Buchvorstellung 1 – Ein Buch, sie zu schocken und aufzuwecken.

Was geschah vor dem Buch? – Was hat das mit den Autoren gemacht? – Was hat es mit mir gemacht? – Warum noch ein Buch? – Über das Zweifeln

Das Buch „Warum wir mündig glauben dürfen“ ist eine direkte Folge einer Studie darüber, warum junge Erwachsene ihren Glauben an Jesus Christus verlieren, um die Betroffenen und ihre Geschichten besser zu verstehen. „Dekonversion“ nennt sich das, oder zu deutsch „Entkehrung“, wurde bis dato kaum erforscht und bezeichnet die Tatsache, dass sich jemand früher als gläubiger Christ bezeichnet hat, es aber jetzt bewusst nicht mehr tut. Viele von ihnen haben sich mit ihren Problemen alleine gefühlt und in Kirche und Gemeinde kaum wirkliche Hilfe gefunden. (Wahrscheinlich waren die Geschwister selbst überfordert) Als Christen sind wir in der Verantwortung, uns ihre Geschichten anzuhören und daraus zu lernen.

Fast immer hat es sich beim Glaubensverlust um einen Prozess gehandelt, der sich über Jahre hingezogen hat. Am Ende stand allerdings für die meisten das Gefühl der Erleichterung und Befreiung, da sie den Glauben zuletzt nur noch als eine Last empfunden haben und endlich wieder frei atmen konnten. Allerdings entstand bei manchen eine Art Sinn-Vakuum, das sie neu füllen mussten. Bei manchen war der Übergang auch kaum merklich, wie wenn man als Kind aus den Kleidern heraus wächst.

Manche fühlten sich durch den Glauben kontrolliert und unfrei, manche erlebten massive Grenzüberschreitungen bis hin zu Missbrauch, manche konnten ihr Wissen und gewisse Dogmen nicht zusammen bringen, manche Erfahrungen und Erkenntnismöglichkeiten, manche vermissten Gott im Alltag, manche strandeten durch brutale Schicksalsschläge, manche sind einfach raus gewachsen, und wieder andere merkten schmerzhaft, dass der Glaube einfach nicht zu ihnen passte.

Die Studie hat sich über drei Jahre hingezogen und es haben sich wirklich Unmengen Betroffener gemeldet, die ein großes Redebedürfnis hatten. Die Autoren waren entsetzt über die Abgründe, in die sie Einblick bekommen haben, teilweise haben sie sich fremdgeschämt. Besonders gesetzliche und ungesund charismatische Gemeinden wurden beschrieben. Es wurde von klaren, undurchsichtigen und einschränkenden Hierarchien statt Mitspracherecht berichtet und von willkürlichen Regeln, besonders was Sex anging (Stichwort: Homosexualität) Im Rahmen der Arbeit haben auch die Autoren angefangen, über manche Themen neu nachzudenken. (Dabei waren die Gemeinden nicht immer das Problem, manche waren auch echt toll und trotzdem ist es passiert.)

Aber es haben sich auch viele Leser gemeldet, die das Buch verstört, aber auch herausgefordert haben, sowie Angehörige, die sich endlich wahrgenommen fühlten.

Wegen der vielen Rückmeldungen – und vor Allem wegen dem Inhalt der Rückmeldungen – wollten sie noch ein zweites Buch rausbringen. Und zwar das, was ich hier vorstelle. Es soll die Frage nach dem „Was passiert jetzt?“ stellen, ohne eine Patentantwort zu geben. Stattdessen soll es Mut für Neues machen und helfen, im Glauben erwachsen zu werden. Es besteht aus verschiedenen Artikeln verschiedener Autoren, deswegen wird der eine Text dir mehr gefallen als der andere. Aber grade da, wo dir etwas aufstößt, kann es sich lohnen, genauer hinzusehen. Schließlich gehört grade das zum Erwachsenwerden: Unstimmigkeiten und Dissonanzen wahrnehmen und genau benennen. Ein Schritt zum mündigen Glauben.

„Darunter verstehen wir einen Glauben, der reflektiert und eigenverantwortlich gelebt wird, sich mit der eigenen Herkunft und Prägung sowie mit der Gesellschaft und ihren Veränderungen offen und auch immer wieder kritisch auseinandersetzt.“ (Faix 2015, S.14)

Sowas kommt nicht von Sonntags-morgens-Gottesdiensten und auch nicht vom Befolgen von Regeln. Er braucht Freiheit, sich zu entfalten, damit er die Gefahr einer Entkehrung verringern kann. Er muss sich verändern können, sich entwickeln und immer in Bewegung bleiben, wer stehen bleibt, kann nicht nachfolgen.

Auf dem Weg mit Zweifeln und Andersdenkenden

Was die Entkehrten immer wieder bemängelt haben war die fehlende Möglichkeit, offen über ihre Zweifel und Gedanken zu reden. Zweifel wurden als etwas Böses gesehen, dabei ist der eigene Glaube – ob man es zugibt oder nicht – immer nur vorläufig und nie perfekt. Dazu fällt mir die Stelle aus 1. Korinther ein:

Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. (Aus Kapitel 13)

Es ist ganz normal, etwas nicht zu wissen, zu zweifeln, neu zu justieren und neu zu ordnen, die Meinung zu ändern und hier und da umzukehren. Zweifel gehören dazu. Die nächsten (oder ersten) Artikel werden von Zweifeln, anderen Denkweisen und verschiedenen Sichtweisen der Wirklichkeit und des Glaubens handeln. Hier fängt der Beitrag von Arne Bachmann an:

Zweifel und Skepsis sind nicht angenehm. Klar. Aber wie will man damit umgehen? Landsläufig denkt man, Zweifel wären gleich Zweifel. So einfach ist es nicht.

Da sind erst mal die skeptischen Zweifel, aus der Distanz: Jemand bezweifelt die Mondlandung, ein Atheist bezweifelt die Existenz eines Gottes, oder ein Wissenschaftler die Wirkungen von esoterischen Praktiken. Hier geht es um simple Beweise und Fakten, oft wissenschaftlich nachprüfbar oder mit gesundem Verstand zu erklären. Wenn es DIESE Zweifel wären, die einem als Christ schlaflose Nächte bereiten, dann würde schon ein Buch von C.S. Lewis reichen.

Aber es gibt auch die Zweifel, die in die persönlichen Beziehungen und oft auch in die eigene Identität eingreifen: Ein Verliebter bezweifelt die Treue seiner Freundin, ein Elternteil bezweifelt das Vertrauen seines Kindes. Und ein Christ hat eine Beziehung zu Gott. Und wenn er an diesem Gott zweifelt, wirkt sich das direkt über die Beziehung auf seine Identität aus. Wir bezweifeln seine Vertrauenswürdigkeit (No Blame!) und entziehen ihm unser Vertrauen. Das hat tiefe Verunsicherung und Angst zur Folge und lässt sich nicht einfach mit Argumenten kitten.

Noch schlimmer wird es allerdings, wenn dieses Zweifeln stigmatisiert wird. Wenn man zweifelt, es aber nicht darf. Man muss es entweder verdrängen und eine Maske tragen: „The Show must go on!“, oder man sagt „Deal with it“, auf die Gefahr hin, dass man an den Rand gedrängt wird. Immerhin wird in vielen Gemeinden suggeriert, dass der Glaube ein einziger Höhenflug ist und Glaubensgewissheit der Normalzustand. Ich denke an eine Gemeinde, in der regelmäßig Zeugnisse gegeben werden, wo der Redner einfach in die Stadt geht und Gott ihm sagt „Sprich mal den und den an!“ und wenn er es tut, passieren Zeichen, Wunder, Heilungen etc. Und es wird hin gestellt als das Normalste der Welt. Schön, wenn das passiert, denke ich, aber normal finde ich das nicht. Und ich finde es auch nicht förderlich, es als normal hinzustellen, denn was ist dann mit denen, die vielleicht nicht so sind?

Und an dieser Stelle geht es nächstes mal weiter, unter Anderem damit, wie unsere absolute Sicherheit mit der Zeit zu einem Götzen wurde und wie Glaube und Zweifel zusammen passen können, ohne sich zu widersprechen.

Buchvorstellung 2: Zweifel, Glauben, Atheismus

zur Hör- und Sehversion

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