Word against humanity #1

Bild_2022-01-19_145826Ich hab ja letztes mal schon erzählt, dass ich über den Begriff „Sünde“ gestolpert bin und Genaueres wissen wollte. Das, was ich davon gehört habe oder darüber gelernt habe war hauptsächlich sehr verurteilend bis menschenverachtend. Ein Wort als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Klingt sehr hart, aber ich bin nicht die Einzige, die schon halb wahnsinnig wurde wegen diesem Wort. Und dabei bin ich noch relativ glimpflich davon gekommen. Wie ist das mit Menschen, die eine andere Sexualität als cis-hetero leben? Was ist mit denen, die aufgrund von Schicksalsschlägen gezwungen sind, für ihre eigene Sicherheit und für die Sicherheit ihrer Kinder aus einer gewalttätigen Ehe zu flüchten? Und was ist mit denen, die aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr an den Gott der Bibel glauben? Diese Menschen in einen Topf zu werfen mit Massenmördern, Kinderschändern und manchmal dem Teufel persönlich, also wenn man das nicht gegen die Menschlichkeit nennen kann, dann weiß ich auch nicht.

OK, genug gewütet. Also, ich war in einer Diskussion, in der es darum ging, wie Jesus den S-Begriff (Sünde) genutzt hat. Da hab ich meinen Hebräischlehrer nach der Übersetzung gefragt, um über das Wörterbuch weiter zu kommen. Der meinte aber dann, dass es zu viele unterschiedliche Begriffe dafür gibt, die alle mit dem S-Begriff übersetzt werden. Kurz danach habe ich gelesen, dass genau das in den nächsten Kursterminen drankommen wird. Hm, Zufall? Idk. Und da dachte ich schon, das wäre vielleicht eine gute Gelegenheit für eine neue Reihe. Dieses mal nicht als Buchbesprechung oder sowas, sondern dass es einfach um diesen einen Begriff geht.

Also: Grundlegend ist ja schon klar, was das Normale sein sollte, wenn wir in einer optimalen Welt leben würden. In Micha 6,8 steht nach Luther:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Wenn wir uns diesen Vers in der hebräischen Bibel anschauen steht der ähnlich, aber nicht genau so. Zuerst steht da „Adam“, also es geht an alle. Adam kann zwar als Eigenname stehen oder auch Mensch heißen, aber dann eher im Sinne von die Menschheit als Spezies komplett. Und das Wort für „fordern“ kann zwar so übersetzt werden, aber es ist ein wenig unglücklich formuliert. Denn es ist vom Klang viel weicher. Es ist ein suchendes Forschen oder ein Anfragen. Eher als würde Gott etwas bei uns suchen oder uns dringend um etwas bitten. Ein Befehl steht an dieser Stelle nicht. Also wie wir das am Samstag übersetzt haben war etwa: „Man sagte dir, Menschheit, was gut ist und wonach Gott bei dir sucht.“

Und zwar nach Luther: Gottes Wort halten. Steht da so nicht. Da steht „Ki im-esot mischpat.“ Esot ist eine Form von etwas machen und mischpat ist Recht. Also „Nämlich: das Recht halten/das Recht tun“. Das Recht im positiven Sinne, dass es Beteiligte schützt und für Ordnung sorgt. „Und Liebe üben“, ich finde, das kommt dem nahe. Es steht etwas da wie „liebt die Liebe“ Und für die Liebe steht da Reset, das ist eigentlich die ultimative Form von Liebe. Im Griechischen wäre es wohl agape, das ist glaub ich eher bekannt. Es ist eine Liebe, die gibt und vor Allem den anderen und dessen Wohlergehen im Blick hat. Diese Liebe sollen wir lieben. Und auch das nicht als Befehl, denn das wäre ein klassisches Sei-spontan-Paradoxon. Eher als Ermutigung. (Ich meine, wahrscheinlich würde es uns allen auch gut tun.) „Und demütig sein vor deinem Gott.“ Puh, des ist net leicht. Das demütig sein, ja, das kann man so übersetzen, ist auch nicht falsch. Aber weil es ein verbranntes Wort ist haben wir eine andere Übersetzungsmöglichkeit genommen, die genauso gut geht: bescheiden sein. Und hier steht tatsächlich ein Befehl. „Sei bescheiden, halte dich nicht für was Besseres als alle anderen und denke nicht, dass du allein die Wahrheit mit Schaufeln gefressen hast. Du bist auch ein Mensch und kannst voll daneben liegen. Vergiss das nicht.“ Aber was ich irritierend fand war, dass hier die Sinneinheit endet, wie wenn ein Punkt den Satz beendet. Danach kommt „Lächät im-elohäicha“. Das letzte Wort, elohäicha, heißt einfach nur „dein Gott“ und lächät ist eine Form von gehen, im Sinn von unterwegs sein. Das im deutet auf eine ganz enge, stabile, kaum zu trennende Verbindung hin. Ich hab nicht genau verstanden, wie man es übersetzen kann. Aber ich glaube, es kann eine Voraussetzung sein, dass man mit Gott unterwegs ist, um das Obere zu halten. Also in etwa: „In deinem Gott hältst du Recht, in deinem Gott liebst du die Liebe und in deinem Gott bist du bescheiden.“

Wenn man dann also weiß, was das S-Wort NICHT ist, kommt man vielleicht auch eher dahinter, was damit gemeint sein könnte.

Wie schon gesagt gibt es verschiedene Worte, die damit übersetzt werden.

  • Da wäre zuerst Awon. Das hat etwas von einem Naturgesetz, denn es bezeichnet gleichzeitig eine destruktive Handlung und deren natürliche negative Folgen für alle. Wenn ich zum Beispiel anfange, Gerüchte zu verbreiten, die andere in einem schlechten Licht dastehen lassen, dann handel ich mir einerseits den Ruf ein, nicht vertrauenswürdig zu sein und andererseits vergifte ich damit das soziale Klima. Die Handlung und deren Folgen werden als eine Einheit gesehen, die nicht voneinander getrennt werden kann. Ich kann mir auch vorstellen, dass das, was wir mit dem Klima anstellen auch in diese Schiene fällt, denn grade hier sind unsere Handlungen und deren Folgen so eng verknüpft, dass es sich tatsächlich um physikalische Naturgesetze handelt. Interessant hierbei ist, dass es wohl nicht darum geht, einen Gott zu beleidigen.
  • Dann gibt es noch Pescha. Das ist ein Aufstand gegen eine gute Ordnung. (Hier geht es NICHT um das, was Stauffenberg gemacht hat!!!) Hier ist der Mensch besonders in der Verantwortung, weil es ganze Gemeinschaften und Staaten zerstören kann. Ein Beispiel wäre vielleicht die radikale Rechte oder radikale Querdenker, weil sie aus egoistischen Motiven das kaputt machen wollen, was andere über Jahre oder Jahrzehnte aufgebaut haben und was viele Menschen letztlich beschützt.
  • Und was vielleicht noch am bekanntesten ist, wäre die Zielverfehlung, Chataah. Aber anders als das, was ich früher gelernt habe geht es hier gar nicht um Schuld. Es ist nicht deine Schuld, ein Ziel verfehlt zu haben und das kann auch niemand behaupten. Denn du kannst falsche Informationen bekommen haben oder es kann ein Missverständnis gegeben haben. Es kann am Navi eine technische Panne gegeben haben, so dass es dich in eine Sackgasse geführt hat oder ein Windstoß kann das Ziel verschoben haben, so dass du es nicht treffen konntest. Du kannst dich geirrt oder etwas nicht ganz verstanden haben, so wie ich bei dem einen Satz oben, wo ich mir nicht sicher war. Das ist nichts, weswegen man andere verurteilen kann.

Allerdings, und das haben wir so nicht im Kurs gesagt, ist nur meine persönliche Interpretation, glaube ich nicht, dass man diese Kategorien von Sünde so ganz voneinander trennen kann. Denn wenn wir die radikalen Querdenker als Beispiel nehmen, die letztendlich in die Pescha-Kategorie kommen könnten weil sie sich gegen den Staat und die Demokratie als Solche auflehnen und dagegen arbeiten, diese Menschen haben ja auch eine Geschichte, wie sie zu dem geworden sind, was sie jetzt sind. Und da käme mit Sicherheit mindestens auch Chataah dazu, denn sie sind auf falsche Informationen über das Virus und über irgendwelche grotesken Weltverschwörungen reingefallen aufgrund von schlecht programmierten Algorythmen. (Was ich mit Sicherheit falsch geschrieben habe.)

Und was mir auch eingefallen ist, wahrscheinlich, wenn ich das so weiter denke, gerade mit Awon, dann könnte man viele einzelne Taten nicht per se als sündig bezeichnen, wie man es allgemein tut, weil es sehr vom Kontext abhängt. Ich meine damit, das, was hier eine negative Konsequenz haben kann für die Gemeinschaft, und damit eigentlich Awon wäre, kann in anderen sozialen Kontexten oder anderen Kulturen vielleicht sogar die gegenteilige Wirkung haben? Oder andersrum, wenn es in Kultur A die Gruppe sehr stören würde, wenn man über eigene Probleme redet, weil andere sich dann um einen zu sehr sorgen kann genau das gleiche Verhalten in Kultur B der Gruppe eher helfen, wenn dort die Norm ist, offen über die eigene Befindlichkeit zu reden. Also in einer Gruppe Awon, in der anderen nicht? (Ich hoffe, es kommt so rüber wie ich es meine. Sonst bitte Feedback 🙂 )

Soweit für’s Erste, war ja auch mehr als genug. Wer bis hier drangeblieben ist kriegt nen Keks von mir. Ich weiß auf jeden Fall, dass es noch mehr Worte dafür gibt, also denke ich, es werden noch einige Parts damit kommen. Bleib dran, wird sicher noch spannend 😉

Ein Gedanke zu “Word against humanity #1

  1. thomas schreibt:

    Sehr interessant, Danke für den Beitrag, ich freu mich auf Fortsetzung(en) !
    🙂

    Mir ist der Begriff „Sünde“ auch viel zu sehr moralisch aufgeladen, gerade in fundamentalistischen Kreisen, aber selbst auch im alltäglichen Sprachgebrauch:
    „Verkehrssünden, Kaloriensünden, Shoppingsünden“ und so weiter…
    Also etwas, das man tun, aber auch „einfach lassen kann“… angeblich… mit reiner Willenskraft natürlich… wer diese nicht aufbringt, ist wahlweise “ ungehorsam“ oder „unbußfertig“ oder weltlich gesprochen „charakterschwach“…
    ( „Buße“ ist auch nich so ein total verbrauchtes Wort, das für mich auch Demütigung suggeriert…
    „Metanoia“= umdenken/ über etwas hinaus denken finde ich da besser, weil konstruktiver)

    Dass sog. „Tatsünden“ auch oft strukturell bzw. den Umständen geschuldet sein können, wird gern ausgeblendet in den frommen Kreisen.
    Das altgriechische Wort für Sünde im NT ist wohl “ hamartia“, was auch soviel wie Zielverfehlung bedeutet.
    Interessant finde ich, dass das Wort Sünde zum ersten Mal in 1. Mose 4 auftaucht und von Gott himself verwendet wird, als er Kain warnt, bevor dieser seinen Bruder meuchelt….
    Gott stellt “ die Sünde“ als etwas geradezu personenhaftes dar, das “ vor der Tür lauert“ und „Verlangen“ nach uns hat…
    wir aber sollen „herrschen über sie“(= die Sünde).
    Wäre vielleicht interessant,welches hebräische Wort da im überlieferten Urtext steht…
    LG
    thomas

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