ist unsere Quest. Unsere Gabe, unser Fluch. Vielleicht unsere Berufung. Ohne Zweifel funktioniert das nicht. Und es ist manchmal sehr anstrengend.

„Wenn aber Zweifel oder Müdigkeit nur als Sünde oder Defizit thematisiert werden, wenn die Begeisterung der Frischverliebten oder Konvertiten das Maß aller Dinge ist und nicht darüber gesprochen werden kann, dass der Weg zu einer reifen Liebe immer auch den Verlust des anfänglichen Gefühlsrausches einfordert, dann bleibt auf Dauer nur die Alternative von Kampf und Rückzug.“ (Faix 2015, S. 94)

Was kann man dagegen machen? Als Einzelner? Eine Möglichkeit wäre vielleicht, sich anzutrainieren, das eigene Urteil möglichst lange heraus zu zögern. Lieber länger zuhören als schnell zu bewerten. Vielleicht sieht dein Gegenüber etwas an Gott, das dir bis jetzt nicht aufgefallen ist. Und es wäre doch schade, wenn du, vor lauter Angst vor Zweifeln, ihm nicht zuhörst. Ich sag das auch zu mir. Denn in letzter Zeit lerne ich viele „Christen“ kennen, die so ganz anders ticken als ich. Und ich muss da auch lernen, es nicht von Anfang an als Tic abzutun. Das trainiert die Gelassenheit. Und eine positive Toleranz. Und wir könnten uns neue, kreative Handlungsmöglichkeiten überlegen. Ja, es ist oft so, dass wir das, was einmal funktioniert hat, immer wieder versuchen, aber was, wenn es nicht mehr funktioniert? Wenn wir mal krank waren und durch Gebet gesund wurden, dann versuchen wir es bei der nächsten Krankheit wieder. Und wenn es nicht funktioniert, dann erhöhen wir unsere Anstrengungen, wir beten intensiver, fasten vielleicht auch dabei. Aber was einmal funktioniert hat, muss nicht immer funktionieren. Vielleicht möchte Gott ja durch einen anderen Menschen (Arzt) heilen, oder er möchte, dass du dich gesünder ernährst oder dass du mehr Sport machst.

Anderes Beispiel: Es wurden lange Zeit Zeltevangelisationen durchgeführt, und sie haben gut funktioniert. Das könnte man zum Anlass nehmen, es immer weiter zu machen. Aber dann merkt man, dass keiner mehr kommt, nur noch die Christen, die keine Bekehrung brauchen. Eigentliches Ziel verfehlt. Warum? Weil es heute andere Startbedingungen gibt. Niemand interessiert sich mehr für Zeltevangelisationen, wenn es social media gibt und Youtube und Netflix. Dann muss man sich andere Möglichkeiten suchen, die gute Botschaft zu verbreiten. Und bitte darauf achten, dass es wirklich eine g u t e Botschaft ist. Oder: Man hat echt Probleme mit einer gewissen Form der Theologie. Meinetwegen wieder die berüchtigte aber verbreitete Satisfaktionslehre. Wenn man jetzt offen für Neues ist und keine Angst vor anderem Denken hat, kommt man vielleicht auf Interpretationen vom Kreuzestod, die so gar nichts mit dem stellvertretenden Sühneopfer zu tun haben. So kann man nicht immer die selbe Lösung für ein Problem ansteuern, man muss kreativ nach neuen Möglichkeiten suchen. Vielleicht sind dann diese neuen Möglichkeiten auch gar nicht so neu. In der Kirchengeschichte gab es zum Beispiel immer wieder unterschiedliche Lehren, die sich auf die Bibel berufen und mit ihr belegt werden können. So werden sowohl die eigenen Zweifel und Anfragen als auch die anderer zu einem Geschenk, das den eigenen Glauben und die Gemeinde reicher machen kann. Ja, sie machen verletzlich, aber genau dadurch auch authentischer.

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2 Gedanken zu “Buchvorstellung 5 – Du und ich

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