Fundstück von Facebook #1

Das hier ist der erste Teil eines Textes von Dr. Thorsten Latzel, gefunden bei Facebook. (Theologische Impulse 72) Weil der Text ziemlich lang ist hab ich ihn geteilt, der Rest kommt noch.

„Was soll man eigentlich zur Dringlichkeit des Umweltschutzes noch sagen, was wache Zeitgenossen nicht schon wüssten und was nicht schon hunderte Male gesagt wurde?

Wir wissen um die Existenz von „planetary boundaries“, ökologischen Belastungsgrenzen der Erde im Zeitalter des Anthropozäns. Dazu gehört nicht nur die Klimakrise, sondern eben auch Bodennutzung, Abholzung, Verschmutzung durch Plastik, Süßwasserverbrauch, Versauerung der Ozeane, Artensterben u.a. Bei den meisten sind wir schon aus der grünen Komfort-Zone raus, bei vielen im tiefroten Bereich.

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Wir wissen um die Existenz von „tipping-points“, Umschlagpunkten, ab denen sich Domino-Effekte einstellen, die wir nicht mehr stoppen können. Wir wissen um die lange Wirksamkeit von einmal ausgestoßenen Schadstoffen – etwa, dass unser CO2-Verbrauch Folgen für die nächsten 50/100 Jahre hat. Und dass sich umgekehrt auf Grund von Wechselwirkungen und nicht beachteten Einflüssen viele kritische Verläufe viel schneller ereignen können, als bisher angenommen. Dies alles würde selbst dann gelten, wenn wir das Pariser Abkommen konsequent und weltweit umsetzen würden, wonach es bei weitem nicht aussieht.

Wir wissen um ökologische Zukunftsszenarien, die vor einer unbewohnbar heißen Erde warnen (hothouse earth). Wir wissen um die reale Möglichkeit eines „evolutionary suicide“, der Auslöschung der gesamten Menschheit – gerade indem wir uns individuell jede und jeder für sich evolutionär erfolgreich durchsetzen. Und dass deswegen an immer mehr Orten ein „Klimanotstand“ ausgerufen wird. All diese Warnungen stammen dabei wohlgemerkt nicht von irgendwelchen Verschwörungstheoretikern und Untergangspropheten, sondern von einer breiten scientific community, etwa in dem Aufruf von 11.000 Forscher/innen aus 156 Ländern in der Zeitschrift Bioscience im November 2019.

Wir leben in einer kognitiven Dissonanz höchster Ordnung: Einerseits besitzen wir ein wissenschaftlich gut fundiertes und gesellschaftlich breit geteiltes Wissen, dass unser gegenwärtiger Ressourcenverbrauch und Lebensstil bei gleichzeitig wachsender Weltbevölkerung sicher in Katastrophen ungeahnten Ausmaßes führen werden. Andererseits folgt unser tagtägliches Handeln weithin anderen Prioritätensetzungen. Wie stark ist meine Lebensführung privat wie beruflich wirklich von dieser Perspektive bestimmt? Im Folgenden möchte ich über diese kognitive Dissonanz nachdenken, indem ich mich auf zwei Fragen konzentriere: eine seltsame und eine existentielle. Zunächst die seltsame:

1) Warum sollen wir eigentlich das Klima bzw. die Umwelt schützen?

Dass wir die Umwelt schützen sollen, liegt ja irgendwie auf der Hand – schon aus unmittelbarem Eigennutz. Die Frage nach dem „Warum“ scheint so etwas seltsam, wenn nicht überflüssig. Sie ist m.E. jedoch wichtig, wenn man zu wirklichen Einstellungsveränderungen kommen will. Drei Begründungsarten lassen sich grob unterscheiden.

a) Eine anthropozentrische Argumentation: Es geht beim Klima und Umweltschutz um die Erhaltung von uns selbst, des Lebens künftiger Generationen, der menschlichen Art insgesamt. Ein klassisches Beispiel dafür ist etwa Grundgesetz (GG) Art 20a, der bereits vor 26 Jahren ins GG aufgenommen worden ist. „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“

An dem Text fällt die umständliche Formulierung auf. Eigentlich sollten Gesetzestexte stets so knapp und präzise verfasst sein wie möglich. Was heißt es nun, dass wir die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere schützen „im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und Rechtsprechung“? Das ist merkwürdig redundant, dass man damals meinte, extra darauf hinweisen zu müssen, dass dieser GG-Artikel sich im Rahmen der Verfassung bewegen soll und dass sich die Exekutive dabei an Gesetz und Recht halten möge. Vereinfacht formuliert klingt das für mich so: „Übertreibt es mit dem Schutz der Lebensgrundlagen auch nicht. Wir schützen unsere Erde, soweit es nicht der Verfassung widerspricht.“

Zudem fällt der Hinweis auf die zukünftigen Generationen auf. Dieser Gesichtspunkt der „ökologischen Generationengerechtigkeit“ prägt auch die aktuelle Diskussion. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Ich glaube allerdings, dass hier eine falsche Frontlinie zwischen den Generationen aufgebaut wird. „Dass es den Kindern und Enkeln einmal besser geht“, ist der quasi evolutionäre Ur-Wunsch gerade von Eltern und Großeltern. Das zentrale Problem sehe ich nicht in einem inter-generationellen Egoismus à la „nach uns die Sintflut“ – siehe allein „Omas for future“. Was es allerdings in der Tat gibt, ist eine mit zunehmendem Lebensalter wachsende Pfadabhängigkeit und Normativität habitueller Verhaltensmuster – vulgo: „Altersstarrsinn“. Siehe Fleischkonsum, Autofahren, Konsumverhalten der Baby-Boomer bzw. der „Generation Golf“ (was für eine vielsagende Bezeichnung).

Ich glaube, dass der anthropozentrische Ansatz der Selbsterhaltung, inklusive der Verantwortung gegenüber künftigen Generationen, notwendig, aber nicht hinreichend ist. Die Begrenztheit dieses Begründungsansatzes zeigt sich etwa angesichts des sogenannten „Arguments der letzten Person“: Was wäre, als ethisches Denkmodell, wenn ein globales Virus dazu führen würde, dass alle sieben Milliarden Menschen mit einem Schlag unfruchtbar würden und es keine künftige Generation nach uns mehr gäbe? Müssten wir eigentlich dann die Umwelt und das Klima auch noch schützen? Hat der Schutz der Natur einen nur funktionalen Wert oder ist er darüber hinaus intrinsisch begründet?

b) Eine patho-, bio-, physiozentrische Begründung: Klima und Umwelt sind demnach zu schützen, weil es das Leiden aller Kreaturen zu vermeiden gilt, weil das Leben an sich, unser Ökosystem erhaltenswert ist – auch unabhängig von uns Menschen. Ein klassisches Beispiel für diese Argumentation bietet etwa Albert Schweitzers Ansatz einer „Ehrfurcht vor dem Leben“, den er vor fast genau 100 Jahren in seinen Straßburger Predigten entwickelt und dann lebenspraktisch umgesetzt hat: „Wir sind Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dieser Ansatz führt weiter, weil er eine funktionalistische Haltung zur Mitwelt überwindet, die Teil des Problems ist.

Doch auch diese Begründung stößt m.E. an Grenzen, weil sie oft von einer Empathie ausgeht, die selbst ambivalent ist. Nacktmulle etwa lösen allgemein weniger Empathie aus als Katzenbabys, was aber nichts über den Wert ihrer Erhaltung aussagt. Die Verbundenheit von Menschen und Natur wirft die Frage nach einer tiefergehenden Begründung auf.

c) Eine theozentrische Begründung: Umwelt und Klima sind zu schützen, weil es Schöpfungen Gottes sind. Und es wäre ein Zeichen äußersten Undanks, wenn wir – als Gäste „auf einem schönen Stern“ – unseren Auftrag, die Erde zu erhalten, in sein Gegenteil verkehren würden. Klassisches Beispiel dieses Ansatzes sind etwa die beiden biblischen Schöpfungsberichte. Dieser Ansatz führt insofern weiter, weil er eine geistliche Letztbegründung bietet. Damit reicht er in Tiefenschichten der eigenen Person hinein.

Das Problem besteht hier jedoch darin, dass er nur für diejenigen Menschen leitend ist, die an Gott glauben. Zudem hat das sogenannte „dominium terrae“, der Auftrag Gottes an den Menschen, eine sehr unterschiedliche Wirkungsgeschichte gehabt. Das „machet euch die Erde untertan und herrschet über sie“ ist lange Zeit ausgelegt worden als Legitimation zur Herrschaft über die Natur, ja zu gottgewollter Ausbeutung und zu Besitzrechten des Menschen. Die Gefahr ist, dass auf diesem Wege ein problematisches anthropozentrisches Denken wiederkehrt. Heute werden die Aussagen des Schöpfungsberichts dagegen, exegetisch treffender, als treuhänderischer, fürsorglicher Bewahrungsauftrag verstanden. Im Sinne eines: „Kümmert euch um die Erde und sorgt für sie.“ Entscheidend bei diesem Ansatz ist, wie wir uns selbst in Beziehung zu Gott verstehen. Damit sind wir bei der geistlich-existentiellen Frage.“

To be continued…

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