Mein Freund, der Zweifel

Er hat seinen schlechten Ruf völlig zu unrecht, finde ich. Warum hassen ihn alle so? Und warum haben alle so eine Angst vor ihm? Armer Zweifel!

Ich gebe zu, manchmal kann er wirklich gemein sein. Vor Allem, wenn man sich komplett und starr auf eine Sichtweise eingeschossen hat. Und dann kommt dieser Zweifel an und macht dein schönes Gedankenschloss kaputt. Das Kartenhaus, das du dir mit so viel Mühe aufgebaut hast. Ja, und manchmal geht es auch echt an die Substanz. Dann ist die eigene Weltsicht (ich meine nicht mal den eigenen Glauben an Gott) so sehr mit der eigenen Identität verknüpft, dass, wenn die Weltsicht angegriffen wird, man selbst als Ganzes angegriffen wird. Ein Kreationist wird niemals an einer gewöhnlichen Uni Biologie studieren und ein eingefleischter Charismatiker, der aktiv im Befreiungsdienst ist, wohl kaum Psychologie. Und wenn er es doch tut, dann hat er meinen Respekt. Zweifel kann einen ganz schön irritieren. Das stört, wenn man so schön in Fahrt ist, der Glauben zu passen scheint, alles gut geht und man restlos überzeugt und begeistert ist. Text1Wenn Überzeugung und Begeisterung der Motor ist, dann ist der Zweifel die Bremse.

Aber was wäre ein Auto, bei dem die Bremse kaputt ist? So ein Auto will ich nicht fahren. Dann ist man so schön in Fahrt, alles läuft, man denkt an nichts Böses und plötzlich rast man in ein anderes Auto, schafft die Kurve nicht, landet im Abgrund… . Mit einer funktionierenden Bremse wäre das wohl nicht passiert.

Manchmal braucht man Zweifel. Der Zweifel sagt „Pass auf, hier stimmt was nicht. Da passt was nicht zusammen.“ Wenn man in einer Klausur sitzt, meinetwegen Mathematik, und eine leise, innere Stimme sagt „Hier bei diesem Lösungsweg stimmt irgendwas nicht“, wird man es doch nicht ignorieren. Manchmal stellt man es hinten an, wenn man grade dabei ist, eine andere Aufgabe zu lösen, aber man wird es im Hinterkopf behalten, damit man sich später damit beschäftigen kann. Es gäbe wohl Punkteabzug, es nicht zu tun.

Warum sollte es dann im Leben anders sein? Wenn ich jahrelang geglaubt habe, Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen, weil das so in der Bibel steht und dann schaue ich mir beispielsweise Frag den Lesch an und werde mit logischen Argumenten konfrontiert, dass es nicht nur gute Gründe dafür gibt, dass es nicht ganz so war, sondern auch damit, dass die Wissenschaft gar nicht immer so arrogant ist, wie ich immer dachte, und gar nicht so unreflektiert immer nur das annimmt, was sie schon ewig sagt.

Was passiert dann?

Ich bin eher ein visueller Mensch. Ich stelle mir Dinge bildlich vor. Und so vergleiche ich die kreationistische Theorie mit der Urknallhypothese, indem beides wie ein Film vor meinem geistlichen Auge abläuft. Und dabei kam für mich etwas raus, was ich so nicht erwartet habe: Gott wird durch die Wissenschaft nicht kleiner, sondern größer gemacht. Der vergleichsweise langweilige Film über die Schöpfung in sechs Tagen, der eher aussah wie ein Aufbauen von einer Playmobillandschaft war nichts im Vergleich zu dem Versuch, sich vorzustellen, wie aus purer Energie Teilchen entstehen und vergehen, wie sie sich zu Kernen zusammensetzen und wie in einem galaktischen Tanz die so entstehenden Teilchen sich zu Strukturen ansammeln, die ihrerseits wieder miteinander „in Beziehung“ treten. Es war ein einziges großes Spektakel, das aber so unscheinbar und natürlich rüberkam, dass es halb versteckt war, kreativ und normal, natürlich und übernatürlich. Und dann habe ich mir die Frage gestellt, was passt eher zu dem Gott, der sich mir vorgestellt hat.

Wenn ich den Zweifel nicht zugelassen hätte und aus lauter Angst einen großen Bogen um andere Erklärungen gemacht hätte, wäre es nie dazu gekommen. Ich hätte gesagt „So ein Unsinn, die Bibel sagt was Anderes und das ist wahr, weil es eben so ist!“ Wär doch schade. Wär doch irgendwie langweilig. Finde ich.

Außerdem gibt es noch einen Grund Pro-Zweifel. Und jetzt kommt die Sozialpädagogin raus. Es gibt nämlich noch (mindestens) eine Stelle, an der man manchmal nicht zweifeln „darf“, obwohl man es sollte. Vielleicht kennt jemand die Situation: In einem Gottesdienst, während einer Predigt, sagt der Prediger etwas, das dir ein ganz fieses Gefühl gibt. Du weißt im ersten Moment nicht, warum, aber irgend etwas lässt deine Eingeweide sich zusammen ziehen, du hast den Impuls, deine Beine anzuziehen, dich zusammenrollen zu müssen und dir wird übel oder du willst alles kurz- und klein schlagen. Dabei hat der Prediger das, was er sagt, mit dem Wort Gottes begründet, Text2also kann es nicht schlecht oder gar falsch sein. Das Wissen, es kann nicht schlecht sein und der Wahrnehmung dass dir davon schlecht wird, passen nicht zusammen. Und wenn der Prediger jetzt noch sagt „Wenn du jetzt das Gefühl hast, du wirst innerlich zerstört, ist das gut. Das ist ein Zeichen, dass Gott an dir arbeitet.“ ist das die Antwort, auf die du gewartet hast. Du glaubst ihm. Es ist also gut, was er gesagt hat und du selbst hast nur eine verquere Wahrnehmung.

Es mag sein, dass der Prediger dann tatsächlich etwas gesagt hat, das dich einfach auf eine Sache aufmerksam macht, die du ändern oder genauer anschauen solltest. Möglichkeit A.

Aber es gibt auch die Möglichkeit B: Der Prediger liegt schlicht und einfach falsch und nimmt dazu den Mund noch voller als ihm und dir gut tut. Aber diese Möglichkeit wird dann nicht zugelassen, wenn man einer anderen Person mehr vertraut als seiner eigenen Wahrnehmung. Wenn Zweifel an dem Gesagten verboten sind. Keine unbequemen Fragen gestellt werden dürfen oder es schlicht und einfach nicht üblich ist und also von klein auf nicht gelernt wurde. Ich will da nicht sofort von geistlichem Missbrauch sprechen, aber auf der anderen Seite sind viele Missbrauchssysteme von diesem Denken geprägt: Der Leiter hat immer recht, ich darf ihn nicht kritisieren. (Ich mach mal ein bisschen Eigenwerbung, auf Youtube lese ich grade Die Gottesversprecher von Ute Aland vor: Hier! Da gibt es in den späteren Kapiteln auch diese Dynamiken, wenn auch viel extremer als in den meisten Gemeinden, die ich kenne.) Kritikfähigkeit halte ich definitiv für sehr wichtig, aber gesunde Zweifel auch. Ich glaube, es ist gut und richtig, sich von Gott, auch durch Predigten, mal zurechtrücken zu lassen, aber das darf nicht auf Kosten der eigenen Wahrnehmung gehen. Spätestens, wenn man dir sagt, was du zu denken und fühlen hast, sind Zweifel angebracht. Dann können sie ein Freund sein.

Hoffe, ihr denkt jetzt nicht sowas wie „Jetzt ist die Bithya komplett durch.“ Schönen Sonntag noch. Ach ja, und heute ist der 14.5., falls ihr in NRW lebt: Wählen gehen, ok? 🙂

3 Gedanken zu “Mein Freund, der Zweifel

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