Fundstück von Facebook #2

Von SUVs, der Arche und Noahs fatalem Schweigen.

Hier die Fortsetzung des Textes. Diesen 2. Teil finde ich teilweise ziemlich genial.

Im letzten Artikel:

Im Folgenden möchte ich über diese kognitive Dissonanz nachdenken, indem ich mich auf zwei Fragen konzentriere: eine seltsame und eine existentielle. Zunächst die seltsame: Warum sollten wir eigentlich das Klima schützen?

Und jetzt die Fortsetzung:

2) Wer wollen wir eigentlich sein – angesichts des Klimawandels?

Drei biblische Identifikationsfiguren – von aktueller Relevanz.

a) Wir sind Noah. Also: Die Katastrophe kommt. Unsere Aufgabe ist es, uns selbst und unsere Liebsten zu retten, da wir sicherlich zu den schützenswert Auserwählten gehören. Dies ist die „SUV-Religiosität“ unserer Tage. Anders lässt sich m.E. der irrationale Boom dieses Automodells in Zeiten des Klimawandels schwer erklären. Es sind fahrende Archen, die dem zivil-religiösen Imperativ folgen: „Rette deine erweiterte Kleinfamilie, so lange es noch geht.“

Nun ist bei der Sintflut-Erzählung eine Sache hoch interessant: Noah spricht in der ganzen Geschichte kein einziges Wort. In drei langen Kapiteln. Man muss sich das vorstellen: Gott sagt, dass er die Welt vernichten will und Noah sich eine Arche bauen soll. Und Noah tut es. Er widerspricht Gott nicht, versucht nicht mit ihm zu verhandeln, legt sich nicht ins Zeug, um vielleicht noch wenigstens ein paar andere zu retten. Nichts. Nun kann man natürlich sagen, dass sich mit dem Höchsten schlecht verhandeln lässt. Auffälliger Weise ist aber die Begründung, die Gott am Anfang für die Sintflut anführt, genau dieselbe, die Gott später dafür nennt, warum es keine Sintflut mehr geben soll: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an.“ Hätte Noah da nicht eine Chance gehabt, Gott abzuhalten? Und markanter Weise wird sich die Situation Noahs in ähnlicher Weise später noch einmal wiederholen: Als Mose oben auf dem Sinai ist und die Sache mit dem goldenen Kalb passiert, bietet Gott ihm an, dass er ganz Israel vernichten will, um mit ihm, Mose, ein neues Volk zu gründen. Doch Mose schlägt aus. Er fällt Gott in den Arm, sagt ihm, dass er das nicht machen dürfte. Und Gott lässt sich überzeugen. „Ach, wenn Du doch geredet hättest, Noah! Und keinen SUV gebaut.“

Nach der Geschichte mit dem Regenbogen, heißt es, wird Noah dann der erste „Weinbauer“. Was für eine Verharmlosung! Folgt man der biblischen Erzählung, so handelte es sich eher um ein posttraumatisches Koma-Saufen – bei dem Noah am Ende besinnungslos und nackt im Zelt liegt und von seinen Söhnen zugedeckt werden muss. Noah steht für mich für eine Haltung fatalistischer Religiosität, die den Untergang als gegeben hinnimmt und in familien-egoistischer Weise versucht, seine Liebsten und sich selbst abzuschotten, anstatt mit Gott um den Erhalt der Schöpfung zu streiten.

b) Wir haben ein prophetisches Wächteramt. Diese Identifikationsfigur ist zum Teil in kirchlichen Kreisen beliebt. In der Tat muss man sagen, dass sich die Kirchen seit Langem und nachdrücklich für Umweltschutz und die Bewahrung der Schöpfung eingesetzt haben. Ökumenisch sind hier der konziliare Prozess des Ökumenischen Rats der Kirche in den 80er und 90er Jahren und die folgende Dekade zur Überwindung von Gewalt von 2001 bis 2010 zu nennen. Die prägenden Leitworte waren damals Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – was schon damals die soziale Einbettung allen ökologischen Engagements aufzeigt. Dieser Einsatz hat viel bewirkt.

Dennoch plädiere ich sehr für eine demütige Zurückhaltung im Blick auf die institutionelle Inanspruchnahme eines prophetischen Wächteramtes. Also: Jesaja ging drei Jahre nackt und nannte seine Kinder „Eile-Beute, Raube-Bald“ und „Ein Rest kehrt um“. Jeremia zerschmetterte Tongeschirr, schleppte ein Joch durch Jerusalem und geriet mehrfach in Todesgefahr. Ezechiel lag erst 390 Tage auf der linken Seite, dann 40 Tage auf der rechten Seite. Er aß Schriftrollen und schor sich den Kopf kahl. Prophetin bzw. Prophet sein ist ein existentielles Widerfahrnis, kein Job. Zum Propheten wird man von Gott berufen. Man macht sich nicht selbst dazu. Und ProphetIn zu sein, ist etwas Anderes als die Abfassung kirchlicher Verlautbarungen. Gerade im Blick auf die Person „Greta Thunberg“ stellt sich mir die Frage, ob es angesichts des Klimawandels andere Formen prophetischer Zeichenhandlungen und existentieller Vollzüge braucht. Dies kann in einer medialen Gesellschaft leicht zur Überbelastung einer individuellen Person führen. Aber wir brauchen Menschen, die solche Zeichen setzen. Und wir stehen vor der Herausforderung, eine Generation zu begleiten, die zu Recht an der kognitiven Dissonanz der Gesellschaft zu verzweifeln droht. Mit unserer herkömmlichen Form institutionalisierter religiöser Rede werden wir sie nicht erreichen.

c) Wir sind ökonomische Realisten. Eine solche realpolitische Haltung angesichts des Klimawandels lautet, dass die ökologischen Anliegen mit den ökonomischen austariert, abgeglichen, abgewogen werden müssen. Nun halte ich es für vollkommen richtig, dass wir für den notwendigen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel eine starke Wirtschaft brauchen, in Deutschland wie in Europa. Eine grundlegende Änderung wird nur mit vereinten Kräften gelingen können.

Die Problematik dieser Haltung sehe ich aber darin, wenn ökonomische Interessen zur Relativierung ökologischer Herausforderungen genutzt werden. Pointiert formuliert: Es geht darum, dass die Ökonomie ökonomischer sein soll, gerade indem sie radikal ökologisch denkt. Die größten ökonomischen Verluste der letzten Jahre haben wir dadurch erlitten, dass die Wirtschaft sich nicht ökologisch verhalten hat. Und es kann doch nicht sein, dass der Verbrauch sog. „common goods“ wie Luft, Wasser, Böden, Rohstoffe nichts kostet oder himmelschreiend günstig ist. Es kann doch nicht sein, dass die ökologischen Folgen von Produktion, Handel, Dienstleistungen sozialisiert und die Gewinne privatisiert werden. Hier braucht es wirklich umfassende Vollkosten-Kalkulationen und entsprechende strukturelle Rahmenbedingungen. Oder kurz gesagt: Ökonomischer müssten mir die Ökonomen sein, indem ökologische Folgekosten konsequent einbezogen werden.

Das biblische Leitbild dafür ist für mich Jesu Gleichnis vom reichen Kornbauern, Lukas 12. Der Kornbauer macht reiche Gewinne, erweitert die Scheunen, will sich zur Ruhe setzen – und dann heißt es: „Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast?“ Übertragen in Zeiten des Klimawandels: Es ist einfach unsinnige und schlechte Ökonomie, wenn am Tag des ökologischen Kollapses die Börsenwerte des eigenen Unternehmens diejenigen aller Konkurrenten übertreffen. Dann haben wir alle etwas falsch gemacht – nicht nur ökologisch, auch ökonomisch. Wir sollten daher aufhören, ökologische und ökonomische Anliegen als Konflikt zu denken. Stattdessen gilt es, sich für möglichst hohe strukturpolitische Standards in Sachen Umweltpolitik einzusetzen. Und zwar auch dann, wenn dies in anderen Teilen der Welt noch nicht mitvollzogen wird.

Zum Schluss ein paar kurze Impulse, was das konkret für meinen Alltag bedeuten kann:

– Ehrlich werden mit mir selbst: Für den Umgang mit der kognitiven Dissonanz ist entscheidend, wer ich eigentlich sein will: vor Gott, vor mir selbst, vor meinen Kindern und Nachkommen. Was ist mir eigentlich wirklich wichtig im Leben? Was leitet mich privat wie beruflich? Und wie würde ich eigentlich handeln, wenn ich lebe, was ich glaube?

– Maximal ambitionierte Graustufen: Bei der Ökologie ist es wie im Leben sonst: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern eine Menge dazwischen. Deshalb braucht es individuell wie gesellschaftlich „maximal ambitionierter Graustufen“. Wenn ich nicht ganz auf Fleischessen, Flugreisen, Plastikkonsum verzichten kann oder will, ist es gut, solche Forderungen deswegen nicht ad absurdum zu führen – á la: „Schau mal, Greta ist ja auch mit Plastikbesteck.“ Statt eines moralischen Overkills brauchen wir motivierende Beispiele kreativer Alternativen.

– Mut zu prophetischen Zeichenhandlungen. Ökologische Texte (wie auch dieser) sind weiter wichtig, aber von der Kirche kommunikativ erwartbar und in ihrer Wirkung überschaubar. Es braucht mehr Mut zu Zeichenhandlung. Wir müssen versuchen in aller Gebrochenheit zu leben, was wir glauben. Und es wäre gut, wenn junge Engagierte dafür gerade in den Gemeinden geistliche Heimat erfahren.

– In Verantwortung für Katharina und Sebastian. Die Kinder von meiner Frau und mir sind gerade 17, 14 und 12. Pu-bertär pur. Enkel sind noch in weiter Ferne. Aber ich stelle mir vor, dass es sie einmal geben wird. Katharina und Sebastian, irgendwann, vielleicht. Und es verändert mein Denken und Handeln, wenn ich mir konkret vorstelle, was ich für sie tun will. Und für meine Ur-Enkel: Merle und Jonathan. Wir sollten die Ökologie sehr persönlich nehmen.

– Die heilsame Perspektive der Ewigkeit Gottes. Als Christen glauben wir, dass alles, was wir hier auf Erden tun, im Guten wie im Schlechten, eingezeichnet ist die Ewigkeit Gottes. Es ist bewahrt in der ewigen Liebe Gottes. So wie die Wundmale und die Salbungen am Leib Christi. Das meinen wir, wenn wir von Auferstehung und jüngstem Ge-richt sprechen. Es wäre – auch schon aus sportlichen Gesichtspunkten – sicher gut, wenn wir gemeinsam nicht gerade als die Generation in die Ewigkeit Gottes eingehen, die die Sache mit der Schöpfung am Ende vermasselt hat.

Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: www.bod.de/buchshop

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