Eingefroren

Ich vermisse es, bei schönem Wetter in die Stadt zu gehen und zu sehen, dass die weißen Treppen zum Fluss so mit Menschen besetzt sind dass man keinen Platz mehr findet. Ich vermisse den Geruch von Wasserpfeifen, wenn man am späten Nachmittag da vorbei geht und drei, vier Grüppchen illegalerweise um ein paar Shishas sitzen und chillen. Und andere Eis essen oder Döner oder etwas anderes. Oder einfach lesen oder da liegen, Ich vermisse es, mich mit einem Buch dabei zu setzen, vielleicht jemanden zu treffen, den ich kenne und ein bisschen zu quatschen.

Ich vermisse diese Atmosphäre, wenn die Tische vor den kleinen Cafes und Bars voller Besucher sind. Ich vermisse es, mich spontan mit Freunden zu verabreden und einen Latte Macchiato oder einen Ipanema (heißt das so?) zu bestellen und wenn man jemanden vorbei kommen sieht, ihm zu winken, sich dazu zu setzen. Oder wenn ich sehe, dass ein toller Film im Kino läuft, einfach mal so eine Karte zu kaufen und mich in den Kinosaal setzen zu können.

Ich vermisse die Spieleabende im Freiraum, den Hebräischkurs mit den Psalmen, die theologischen Workshops mit den Diskussionen und den neuen, stimmigeren Blickwinkeln und dem spontanen Kneipenbesuch hinterher. Ich vermisse Autorenlesungen und Bibelartjournaling, bei dem wir unsere Farben untereinander tauschen und teilen können. Ich habe mich sogar dabei erwischt, ausgerechnet ich, wie ich es vermisse, aus einer Flasche mit anderen zu trinken.

Ich vermisse Demonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmern oder mehr, zusammen für eine bessere Welt kämpfen, Blockaden, den CSD, Präsenzgottesdienste, die Plena, bei denen man sich live und in Farbe treffen kann, andere Treffen, zusammen etwas Schönes aushecken, ein riesiges Kinderfest planen, ein Training für Zivilcourage, einen Abendgottesdienst oder einfach das Wissen, etwas erreichen zu können.

Oder einfach, mich ohne Gewissensbissen mit meiner Familie zu treffen, ohne diesen Gedanken im Hinterkopf, ob ich ihnen den Tod ins Haus bringe, ohne es zu wissen oder dass ich egoistisch sei, weil ich Menschen, die ich liebe, treffe während andere sich bestimmt komplett isolieren. Jedenfalls nach dem, was diese anderen Menschen sagen. Ich vermisse es, nicht für meine grundlegenden Bedürfnisse verurteilt zu werden, auch wenn ich den Grund verstehe.

Ich vermisse diese Unbeschwertheit. Das, von dem ich immer dachte, es sei selbstverständlich. Menschen umarmen, anlächeln, sich neben jemanden setzen. Präsenzveranstaltungen. Ich hab nichts gegen Onlineveranstaltungen, das wäre für einen Nerd ja auch seltsam, aber das ist doch nicht alles. Es fühlt sich so an, als würde mein ganzes Leben auf Eis liegen, als wäre alles eingefroren. Und ich auch. Ich weiß gar nicht mehr, was ich fühle, wie es mir geht, was ich denke.

Wenn man mich fragt, wie es mir geht, sage ich gut. Weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll. Die Wahrheit ist, dass ich nicht weiß, wie es mir geht. Es geht mir gar nicht. Das trifft es irgendwie am besten.

Vor meinem inneren Auge hab ich gestern ein Maßband gesehen. Ausgerollt. Und eine Markierung bei der Zahl 35, so alt bin ich grade. Das Ende war das Alter, was ich möglicherweise erreichen werde. Und die Zeit, in der Corona wütet schwarz. Von der 34 bis zur 35, höchstens 36, aber ich glaube eher 35. Hm, gemessen an der ganzen Spanne dieses Maßbandes ist es nicht viel mehr als ein kleiner Punkt. Ein brutaler, hässlicher Punkt, aber eben nur ein Punkt.

Sollte dieser Punkt meine Zukunft bestimmen? Es wird eine Zeit geben, die nicht schwarz markiert ist. Das ist die Zeit der Spieleabende, Kinobesuche, der vollen Treppen und Ipanema. Von Grillparties, Festivals, Worthaus, vielleicht Israel-Reisen und allem, was das Leben so schön machen kann. Ich hoffe nur, dass irgendwann das Leben aus dem Eispanzer ausbricht, dass dieses Eis schmilzt. Ich hab genug von dieser Art Winter.

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