Friends

Ich hab vor Kurzem eine Podcast-Folge gehört, die mich ein wenig aufgewühlt hat. Also, nicht unbedingt auf eine schlechte Art, eher auf eine, die manche Leute vielleicht einen Anstoß zur Schattenarbeit nennen würden. (Ich packe den Link unter den Artikel, weil ich noch nicht rausgefunden hab, wie ich bei diesem doofen, neuen WordPress den Link auf eine Art integrieren kann, die nicht völlig banane aussieht.) Auf jeden Fall hat eine ehemalige Evangelikale über ihr Leben in der Szene erzählt und wie sie als Tochter eines Gemeindeleiters aufgewachsen ist. Das große Vorbild in der Gemeinde, und gleichzeitig musste sie immer eine Maske tragen, weil niemand wissen durfte, was wirklich in ihr vor ging. Weil sie als Vorbild auch eine gewaltige Verantwortung hatte. Sie hatte mit dafür zu sorgen, dass der schöne Schein gewahrt bleibt. Das hat mich daran erinnert, wie ich als Jugendliche und junge Erwachsene in meiner Familie mich bis über meine Grenzen bemüht habe, eine schöne, perfekte Christenwelt zu repräsentieren, und wenn ich dabei zusammengebrochen bin, egal, Hauptsache, mein Zeugnis war gut.

Aber das war nicht das, was ich mit meiner Schattenarbeit meinte.

Es ging um die Freundschaften.

Ich nehme an, es lag daran, dass ich auch immer, oder besser: besonders in meinen ersten Jahren als evangelikale Christin als das große Vorbild hingestellt wurde, das die besondere Verantwortung vor Gott hätte, die eigene Familie zu Jesus zu führen und in gewisser Weise auch durch ihr Feuer für Gott andere in ihrem Umfeld anzustecken. Ich meine, ich war ja schon alleine dadurch etwas Besonderes, weil ich eben (im Gegensatz zu der Frau aus dem Podcast) nicht in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen bin und mich erst als Jugendliche bekehrt hab. Da war ich eben ein Exot, etwas, das sonst kaum passiert ist. Und außerdem lag es wohl daran, dass die ganze Szene sehr hierarchisch war, also der Leiter war überall die Person, die das Sagen hatte, in allen Dingen. Ich will hier jetzt nicht ins Detail gehen, aber diese Hierarchie ging schon ziemlich weit. Und war praktisch allgegenwärtig. Bei allem musste es einen Leiter geben, der die letzten Worte hat, dass Dinge ausdiskutiert wurden oder abgestimmt oder dass Entscheidungen einfach aus der Gruppe heraus getroffen wurden war alles andere als die Regel.

Jedenfalls scheint das auf eine ganz komische, mit Sicherheit ungesunde Art Auswirkungen gehabt zu haben auf die Art und Weise, wie Freundschaften geschlossen und gelebt werden. Das hat die Frau im Podcast über sich erzählt und nach einigem Widerstand hab ich es auch bei mir gesehen. Denn Freundschaften wurden sehr oft nicht aufgrund von Sympathie geschlossen sondern aufgrund von einer Art Nützlichkeit. Kann der andere mir nützlich sein in dem Sinne, dass ich von ihm lernen und von ihm näher zu Gott geführt werden kann? Oder kann ich dem anderen helfen, sich im Glauben zu entwickeln und näher zu Gott zu kommen? Es ging auch hier immer um Hierarchie, entweder der andere hat mich angeleitet oder ich hab den anderen angeleitet. Auf Augenhöhe oder auch nur, dass mal ich und mal der andere angeleitet haben war total selten. Ich weiß noch, dass ich mich zu Unizeiten mit einer anderen Studentin angefreundet hab, sie war immer irgendwie reifer und weiter als ich, zumindest hab ich das so gesehen. Ich will nicht sagen, dass es keine richtige Freundschaft war, aber es war schon so, dass sie immer über mir stand und ich war immer die kleine Schwester. Später hab ich über sie eine andere kennen gelernt, die ich als total geisterfüllt erlebt hab und das war für mich der Grund, mich mit ihr anzufreunden, weil ich gehofft hab, sie könnte mich näher zu Gott bringen. Später hat sich diese Sache dann eher umgekehrt und ich war dann die, die sie stabilisiert und sich um sie gekümmert hat. Und auch vorher, in der Oberstufe, hatte ich eine Freundin in der Schule, die ging in eine besonders konservative Brüdergemeinde, sie hat mir besonders am Anfang unglaublich leid getan, weil ich dachte, sie muss total unfrei sein, weil sie durch so viele Regeln eingeschränkt wird. (Stellte sich heraus, dass das auch so war.) Die Freundschaft hat echt lange gehalten, aber ich war irgendwie immer in der Position, dass ich mich um sie gekümmert hab und ihre Lasten getragen hab. Die Freundschaft hat gehalten bis sie geheiratet hat, danach war es ziemlich schnell vorbei. Leider.

Ich kann mich bei den ganzen Beispielen hier wirklich nur an ganz wenige Situationen erinnern, bei denen es diese Hierarchie nicht gab oder in der sie kurze Zeit gewechselt hätte. Immer war entweder ich oben oder unten. Und ganz ehrlich: Meistens war ich oben, besonders ab dem Moment, wo ich nicht mehr nur in meiner ersten Gemeinde war, sondern auch in anderen Settings Freundschaften geschlossen hab. Denn ich hatte es so verinnerlicht, ein gutes Zeugnis sein zu müssen und eine besondere Verantwortung von Gott zu haben, andere zu ihm zu führen, dass ich gar nicht mehr anders konnte. Ob die jeweils anderen es auch so empfunden haben weiß ich nicht.

Und es ist nicht so, dass es etwas ist, was nur die Vergangenheit betrifft. Ich habe gemerkt, dass auch die Freundschaften, die ich heute hab, in ganz vielen Fällen noch dieses Muster haben. Oder besser: In fast allen Fällen. Ausnahmen gibt es ganz wenige. Meine Freunde sind auch heute ganz oft noch welche, die irgendwelche Probleme haben und um die ich mich kümmern kann. Ich meine, du kennst sicher einige Blogartikel, die das bestätigen… *hust* Kat! Ist eigentlich ein ganz klassisches Beispiel. Das ist echt krass. Ich meine, ist das dann überhaupt eine echte Freundschaft? Ich meine, ich mag die Leute trotzdem echt gerne. Aber ich glaube, ich käme nie auf die Idee, mir bei Kat Hilfe zu suchen, wenn ich sie bräuchte. Ist allgemein so, dass ich ganz schwer Hilfe von Freunden annehmen kann, ich hab den Verdacht, dass sich diese Position von der Helfenden sich so stabilisiert hat, dass ich automatisch in diesen Modus verfalle. Ich weiß aber auch nicht, was ich da konkret wegen tun kann… . Bin ich überhaupt in der Lage, echte Freundschaften aufzubauen und zu halten?

Der Podcast:

https://365grad.podigee.io/27-gottalsdroge

2 Gedanken zu “Friends

  1. Kira Tamir schreibt:

    Ich glaube ja auch, dass solche Dinge prägen und die Art und Weise unseres Handelns beeinflussen. Aber Du solltest da wirklich nicht so streng zu Dir sein! Du sagst, Du hast die Leute echt gerne. Das ist es doch, was Freundschaften ausmacht – dass man Zeit mit Menschen verbringt, die man gerne um sich hat. Die man mag. Und wenn das Ganze in Bezug auf helfen und sich helfen lassen unausgewogen ist, dann ist das schon ein Punkt, auf den man schauen sollte – einfach deshalb, um seine persönlichen Grenzen zu schützen. Sich im Helfen nicht völlig zu verlieren und dann dabei selbst auszubrennen. Aber es ist kein Grund, sich als Freund in Frage zu stellen. Für Menschen da zu sein, die man mag, ist etwas sehr Schönes. Sich selbst so weit fallen zu lassen, dass man um Hilfe bittet, kann verdammt schwer sein. Auch ohne evangelikalen Backround 😉 Diese Sicherheit, dieses Vertrauen aufzubauen…das kann echt kompliziert sein, gerade wenn die eigenen Erfahrungen und Prägungen dem entgegenstehen… Das macht einen aber nicht automatisch unfähig, Freundschaften zu pflegen. Bithya, genieß die Zeit, die Du mit Deinen Freunden verbringst. Und wenn sie Hilfe brauchen und Du helfen kannst und willst, dann tu es. Und vielleicht kannst Du ein klein wenig einüben, in ganz kleinen Dingen, auch mal zu fragen, ob DIR jemand helfen kann… und wenn es nur darum geht, an einem Sonntag nach einer Packung Mehl und zwei Eiern zu fragen. Nur um mal zu testen, wie sich das anfühlt. Weißt, solange Du gerne mit den Menschen zusammen bist, ist nichts daran falsch oder unecht. Und an allem anderen kann man arbeiten, wenn das wichtig für Dich ist. Das „sich helfen lassen“, meine ich.
    Alles Liebe 💙

    Gefällt 1 Person

    • bithya85 schreibt:

      Danke, du Liebe. Vielleicht bin ich wirklich sehr streng mit mir. Ich befürchte einfach, dass ich in so Situationen arrogant rüber komme. Und das möchte ich nicht. Die aus der Szene, mit denen ich noch Kontakt habe sind wirklich nicht sehr viele, aber sie waren für mich sehr gute Freunde, wenn auch oft mit diesem Gefälle. Allerdings haben sie sich inzwischen alle mehr oder weniger von mir distanziert und einige davon so plötzlich und kommentarlos, dass ich einfach nicht weiß, was los war. Und auf meine Nachfrage sagen sie, es wäre nichts weiter gewesen, das glaube ich aber nicht. Ich möchte halt wirklich nicht arrogant erscheinen oder sein.
      LG

      Gefällt 1 Person

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