Die Mauer im Kopf

Aaalso, es gibt da etwas, worüber ich schon länger schreiben wollte, aber irgendwie hatte ich nie so wirklich den Anfang gefunden. Weil jeder Anfang war ziemlich trocken, obwohl ich das Thema gar nicht trocken finde. Es geht mal wieder um den Glauben und speziell darum, wie Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion von Glauben zusammenhängen könnten und aufeinander aufbauen. Oder aufbauen könnten. Denn das möchte ich hier mal sagen: Es scheint sehr wie eine einfache Erklärung für alle, aber ich denke, es ist einfach EINE mögliche Erklärung, und ich glaube nicht, dass sie auf jede Situation und jedes Leben passt.

Darauf gekommen bin ich durch irgend einen Podcast, ich weiß aber nicht mehr, welcher es war, sorry. Und hab mich dann ein wenig eingelesen. Weil ich es als Konzept sehr spannend fand. Es geht um eine Art Kreislauf, der aber immer mal wieder unterbrochen wird. 

Ich weiß von immer mehr Leuten, die Ähnliches erlebt haben wie ich: Man glaubt jahrelang fromm-fröhlich vor sich hin und plötzlich steht man wie vor einer Wand oder knallt gegen eine Mauer. Autsch. Was? Was passiert hier? Gott? Ist irgendjemand da? Habe ich zu sehr gesündigt? Bin ich jetzt verloren? Wurde ich verstoßen? Hat der Feind mich? Was ist diese Mauer? Woher kommt plötzlich diese Wand? Damit sind wir nicht alleine. Wie gesagt, ich lerne immer mehr Menschen kennen, die das kennen. Und auch in der Bibel kommen diese Erfahrungen vor. Und nicht bei Irgendwelchen, sonden bei den großen “Helden”. 

Wenn du grade an diesem Punkt bist, gerne weiter möchtest, aber merkst, du kannst es nicht hab ich eine Aufgabe für dich. Ich weiß nicht, ob sie hilft, aber vielleicht tut sie es. Versuch einmal, die folgenden neun Punkte mit vier GRADEN Strichen ALLE miteinander zu verbinden, OHNE abzusetzen. Glaub mir, es geht. Ganz unten habe ich eine Lösung.

Aber jetzt erst mal weiter im  Text 🙂

Ich glaube, man kann dieses Erlebnis auch nicht verstehen, wenn man den Glauben als etwas Statisches sieht, was man besitzt. Wie ein Buch oder ein Gebäude. Versuchen wir doch einfach mal, es als einen Weg zu sehen. Vielleicht wie ein Work-and-Travel durch Australien. Es gibt aktivere und passivere Zeiten, Zeiten in Städten und in der Wüste, Arbeit und Feiern, immer wieder neue Leute und Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen, Unsicherheiten und erlebte Hilfsbereitschaft.

Also tun wir doch mal so, als ob der Glaube so eine Reise wäre. Mit mehreren Stufen, die aufeinander folgen und sich gegenseitig bedingen. 

  • Auf der ersten Stufe erkennst du, dass Gott da ist. Du erkennst seine Barmherzigkeit und Liebe und Fürsorge, du weißt, dass du gemeint bist. Eine neue Welt tut sich dir auf, du bist gehypt auf alles, was dieses neue Leben für dich bereit hält. Du nimmst die Herausforderung an. Steigst aus dem Flugzeug und bist bereit für die nächsten Schritte.
  • Du kommst hinein in die christliche Szene, lernst das neue Leben kennen, lebst dich ein. Lernst deine Gemeinde kennen, schließt Freundschaften, vielleicht arbeitest du schon wo mit. Lernst Gott kennen, liest die Bibel, alles ist noch neu und aufregend. Im Bild von Australien aklimatisierst du dich, gewöhnst dich an die Temperaturen und lernst den “Way of life” kennen. Bekommst die ersten Jobs und kommst ein wenig dahinter, wo du Hilfe bekommst, wenn du sie brauchst. Eigentlich geht alles ganz easy und mal von einigen handtellergroßen Spinnen abgesehen hast du nur wenig Probleme. Und selbst diese Spinnen wollen auch nur leben.
  • Auf Stufe 3 ist das aktive Leben. Hier bringt man sich ein, tut etwas. Arbeitet mit, hilft mit, den Laden am Laufen zu halten. Evangelisiert, engagiert sich in der Kinder- und Jugendarbeit oder fängt an, zu predigen. Oder übernimmt Verantwortung für die Technik. Oder etwas ganz Anderes, denk dir was. “Work and Travel” halt, es spielt sich so ein und nach einiger Zeit isses auch ganz chillig.

Bis irgendwann irgendetwas passiert. Und dann steckt vielleicht plötzlich das Fahrzeug fest. Scheiße. Mitten in der Wüste, in der prallen Sonne. Fuck. Das Trinkwasser geht aus. Ich mach mir in die Hosen. (OK, ich hör ja schon auf. Aber vielleicht weißt du, was ich meine.) Naja, jedenfalls hast du jetzt die Möglichkeit, wenn man es auf den Glauben bezieht, entweder den Glauben zu verlassen, dich zum nächsten Flughafen durchzuschlagen und zu sehen, dass du den nächsten Flug nach Hause bekommst, oder du ignorierst die Situation und versuchst, zurück zu gehen in die alte, bequeme Sicherheit, setzt dich vielleicht in irgendeinem Hotel fest und machst aus dem Work-and-Travel einen Strandurlaub. Du reißt dich zusammen, singst artig Liedchen und liest brav Bibel.

  • Oder du gehst da durch, durch die Wand, durch die Mauer, weil du einfach neugierig bist, was dahinter sein könnte. Und könnte es nicht sein, dass diese Erfahrung einer Mauer ein Versuch von Gott ist, uns etwas mitzuteilen? Es ist echt harte Arbeit, sich da durchzugraben und es tut oft genug sauweh. Es hat viel mit Selbstreflexion zu tun und damit, etwas kritisch zu hinterfragen, was man sich nie getraut hat, zu hinterfragen. Man merkt, dass Glaube nicht funktioniert wie er sollte und scheinbar bricht das ganze Kartenhaus zusammen. Hiermit ist nicht eine normale Krise gemeint, man erlebt es eher wie eine Katastrophe, ein lebensveränderndes Ereignis und meistens kein Positives. Man glaubt, man muss sterben. Aber man kommt da durch. Irgendwann. Vielleicht dauert es Monate, wahrscheinlich eher Jahre. Und man merkt gar nicht unbedingt, ob man schon auf der anderen Seite ist oder nicht. Aber es ist möglich. So möglich wie es ist, neun Punkte mit vier graden Linien zu verbinden. Und du bist nicht schuld daran, dass das passiert. Es ist nicht, weil du gesündigt hättest oder Gott dich verstoßen hätte. Und du bist auch nicht zu dumm, wenn das mit den neun Punkten scheinbar nicht klappt.

Aber wenn man das geschafft hat, wenn man durch ist, dann ist man hinter den Spiegeln in einer Parallelwelt.

Quatsch! Ich konnte es mir grade einfach nicht verkneifen.

  • Aber jetzt können wir wieder leben. Und auch wieder etwas tun, aber dieses Tun ist jetzt anders. Denn wir sind jetzt anders. Geerdeter, freier, denn wir haben erlebt, dass diese Grenze, die wir dachten, wir dürften sie nie durchbrechen, gar keine war und dass es dahinter ein noch viel weiteres Land gibt. Wir haben erlebt, dass Gottes Liebe auch das aushält. Vielleicht tun wir jetzt dasselbe wie vorher in einem ähnlichen Setting, nur unter anderen Vorzeichen. Vielleicht tun wir auch etwas ganz Anderes, an das wir früher nie gedacht hätten. Und wenn wir etwas tun dann nicht, weil wir uns dazu von Gott gezwungen sähen. Wir nehmen uns auch Pausen, wo wir welche brauchen. Wir sind mehr als unsere Werke. Aber wir haben die Vision von einer besseren Welt und wollen mithelfen, diese bessere Welt Realität werden zu lassen.
  • In der sechsten Stufe wachsen wir in der Liebe. Denn Gott möchte, dass unsere Liebe vollkommen wird, unsere Liebe zu ihm, zu Mitgeschöpfen und zu uns selbst. Wie er das bei jede/m von uns macht kann ich nicht sagen, das ist schließlich total individuell. 

AAAABER: Diese Stufe geht dann wieder in die Stufe eins über, wir lernen ihn besser kennen und der Kreislauf beginnt erneut. Schöne Aussicht? However. Vielleicht ist das einfach das Leben.

Peter Scazzero hat übrigens einige Tipps und Fragen zur Selbstreflexion formuliert, wie man es sich leichter machen kann, bei er nächsten Mauer keinen Schädelbasisbruch zu erleiden. Sie sind allerdings teilweise sehr christlich. Deswegen schreib ich sie in meinen eigenen Worten.

  • Wie schnell kann ich gekränkt werden? Urteile ich über andere, weil mich etwas an ihnen anpiekst?
  • Wie komme ich damit klar, dass ich Gott nicht besitze? Dass ich ihn nicht mal richtig kennen kann?
  • Bekomme ich es hin, mit Unsicherheiten umzugehen? (Ambiguitätstoleranz) Kann ich auf Gott warten und kann ich auch ohne direkte Order von ihm handeln?
  • Muss ich immer mehr haben oder komme ich auch mit weniger klar ich ich vermutet habe?

Laut Sazzero sind das nämlich mögliche Gründe von Gott, uns gegen die Mauer zu führen. Ob das stimmt weiß ich nicht, halte es halt für eine Möglichkeit. Und für mich persönlich für eine Erklärung. Aber das, was ich eigentlich mitteilen will ist, dass eine solche Mauer für uns vielleicht gar nicht so ungewöhnlich ist und zu einem Leben mit Gott dazu gehört? Und dass sie eine Chance bietet. Wenn man offen ist. Wenn man den Gedanken zulässt, dass Gott vielleicht ganz anders ist, als man ihn bisher erfahren hat. Größer. Liebevoller. Aber auch seltsamer und einfach der ganz Andere. Wenn man immer in seiner Bubble bleibt, gibt es so viele Dinge, die man nicht in sein Weltbild einbringen kann, weil man sie nicht mal denken kann. Manchmal muss man eben über sich selbst hinauswachsen, über seine eigenen Ansichten und Ideen von der Welt und sich und Gott. Man muss die Mauer in seinem Kopf sprengen um zu sehen, dass es dahinter weiter geht. Dass es ein noch weiteres Land gibt. So wie bei den neun Punkten. 

Denn hier ist eine mögliche Lösung:

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