Lieber Vater, böser Vater

In meiner Ausbildung hatte ich mal ein Seminar, das hieß „Problematische Familienkonstellationen und deren Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung“. Das sollte eigentlich auch die Überschrift zu diesem Artikel sein, aber war zu lang. Ich weiß im Moment noch nicht, wie ich es nenne, das kommt also erst später.

thJedenfalls hab ich eben auf Facebook die Frage gelesen, was man den Leuten sagen könnte, die davon überzeugt sind, dass man „Nicht-Christen“ mit der Hölle drohen sollte, weil Gott sie ja dort hin schicken würde, wenn sie nicht ganz klassisch Jesus formal als ihren Erlöser annehmen. (Was dieses formal annehmen angeht, da könnten wir auch noch mal drüber sprechen, aber das ist ein anderes Thema.) Jedenfalls ist ja die Denke ungefähr so, dass die Menschen, weil sie nicht perfekt sind grundsätzlich in der Hölle landen, weil Gott alles Nichtperfekte nicht ertragen kann weil er selbst perfekt ist. (In ihrer Sprache: heilig.) Und nur, weil Jesus unsere Strafe auf sich genommen hat durch einen extrem qualvollen Tod kann Gott uns überhaupt erst ertragen und lieben. 

Ich glaube, ich muss nicht mehr betonen, dass ich es lange genug selber geglaubt hab, einerseits unreflektiert weil ängstlich, durch kritische Fragen vom Glauben abzufallen und Gottes Liebe zu verlieren, andererseits deshalb auch aus Mangel an Alternativen. Wenn ich also Leute bashen wollen würde, die das so glauben würde ich mich auch gegen einen Teil von mir selbst richten. Trotzdem, und das muss ich eigentlich auch nicht mehr extra betonen, sehe ich diese Art Glauben als sehr problematisch und potentiell gefährlich für ein gesundes Seelenleben und eine gesunde Entwicklung.

Denn wenn man immer im Hinterkopf haben muss, dass man es mit einem Gott zu tun hat, der Leute einfach in eine ewige Folterkammer schickt (und nichts Anderes ist die Hölle ja dann) und nur deswegen davon (vielleicht) verschont bleibt weil jemand Anderes, der gar nichts dafür kann brutal gefoltert und getötet wurde, weil Gott es so wollte und man nur in einer konstanten Verbindung mit dieser Person eine Chance bei Gott hat, was die einzige Alternative zur ewigen Folterkammer ist und man beide dann lieben muss um zu überleben und gleichzeitig praktisch die Verantwortung dafür trägt, anderen Leuten dieses Denken so zu vermitteln dass sie es genauso glauben, weil die sonst in der Folterkammer landen und man selbst möglicherweise noch mit weil man sie ihrem Schicksal überlassen hat führt das in eine Enge, die Ängste, Zwänge und missbräuchliches, übergriffiges Verhalten nicht nur fördert, sondern in krassen Gruppen auch zwangsläufig zur Folge hat. (Puh, das war mal ein Schachtelsatz von mir, das könnte ein Rekord sein. Mensch Bithya, was hast du dir bei diesem Monster-Satz gedacht? Ist es dir aufgefallen? Das war ein einziger Satz!) 

Vor einiger Zeit, ich weiß nicht mehr wann und wo, hab ich da mal einen Vergleich gehört, der auch die Verbindung bringt zu dem Seminar, von dem ich eben erzählt  habe. Denn es heißt ja, dass wir als Christen die Kinder Gottes sind. Jetzt ist es in den krass fundamentalistischen Gruppen oft so, dass man die eigene Gruppe zwar als echte Christen sieht, andere Konfessionen oder manchmal auch andere Gemeinden aber nicht. Die sind alle abgefallen. Also sind die, die so glauben, wie ich es oben beschrieben habe, zusammen mit dem Gott, den ich oben beschrieben habe und dem Jesus, den ich oben beschrieben habe, eine Familie. (Ja, ich weiß, dass es nur einen Gott gibt, ich schreibe das hier einfach so um klar zu machen, dass dieses Gottesbild eben die Realität von vielen Leuten ist.) 

Jetzt stelle man sich mal eine Familie vor, in der der Vater so handelt wie hier Gott: Bei jedem kleinen Fehler eines Kindes fängt er an zu eskalieren und ist drauf und dran, auf das Kind einzuschlagen und es brutal zu misshandeln, aber immer kommt der große Bruder dazwischen und stellt sich zwischen das verängstigte Kind und den Vater, der die Fehler des Kindes nicht ertragen kann und bekommt die Schläge ab. Und dann sagen der Vater und der große Bruder dem Kind, dass beide das aus Liebe zu dem Kind getan haben, der Vater alles Recht dazu hatte, so zu reagieren und es die Schuld des Kindes ist, weil der Vater es nicht ertragen könnte, dass das Kind nicht so perfekt ist wie der Vater. Und das Kind muss jetzt beiden dankbar sein und darf das bloß nie vergessen, was der große Bruder hier getan hat. Das Kind soll zwar von seiner Familie bei anderen erzählen, aber bloß nur so, dass es eine total liebevolle Familie ist und es dem Kind in jeder erdenklichen Weise besser geht als allen anderen Kindern, damit alle anderen Kinder auch in diese Familie wollen. Denn sonst würde der Vater alle Freunde des Kindes totschlagen. Und wenn das Kind aus der Familie raus will wird der Vater es auch totschlagen.

Verdammt noch mal, ernsthaft? 

Muss ich ernsthaft noch erklären, was mich an diesem Gedankenkonstrukt stört? Wenn auch nur ein Bruchteil dessen in einer menschlichen Familie passieren würde wären die Kinder schneller in Pflegefamilien als man Satisfaktionslehre sagen kann. Und das zurecht. (BTW: Das Jugendamt hier in der Gegend ist erbarmungslos.) 

Also ich möchte das nicht. Ich möchte, dass Gott tatsächlich so ist wie ein guter Vater. Der Kinder nicht dafür bestraft dass sie Fehler machen, sondern ihnen hilft, aus den Fehlern zu lernen. Der sie nicht unter Druck setzt, ihn zu lieben, sondern ihnen die Freiheit lässt, ihn zu lieben oder auch nicht, der aber auch dann, wenn die Kinder sich von ihm entfernen immer für sie da ist, wenn sie ihn brauchen. Der einfach treu ist. Der ihnen einfach etwas zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenkt ohne Bedingungen, dass sie auch ja vor allen damit angeben müssen, was sie für einen tollen Vater haben. Und der es auch aushalten kann, wenn sich ein Kind mal nicht über das Geschenk freut. Der sich entschuldigen kann, wenn dem Kind durch ihn Leid zugefügt wurde. Der nicht auf Biegen und Brechen immer recht haben muss. Der die Kinder ernst nimmt, ihnen Radfahren und Schwimmen beibringt, mit ihnen streitet und auch mal Konsequenzen aufzeigt, aber auch mit ihnen diskutieren und ihre Meinungen ernst nehmen kann. Der die Kinder mitbestimmen lässt. Der sie beschützt, aber auch die Folgen ihres Tuns spüren lässt, sie nicht in Watte packt. Ich glaube, bei einem solchen Vater sind Kinder gut aufgehoben. Da können sie sich gesund entwickeln und gesunde, stabile Erwachsene werden, die selber andere heilen und stabilisieren können.

Ich möchte glauben, dass Gott so ungefähr ist.

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