„Einer Frau gestatte ich nicht…“

Ja, was gestattest du einer Frau nicht? Das ist nämlich die Eine-Million-Euro-Frage.

Der Vers heißt in den meisten Bibeln etwa so:

iuHEBTQ3C3.jpgEine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann herrsche, sondern sie sei still.

Klingt erstmal gelinde gesagt scheiße, was? Ja, finde ich auch. Aber jetzt kommt’s. Folgendes hat Kathi Schonevelt in einem Forum dazu geschrieben:

Ich finde das Thema sehr interessant. In letzter Zeit habe ich sehr damit gerungen. Letztes Jahr habe ich die Gemeinde gewechselt, gemeinsam mit meinem Mann – der ist zur Hälfte Amerikaner und in den USA aufgewachsen – und eigentlich wollte ich ihm ein Stück Heimat zurückgeben, indem wir in eine Gemeinde seiner Denomination gehen.
Nun bin ich eigentlich gewohnt, dass Frauen predigen, Lobpreisbands leiten, und habe den Pastor meiner alten Gemeinde nie so als den einzigen Pastor wahrgenommen, sondern ihn immer als Einheit mit seiner Frau gesehen, die bestimmt genauso viel Verantwortung hatte wie er und genauso wie er die Hirtenfunktion in der Gemeinde hatte.
Ich war also negativ überrascht, als ich feststellte wie konservativ die neue Gemeinde ist. Erst dachte ich, vielleicht gibt es hier einfach keine Frauen, die interessiert sind, gewisse Dienste auszuüben. Aber dann fiel mir auf, dass die Lobpreiserinnen niemals die Band anleiteten, z.B. gibt es eine, die Klavier spielt und auch eine wunderschöne, sichere Stimme hat, aber sie begleitet entweder den Gitarristen, der leitet oder sie singt mit und spielt nicht Klavier. Sie leitet aber nie, obwohl sie das bestimmt könnte. Außerdem nie eine Predigt von einer Frau. Und zu guter Letzt wird auch die Kommunion beabsichtigt nur von Männern ausgeteilt. Der Pastor fragt am Anfang eine Gruppe Männer, ob sie das machen wollen. Frauen werden gar nicht erst gefragt.
Und das hat mich sehr traurig und wütend gemacht. (…)
Dann fand ich im Glaubensbekenntnis der Gemeinde den Spruch “We believe in male leadership” und Verweise zu 1. Tim 2:12 und da war mir klar was los war.
Diese Frustration hat mich dazu ermutigt, mal weiter zu forschen. Ich bin nämlich Archäologin und interessiere mich auch sehr für den kulturgeschichtlichen Aspekt der Bibel. Es macht mich auch nicht happy, zu sagen, “Naja, der Paulus, der ist halt ein Kind seiner Zeit!” oder gar am Ende: Das ist überhaupt nicht von Paulus! Das ist nur pseudo-paulinisch und dem ganzen die Autorität abzusprechen. Das ist mir zu faul.
Ich hab also eine Arbeit einer Klassischen Gräzistin namens Catherine Kroeger gefunden. Das Buch heißt im Deutschen “Lehrverbot für Frauen? Was Paulus wirklich meinte” und ist sehr empfehlenswert, allerdings vielleicht schwer verständlich, wenn man kein Graecum hat. Hier zeigt sie im Wesentlichen, dass es sich bei 1. Tim 2, 12 um eine Fehlübersetzung handelt. Wenn man den Kontext des Briefs beachtet (falsche Lehren machen die Runde, Timotheus ist angehalten, dassiuFJWTNKDG zu unterbinden) und sich ein bisschen Backgroundwissen aneignet (über die Gnosis, ich empfehle das kleine Büchlein von Christoph Markschies aus der Reihe C.H.Beck Wissen), wird das ganze verständlicher. Es heißt nämlich eigentlich “Eine Frau soll in Ruhe und Aufmerksamkeit lernen. Ich erlaube es einer Frau nicht zu lehren, sie sei der Ursprung des Mannes, sie soll ruhig sein, denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen und fiel in Übertretung. Sie wird aber in ihrer Funktion des Kindergebärens gerettet…” Gerade diese Erklärung macht sonst überhaupt keinen Sinn. Das ist einfach eine Antwort an die gnostischen Irrlehren, die nämlich sagen, dass Eva zuerst erschaffen wurde und den armen, doofen Adam, der so leblos da herumlag, auferweckt hat, dass der arme, doofe Adam total von den Göttern verarscht wurde, zu glauben, dass Jaldabaoth (gnostischer Name für Jahwe) der einzig wahre Gott wäre und nur die Eva in ihrer übernatürlichen Weisheit wusste wie es wirklich war und die Schlange als Erlöser hereinkam und ihr zeigt, dass es gut ist vom Baum der Erkenntnis zu essen und sie auch den Adam von seiner Dummheit befreit hat und zu guter Letzt, dass doch die Frauen bitte aufhören sollen, Kinder zu kriegen, denn die Welt ist böse und alles Körperliche ist Böse und wenn man noch mehr kleine böse Menschen gebärt, macht man alles noch schlimmer und gehört bestraft dafür und hält das Ende der Welt auf (angeblich hört die Welt auf, wenn die Menschheit aufgrund von Askese und Keuschheit ausstirbt, das ist erstrebenswert laut Gnosis).
So, man muss also kein Problem mit Paulus haben. Der wird halt nur gerne absichtlich falsch verstanden. Oder mangels Backgroundwissen.

(…) Ich hab bisher noch keine gute Gegenthese gehört, warum sie nicht Recht haben sollte. Ich hab mir die Predigt von John MacArthur zu diesem Vers angehört und musste ausschalten, weil er irgendwann nur noch herumgeschimpft hat und er auch eher Eisegese statt Exegese betrieben hat und den Vers gar nicht im Kontext des Briefes und seiner Thematik behandelt hat.
Man muss ja auch sehen, dass Paulus öfters mal Leuten sagt, sie sollen die Klappe halten. Und es hat eigentlich immer einen nachvollziehbaren Grund, meistens geht es um Irrlehren oder die Lautstärke einzuschränken.
So muss man auch die berüchtigten Verse im Korintherbrief lesen, vor dem Hintergrund. Man muss erstens wissen, dass griechische Frauen normalerweise nicht das Haus verlassen durften und in der griechischen Gesellschaft wie Gegenstände behandelt wurden, sie wurden noch nicht mal als Mütter geschätzt, sie waren nur Inkubatoren für Kinder. Ihre Männer haben sie selten geliebt, was verständlich ist, denn man kann von einem 19-jährigen Mann nicht erwarten, dass er Feuer und Flamme für eine 11-jährige ist. Da geht man lieber ins Bordell zu den reiferen Frauen. Jetzt kommt Paulus und erzählt denen, dass die Frau “die Ehre des Mannes” ist. Das klingt heute doof, damals war das revolutionär. Das war eigentlich dazu gemeint, die Frauen höher zu stellen. Auch so ein Satz wie “Männer, liebt eure Frauen” ging denen nicht leicht runter. In Griechenland gab es zeitweise ein Gesetz, dass Männer verpflichtet sind min. 3x pro Monat mit ihrer Frau zu schlafen, weil es keine Kinder mehr gab. Man musste die Männer zum Sex zwingen – so sehr hatten sie eine Abneigung gegen ihre Frauen. Das waren ja alles politische Ehen.
Bacchanalian.jpgUnd die Frauen waren alle ziemlich verbittert und hatten ihre ziemlich verrückten Mysterienkulte, wo sie mal richtig Dampf ablassen konnten. Religion für Frauen war dort Dionysuskult, d.h. sich besaufen (deshalb die eher negative Haltung zu Trinkgelagen und Wein, die haben sich nämlich beim Abendmahl besoffen), Tiere jagen, in Stücke reißen, roh essen, manchmal Menschen in Stücke reißen (gibt es Bilder auf Vasen), halbnackt und mit wilden Haaren herumrennen, und teilweise auch Vergewaltigungen, etc. Und sie hatten so einen kultischen Gebetsschrei, das verbietet Paulus auch. Also eigentlich geht es primär darum, heidnische Riten abzuschaffen und für Ordnung beim Gottesdienst zu sorgen. Da ging es wohl manchmal drunter und drüber – das kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Heute haben viele einen sehr romantisierten Blick auf die Vergangenheit. So Sandalenfilm-mäßig. Es war aber sehr anders.

Und ich finde, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Alles klar? Alle Unklarheiten beseitigt?

Danke, Kathi 🙂

3 Gedanken zu “„Einer Frau gestatte ich nicht…“

  1. Klaus Mailahn schreibt:

    Ich gestatte mir den Hinweis, dass „Jaldabaoth“ (der Name ist eine bewusste Verballhornung von Jahwe und Zebaoth) der Gnostiker kein Gott ist, sondern ein Äon (Engel), und zwar der Erschaffer der missratenen Welt. Er ist der Demiurg = Satan! Kein wahrer Gnostiker glaubt an Jahwe als Gott. Diese Rolle ist dem Himmlischen Christus vorbehalten – und seiner Frau Maria Magdalena. Diese Frau hat bekanntlich gelehrt, war als Apostelin dem Paulus daher ein Dorn im Auge. Und der war ein Frauenfeind, der das Christentum entscheidend verfälschte. Die reinste und wahrste Gnosis findet sich bei Valentinus, Evangelium nach Maria, Philippus-Evangelium, Pistis Sophia und einigen anderen Texten. Empfehlenswerter als der Markschies ist für Einsteiger eher das Buch von Hörmann: „Gnosis“.

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    • bithya85 schreibt:

      Hallo du 🙂 Sorry, dass ich dir erst jetzt antworte, aber irgendwie ist dein Kommentar in Spam gelandet (???). Auf jeden Fall danke für deine Hinweise, das wusste ich tatsächlich nicht. Ich kenne mich mit Gnosis fast null aus, würde mich schon interessieren, alleine die Geschichten und die Art, die Welt zu sehen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich dafür wohl noch zu viel evangelikale Angst in mir habe. Wenn ich die überwunden habe, komme ich auf deine Buchvorschläge zurück 🙂 Liebe Grüße

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