Tagebucheintrag – oder so ähnlich :-D

Freitag:

Es ist doch ziemlich seltsam, wie Corona einen verändert hat. Zumindest mich. Ich meine, ja, schon auch auf die negative Weise, dass ich wieder viel mehr Ängste habe und wieder sehr nah am Wasser gebaut bin und weniger Kontakt zu mir und anderen habe.

Aber ich meine auch so Dinge wie, dass ich heute Nachmittag durch die Stadt gegangen bin und einfach so unglaublich dankbar bin für die Freiheit, die ich zwar vor Corona auch genossen habe, aber doch immer irgendwie als normal, selbstverständlich gesehen habe. Dass ich draußen keine Maske mehr tragen muss und unbeschwert durch die Einkaufsstraße laufen kann. Ich bin dankbar, dass ich Menschen sehe und für das schöne Bild, das besetzte Tische in einem Cafe abgeben. Und für das Plakat vor dem Kino, das verspricht, dass es bald wieder los gehen kann. Und für die ersten Filmplakate, auch wenn ich nicht alle davon sehen möchte. Ich glaube, wenn ich das vor zwei Jahren gehört hätte, hätte ich wohl am Verstand meines Zukunfts-Ichs gezweifelt und mein Zukunfts-Ich hätte gesagt „Warte du mal ab, du weißt ja nicht, wie gut du es in deiner Ahnungslosigkeit hast.“

Dann frage ich mich manchmal, wo ich heute eigentlich noch ahnungslos bin. Was das nach draußen gehen ohne Schutz vor unerträglicher Hitze angeht, zum Beispiel. Dass ich im Sommer mich in die Sonne setzen kann ohne dass es lebensgefährlich wird, weil die Erdüberhitzung so krass ist, dass man für Wochen planen muss, wann man vielleicht mal raus kann um etwas einzukaufen. Naja, das sind dann auch so Gedanken, die mir durch den Kopf gehen.

Jedenfalls war es wie ein zweiter Geburtstag für mich, als ich zwei Wochen nach meiner letzten Spritze als immun galt. Ich muss keine Tests mehr machen, ich kann gehen, wohin ich will und mit wem ich will. Theoretisch könnte ich mich mit unbegrenzt vielen Menschen treffen. Klar, kein Impfschutz ist zu 100%, aber der hier ist schon ziemlich gut. Es tut so gut, wieder ein bisschen zu leben. Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gesagt und geschrieben habe und ich weiß nicht, wie oft ich es noch schreiben werde. Ich meine, es fühlt sich wirklich an wie aus einem Dornröschenschlaf aufgewacht. Die Dornenhecke verschwindet und die Menschen um einen herum erwachen wieder zum Leben. Und man selbst auch.

Samstag:

Eigentlich wollte ich heute auf eine Pride-Veranstaltung, aber ich hatte leider Rückenschmerzen, deswegen bin ich da nicht hin.

Aber später hab ich mich mit einer Bekannten (oder bald schon Freundin) getroffen. OK, vorher hab ich ne Ibu genommen, aber die wirkt schon ziemlich gut. Wir sind mit einer Art Museumsbus den Berg hoch gefahren und dann durch den Schlosspark gelaufen. Ich hab diesen Museumsbus noch nie genutzt und sie war kaum mal im Schlosspark gewesen, also haben wir beide was Neues gesehen. Und es war echt voll schön. Wir haben die Aussicht über die Stadt genossen, uns die Blumen angesehen (sind beide so Naturfans), mitgebrachten Kuchen gegessen, gequatscht über alles Mögliche und dann sind wir auf Umwegen wieder den Berg runter gelaufen, haben schöne Ecken und Gassen gesucht und sind auch fündig geworden. Kaum zu glauben, was es für schöne Ecken gibt. Haben unterwegs noch spontan einen Cappuchino in einem winzigen Cafe getrunken, es war wirklich schon wieder wie vor Corona. Gut, im Museumsbus mussten wir ne Maske tragen, aber das war auch schon alles und das ist ja wirklich nicht so schlimm. Sie meinte, sie fand es total entspannend und ich bin einfach nur dankbar für diesen Tag. Einer, der vor Corona zwar auch sehr schön, aber auch normal gewesen wäre. Und heute ist er wirklich etwas Besonderes.

Und dann grade in den Emails den Vorschlag bekommen, im Herbst 2022 bei einer Wander-/Pilgerreise durch Israel mitzumachen. Natürlich sofort glänzende Augen gehabt. Wenn dieser riesige Co2-Fußabdruck durch das Fliegen nicht wäre… . Andererseits: Man lebt nur einmal… . Mal sehen. Hab mich noch nicht entschieden. Ist ja noch Zeit.

Sonntag:

Würde mal sagen: Shit happens.

Ich hatte Trigger. Die aber eigentlich vermeidbar gewesen wären, wenn ich besser aufgepasst hätte. Also kann ich niemandem einen Vorwurf machen. Kann ich ja sowieso nicht weil niemand etwas dafür kann. Ich bin also vor Allem auf mich selbst sauer. Aber das Gute daran ist, dass ich gemerkt habe, dass ich inzwischen auch ziemlich gut damit umgehen kann und mich ganz schnell wieder stabilisieren konnte.

Naja. Ich war halt im Gottesdienst, ich dachte, dieses Wochenende will ich jeden Tag etwas Schönes erleben. Ich habe aber nicht nachgesehen, welcher Bibeltext dran kam. Es war leider einer, der für mich toxisch ist. Eine der Atombomben. (Link 1) Ich konnte mich fast null auf den Inhalt konzentrieren, weil die Programmierungen in meinem Gehirn wieder abgelaufen sind, diese alten Regeln von wegen nicht für sich selbst sorgen dürfen, nicht selbst entscheiden dürfen, was mir gut tut, kombiniert mit dem „Ich hätte die fundamentalistische Szene nie verlassen dürfen, das war ein Sakrileg und ich werde ewig verloren sein.“ Ich saß in der Reihe und hab fast hyperventiliert und die Tatsache, dass noch wegen Corona große Abstände eingehalten werden mussten hat es eigentlich noch schlimmer gemacht, ich war in meinem Kopf schon ganz alleine und von Gott und den anderen Christen getrennt. Keiner wollte etwas mit mir zu tun haben, ich bin raus, ausgeschlossen, man meidet mich, wechselt die Straßenseite, antwortet mir nicht. So hat es sich in dem Moment angefühlt. Gleichzeitig wusste ich, dass das Ganze nur in meinem Kopf passiert und nicht real ist. Niemand hat mich wirklich ignoriert oder verstoßen. Es war nur in meinem Kopf. Ich dachte, ich schaff das, ich steh das durch, ich halt das noch aus, ohne wieder raus zu gehen. Aber dann ging es leider doch nicht und ich musste wieder eine Auszeit nehmen.

In der Toilette brauchte ich aber gar nicht lange. Das hat mich überrascht. Ich hab gegen die Wand geschlagen, hab „Scheiße!“ gerufen, weil ich so sauer auf mich war, dass es wieder passiert ist. Dabei hab ich mich auf den Gottesdienst gefreut, und darauf, die Leute wieder zu sehen. Aber nachdem ich mir ein bisschen das Gesicht gewaschen hab und ein paar mal durchgeatmet hab ging es wieder und ich konnte wieder hoch gehen. Gott sei Dank konnte ich während des Schlussgebets auf den Platz zurück, damit ich keine zu große Aufmerksamkeit errege. Ich glaube, es hat keiner wirklich gemerkt.

Interessant war dann eine Situation nach dem Gottesdienst. Eine Frau war zu Besuch, die wohl noch mehr abbekommen hat als ich in den krassen Kreisen. Sie hat eine ziemliche Szene gemacht. Ich hab es nur beobachtet, war etwas perplex und dachte, die könnte wirklich eskalieren. Gleichzeitig hab ich mich gefragt, was wohl ihre Geschichte ist. Was sie so verletzt hat. Ich würde ihr gerne helfen. Weiß aber nicht, ob ich schon dazu in der Lage bin, wenn mir so etwas immer noch manchmal passiert. Ich brauche doch selbst noch Hilfe.

Kleiner Nachtrag: Als ich eben mit Gott darüber gesprochen habe, also über diese Frau und über meine Situation, hatte ich (als Antwort?) „Love My Life“ im Kopf. (Link 2) Ich weiß nicht, ob für sie oder für mich, glaube aber für uns beide. Manchmal möchte ich ihn einfach nur umarmen. ❤

Montag:

Nachdem der Großteil des Tages spontan etwas speziell war, war der Abend eigentlich ziemlich entspannt und hat mir wieder etwas Hoffnung gegeben. Ich hab ja bestimmt schon mal vom Freiraum geschrieben. Vor Corona gab es da Spieleabende, Kunstausstellungen, Lesungen, BAJ-Abende und so weiter und noch viel mehr. Ein schöner Ort um nicht alleine zu sein. Während Corona war es für mich ziemlich schlimm, dass es keine Veranstaltungen gab.

Heute gab es aber ein Treffen für Leute, die den Freiraum wiederbeleben möchten. Waren so ungefähr 10 Leute und hatten einige Ideen. Bisher wenig Konkretes, ein bisschen schon, aber das wird schon. Ich freu mich drauf. Und ich warne die Delta-Variante und alle anderen Konsorten, wenn sie die Sache kaputt machen, dann mache ich sie kaputt!

OK, das hier ist jetzt echt schon lange genug. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so einen langen Artikel geschrieben habe. Ich hab echt wieder Böcke, zu schreiben, hoffentlich gibt es auch wieder mehr Interaktion, mit Kommis und so weiter. Morgen geht für mich die Woche wieder los und dann freue ich mich immer, wenn ich zwischendurch etwas Liebes oder einfach nur eine Meinung lesen kann die zeigt, dass jemand mein Geschreibsel gelesen hat.

Link 1: https://gemigblog.wordpress.com/2020/05/21/bibel-update-vol-1/

Link 2: https://www.youtube.com/watch?v=eb6nSZApSVQ

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