Desfred (Trigger!)

Vor ein paar Tagen habe ich zufällig auf Youtube einen Beitrag von KulturZeit gesehen. Ist normalerweise nicht so meins, aber da hat mich das Thumpnail irgendwie angesprochen und ich hab das Video gesehen. Falls du es auch sehen möchtest, es ist hier. Darüber bin ich auf The Handmaid’s Tale gestoßen, das Buch, von dem in dem Beitrag die Rede ist. Hab ein wenig gegoogelt und bin auf eine Serie mit mehreren Staffeln gestoßen, aber leider weder auf Youtube noch auf Netflix. Amazon Prime will ich nicht haben, ich mag Amazon nicht besonders. Naja, ich hab dann die erste Staffel gekauft und schaue es jetzt online.

Es ist echt heftig. Also für diesen Beitrag eine ABSOLUTE TRIGGERWARNUNG für Schöpfungsordnung und Sexismus. Und natürlich eine Spoilerwarnung für die erste Staffel. Ob ich mir die zweite und die Weiteren auch ansehen werde weiß ich noch nicht.

Hm, ich merke grade, dass sich mein Hirn ausklinkt. Ich schweife mit den Gedanken ab an einen Ort, wo ich die Kontrolle habe über mich und meinen Körper, auch gegen den Willen anderer. Nicht, dass ich das in Wirklichkeit nicht hätte, aber wenn man bestimmte Gedankens- und Glaubenssätze zu Ende denkt nicht, wenn es nach den Gruppen geht, an die mich diese Serie erinnert. Ich danke Gott, dass ich aus dieser Szene raus bin.

THT

Es geht um eine Frau, die Desfred genannt wird. Es ist nicht ihr richtiger Name. Ihr richtiger Name ist June, aber den darf sie nicht mehr verwenden. Der „Name“ Desfred bezieht sich auf den Vornamen Fred, des Mannes, in dessen Haus sie „stationiert“ ist. Sie ist eine Frau in einem christlich-fundamentalistischen Regime, genannt Gilead, und daher als Mensch nichts wert. Aber sie hat das zweifelhafte Glück, dass sie fruchtbar ist, im Gegensatz zu den meisten Frauen in dieser Geschichte.

Ursprünglich hatte June eine Familie, einen Mann und eine Tochter. Nachdem die Fundamentalisten die Macht an sich gerissen hatten wurde innerhalb von wenigen Minuten ihr Konto gesperrt und ihr Job gekündigt. Frauen durften von jetzt auf gleich weder arbeiten noch etwas besitzen. Sogar Lesen war ihnen verboten, wer erwischt wurde, wird verstümmelt. Sie sollten alleine ihrer gottgegebenen Bestimmung folgen, den Männern zu dienen und wenn irgendwie möglich, Kinder zu gebären. June und Luke wollten mit ihrer Tochter Hannah fliehen, nachdem Proteste von Frauen blutig niedergeschlagen wurden. Beim Fluchtversuch wurden alle drei getrennt. June wird gefangen genommen und in eine Anstalt gebracht, wo sie als offensichtlich fruchtbare Frau (immerhin hat sie eine Tochter) zur „Magd“ gemacht werden soll. Da sie während der Flucht Schüsse gehört hat weiß sie, dass Luke tot ist. Wo Hannah ist und ob sie noch lebt weiß sie nicht. Sie ist nun nicht mehr June, sondern nur noch „Mädchen“. Es wird zwar gesagt, dass Gott sie liebe und dass er nur das Beste für sie wolle, aber gleichzeitig wird ihr jede Kompetenz abgesprochen, und sei es nur, die Kompetenz, für sich selbst zu sprechen. „Selig sind die Sanftmütigen“, wird oft gesagt, und damit ist gemeint, dass Frauen still und sanft und devot zu sein haben, weil Gott es so wolle. Nach soweit abgeschlossener Gehirnwäsche, inklusive jeder Form von Gewalt (oder nachdem sie gelernt hat, sich soweit zu verstellen, dass sie physisch überleben kann) wird sie an Selene Joy, die Frau des Kommandanten Fred Waterford übergeben, in dessen Haus sie nun dienen würde. So wurde sie zu Desfred. Und ihre Aufgabe?

Einmal im Monat, während ihrer fruchtbaren Zeit (ich hätte fast geschrieben, ihrer furchtbaren Zeit) findet die „Zeremonie“ statt. Desfred kniet in einem Raum mit Bett auf dem Boden, danach kommt Selene Joy rein. Es klopft. Selene Joy bittet ihren Mann herein. Denn sie ist die Chefin für diese Zeit. Dieser stellt sich vor Desfred und liest aus der Bibel vor:

Als Rahel sah, dass sie Jakob kein Kind gebar, beneidete sie ihre Schwester und sprach zu Jakob: Schaffe mir Kinder, wenn nicht, so sterbe ich. Siehe, da ist meine Magd Bilha; geh zu ihr, dass sie auf meinem Schoß gebäre und ich doch durch sie zu Kindern komme. So gab sie ihm Bilha, ihre Magd, zur Frau, und Jakob ging zu ihr.

(1. Mose 30, 1,3 und 4. 2 wird geflissentlich überlesen.)

Dann setzt sich Selene breitbeinig aufs Bett. Desfred legt sich mit dem Kopf in ihren Schoß und mit den Beinen von der Bettkante. Und Fred kommt dazu und vergewaltigt die im Schoß seiner Frau liegende Desfred. In der Hoffnung, dass sie schwanger wird und als Leihmutter ein Kind für die beiden bekommt. Und wenn es „nur“ das wäre, dass sie monatlich rituell und angeblich „in Gottes Namen“ vergewaltigt wird wäre es schon schrecklich genug. Aber jede Situation ihres Lebens ist darauf ausgelegt. Sie wird nicht mit Hallo gegrüßt, sondern mit „Gesegnet sei die Frucht“, worauf sie mit „Möge der Herr mich öffnen“ antworten muss. Wenn sie das Haus verlässt, dann nur in Begleitung einer anderen Magd. Offiziell, weil Frauen zu schwach sind, um alleine wohin zu gehen, es könnte ihnen ja was passieren oder sie könnten Angst bekommen. Aber eigentlich, damit sich die Mägde gegenseitig bespitzeln. Denn sollte mal eine auf dumme Gedanken kommen drohen drakonische Strafen. Für gleichgeschlechtliche Liebe droht die Todesstrafe, oder wenn die Henker gnädig sind, „nur“ Genitalverstümmelung, um den Frauen zu helfen, ihre sündigen Gelüste zu verlieren. Bei Fluchtversuchen werden die Frauen in die Kolonien verbannt, wo sie Giftmüll entsorgen müssen bis sie daran sterben. Wenn sie lesen oder zu neugierig sind, werden ihnen Finger und Hände amputiert. Bei leichteren „Vergehen“ wie Wiederworten werden sie mit Elektroschocks misshandelt. Desfred wurde nach einer Fehlgeburt nach einer solchen „Behandlung“ für Wochen auf ihrem Zimmer eingesperrt. Immerhin war es ihre Schuld, dass sie das Kind verloren hat. So wie alles, was passiert, ihre Schuld ist. Wenn Frauen vergewaltigt werden (außerhalb der „Zeremonie“) ist es ihre Schuld, weil sie es provoziert haben. Wenn sie nicht schwanger werden ist es ihre Schuld. Wenn andere schlecht über sie denken oder über die „Familie“, bei der sie stationiert ist, ist es ihre Schuld, dann war sie nicht demütig genug. 

Grade bin ich in der Serie an einer Stelle, wo es vorsichtige Hoffnung gibt, dass sich die Dinge für June zum Guten wenden könnten. Aber ich weiß ja nicht… 

Naja, was ich sagen möchte: Ich finde es so gruselig, wie die Autorin der Geschichte zu Ende gedacht hat, was passieren könnte, wenn es nach dem geht, was in gewissen Kreisen gelehrt wird. Ich meine, ich bin ja eh schon ein gebranntes Kind, was diese Themen angeht. Guckst du hier. Oder noch krasser hier. Es ist einfach in vielen Bereichen so vertraut, besonders was das Frauenbild angeht und diese Versessenheit darauf, dass Männer grundsätzlich über Frauen stehen. Aber es kommt auch nach und nach raus, dass das Ganze ursprünglich gar nicht in erster Linie nur auf das Konto von Männern ging sondern auch auf das von Frauen, die diese Rolle für sich haben wollten. Und ich kann nicht sagen, dass ich es verstehe. Immerhin sind die doch auch dann die Gelackmeierten. Aber so seltsam es klingt deckt es sich doch mit meinen Erfahrungen. Denn oft waren gar nicht die Männer diejenigen, die auf diese krasse Unterordnung gepocht haben sondern die Frauen, die die Männer derart auf ein Podest gehoben und andere Frauen zu dieser Unterordnung gedrängt haben, mit entsprechenden Mitteln. (Aber in aller Regel ohne körperliche Gewalt. Immerhin.) Keine Ahnung, warum. Kommt halt raus, wenn man mehrere tausend Jahre alte Texte ohne genauer hinzuschauen auf die heutige Zeit anwenden will und am Besten sich dann noch einzelne Stellen rauspickt. Ohne es auch nur ansatzweise zu reflektieren.

Andererseits merke ich auch, dass es mir inzwischen sogar mit diesem Thema viel besser geht. Auch wenn es hart triggert, ich bin mir ziemlich sicher, dass es vor einigen Jahren noch deutlich schlimmer war und ich diese Serie sicher nicht hätte sehen können. Es ist immer noch schlimm, aber ich sehe es jetzt viel mehr als ein Teil meiner Geschichte an und als etwas, das mal passiert ist. In der Vergangenheit.

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