Tanelon

In einem Buch, das ich mal gelesen habe ging es um Egal-Kinder. Kinder, die allen egal waren und die auf der Kippe standen, deswegen ihr Herz zu verlieren. Sie bekamen ein Goldenes Ticket und konnten damit verschiedene Refugien bereisen, halb-reale Orte mit speziell auf sie zugeschnittenen Herausforderungen, in denen sie sich ihren Ängsten, ihrer Wut und ihren Depressionen stellen mussten. Wenn sie dabei versagten, wurden sie zu einem Menschen ohne Herz und rutschten in die Sucht, Kriminalität und so weiter ab. Wenn sie erfolgreich waren, konnten sie ihr Leben verändern. Und sie konnten in das letzte Refugium, das einzige Refugium, in das man ohne Abstriche gerne reist. Nach Tanelon.

In dem Buch wurde nicht näher beschrieben, wie Tanelon war. Aber es muss so schön sein, dass es alle Verluste, Anstrengungen und Traumata kompensieren kann. Ein Zitat aus dem Buch hat mich dann über Jahre begleitet: „Wenn alles schief geht, bleibt mir immer noch Tanelon.“ Sagte eines der ehemaligen Egal-Kinder. Es war in der Phase, in der ich selbst das erste mal mit Depressionen zu tun hatte.

Tanelon. Das letzte Refugium. Offen für alle, die Heilung suchen von ihrer Vergangenheit. Ein sicherer Ort. Wo man sich fallen lassen kann. Wo man getragen wird. Aufgefangen. Wo man einfach sein kann. So hab ich es mir immer vorgestellt. Und so wurde es für mich zu einem Bild für Gottes Reich. (Oder den Himmel? Kann man das so sagen?)

Ich hab noch keinen Ort gefunden, der wirklich dauerhaft wie Tanelon für mich ist. Ich weiß nicht, ob es ihn auf der Erde gibt/geben kann. Aber ich hab immer wieder Fragmente gefunden. Wo es teilweise nahe kommt. Gemeinden oder Kirchen, in denen ich einfach ich sein kann und wo nichts von mir erwartet wird, was ich nicht leisten kann. Gruppen, Menschen, Orte und Situationen, die das Leben wertschätzen und sich entwickeln lassen. Inzwischen auch meine Familie. Manchmal die Arbeit, aber nur manchmal. Extinction Rebellion (abgekürzt übrigens XR, falls du dich schon in anderen Beiträgen gefragt hast, was das bedeuten soll), friedlich, fröhlich, kreativ und bunt, aber auch entschlossen, solidarisch und couragiert. Durch Corona ist vieles andere weg gefallen und auch das, was noch bleibt wird von vielen Leuten nicht unbedingt wohlwollend gesehen. Also, dass ich zum Beispiel meine Familie besuche oder dass ich bei XR bin. Aber dann versuche ich immer, mir zu sagen, dass ich nicht dafür lebe um anderen zu gefallen. So schwer es mir manchmal fällt. Es muss nicht jeder alles gut finden an mir und was ich so tue und lasse und ich bin trotzdem wertvoll. Ich glaube, das ist auch etwas, was ich an diesen Orten und in diesen Gruppen lerne, die für mich wie Tanelon-Fragmente sind.

Vor einiger Zeit hab ich von einer ganz lieben Bekannten ein Heft zugeschickt bekommen. Von der Kirche. Ich weiß nicht, wie ich in ihren Verteiler gelandet bin und warum ich es bekommen habe. Ich meine, ich bin keine Hauptamtliche, noch nicht mal wirklich eine Ehrenamtliche. Oder momentan besonders Aktive. Mir fehlt einfach die Gelegenheit und oft auch die Kraft dafür. Ich glaube, ich habe mich auch deshalb so darüber gefreut, weil es so unerwartet und unverdient kam. Es geht viel darum, wie Kirche neu gedacht werden kann. Was an den alten Strukturen gut und wertvoll ist und was erneuert oder verändert oder weiter entwickelt werden sollte. Oder auch, was in den Müll wandern kann. Da würde mich übrigens interessieren, was du so darüber denkst. Was an Kirche und Gemeinde kann so bleiben, was sollte wie verändert werden und was kann ganz weg? Was sollte vielleicht auch neu dazu kommen? Und warum?

Aber das war für mich auch ein Tanelon-Moment.

Heute morgen hatte ich Besuch von einer anderen lieben Bekannten. Ich möchte noch nicht Freundin sagen, dafür kennen wir uns noch nicht gut genug, dank Corona, mal sehen, wie das in Zukunft ist. Ich könnte gute Freunde gebrauchen. Aber wir schreiben uns manchmal über Whatsapp und vor einigen Tagen hab ich sie einfach gefragt, ob sie gerne mal etwas machen möchte. Ich musste mich ziemlich überwinden, weil ich nicht wusste, ob sie das vielleicht als egoistisch und unverantwortlich sehen könnte. Aber sie hat sich gefreut und gesagt, dass sie auch schon öfter bei mir vorbei gekommen ist und überlegt hat, mal spontan zu klingeln, dann es aber doch nicht gemacht hat, weil sie nicht wusste, ob ich das vielleicht egoistisch und unverantwortlich finden könnte. Und so haben wir uns zum Frühstücken getroffen. Vor einem Jahr wäre das ja noch kein großes Ding gewesen, aber in Zeiten von C… . Gut, ich mache mir jetzt dumme Gedanken, ob ich an einer Stelle vielleicht unfreundlich war, aber das kenn ich schon von mir. Und ich will dem auch nicht zu viel Raum geben. Noch ein Tanelon-Moment.

Vor ich glaube, zwei Monaten oder so hab ich mir Sonnenblumenkerne im REWE gekauft, für einen Brotaufstrich. Ich hab sie ein paar Stunden im Wasser eingeweicht, um sie dann pürieren zu können. Dabei hab ich aber zu viele genommen und einige hab ich einfach übrig gelassen, also die blieben in der Schale und wurden nicht püriert. Ich wollte sie dann irgendwann innen Salat schmeißen. Aber nach zwei, drei Tagen hab ich gesehen, dass manche von ihnen tatsächlich keimen. Ich war ziemlich überrascht, denn ich dachte, diese Kerne, die man so kaufen kann, sind doch sicher so totgezüchtet, dass da nicht mehr viel von dem natürlichen Wachstum übrig ist. Also, einfach so aus Neugier und Experimentierfreude hab ich sie mal eingepflanzt. Ich wollte einfach mal schauen, was passiert. Es kam tatsächlich etwas und als die ersten Blätter zu sehen waren, hab ich wirklich gestaunt. Schon alleine, weil ich eigentlich keinen grünen Daumen habe. Aber die hier wollten unbedingt leben. Und es war wirklich interessant zu beobachten, ich hab insgesamt 5 Kerne in 3 Töpfen gepflanzt, die dann auch gewachsen sind. Die Pflanze, die einen Topf für sich alleine hatte ist bisher am größten geworden. Die anderen, jeweils zwei pro Topf, sind deutlich kleiner. Aber da konnte ich auch beobachten, dass ein Päärchen sich ineinander verschlungen hat und sich so gegenseitig Halt gegeben hat während das andere Paar „nur“ nebeneinander gewachsen ist. Ich dachte, gibt es vielleicht etwas wie Freundschaft unter Pflanzen??? Lach mich bitte nicht aus. Ich hab nämlich irgendwie auch eine Art Beziehung zu diesen Pflanzen aufgebaut. Verrückt, was? Ich mag sie einfach. Und ich möchte, dass es ihnen gut geht. Auch ein Tanelon-Moment.

Und jetzt, vor einiger Zeit hab ich etwas Neues an ihnen gesehen und ich glaube, meine Reaktion war pures Gold. Aber schau selbst:

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