Niemande und quiekende Seelen

IMG_20200201_161727Vor einigen Tagen ging es mir ziemlich mies, ohne dass ich sagen konnte, was denn los ist. In solchen Momenten kann ich manchmal auch schlecht schreiben, weil ich einfach keine Worte hab. Dann male ich manchmal. Und oft kommt dann auch etwas raus, was mit dem zu tun hat, was grade los ist. Bei mir ist dieses Bild raus gekommen. Fans von Kingdom Hearts werden sicher erkennen, was es ist: Ich als ein Niemand. Für alle anderen: In KH passiert es manchmal, dass (meistens durch Gewalt) das Herz, die Seele eines Menschen von ihm abgespalten, getrennt wird. Dadurch kann aus dem „Rest“, der übrig bleibt, ein Niemand entstehen. Ein Wesen, das eigentlich nicht existieren dürfte. Ob ein Niemand eine Seele hat ist nicht wirklich klar, da gibt es verschiedene Theorien zu.

Ich glaube, manchmal fühle ich mich wie ein Niemand. Als hätte ich mein Innerstes verloren, irgendwo auf dem Weg, seit der fundamentalistische Glaube nicht mehr funzt. Ich fühle mich nicht mehr komplett, ich vermisse es manchmal so sehr, mich ganz Gott hinzugeben und gleichzeitig sträubt sich alles in mir dagegen. Ich vermisse es, überall Wunder zu sehen und gleichzeitig merke ich, dass ich es nicht kann. Ich vermisse Lobpreis, ich vermisse die klaren Antworten, das in sich geschlossene Weltbild und das Fehlen von Zweifeln und diese Leidenschaft, die ich allerdings manchmal noch bei anderen sehe und die mich gleichzeitig abstößt. Eine furchtbare Ambivalenz, die ich oft nicht aushalte. Aber es tut gut, das erst zu malen und hinterher im Gebet in Worte zu fassen, Gott ist so ein guter Zuhörer. Stellt keine Fragen, sagt nichts, hört einfach zu. So hab ich es in dem Moment einfach empfunden. Lässt mich einfach reden, erzählen, sortieren.

Was nicht heißt, dass es nicht vielleicht doch eine Antwort geben kann. Nur vielleicht zeitlich etwas versetzt, vielleicht, damit ich Zeit hatte, das, von dem ich gemerkt habe, dass ich es denke und fühle, sacken zu lassen.

Schauplatz Hebräischkurs. Zum Pslam 23. Und weil er so bekannt ist, haben wir als erstes eine Übersetzung bekommen, die ganz anders ist als Luthers. (Und nach dem, was ich gelernt habe, auch zumindest nicht ungenauer. Eigentlich müsste sie sogar genauer sein.) Ich zitiere mal einen Teil und du kannst ja mal spontan gucken, ob du weißt, wie Luther das übersetzt hat. Ich wusste es erst nicht, ganz ehrlich:

„Auf Grastriften lagert er mich, zu Wassern der Ruh führt er mich. Die Seele mir bringt er zurück.“

Hab spontan ein Herzchen daneben gemalt. Spontanes BibelArtJournaling. Merkst du, warum? Weil da steht, das, was ich abgetrennt wahrnehme, bringt er zurück. Bei der Stelle bin ich so hängen geblieben, dass ich den Rest kaum noch gelesen hab. Und später, als wir die Stelle im Hebräischen gelesen haben, wurde es genauer. Aber erst mal: Bist du dahinter gekommen, wie Luther es übersetzt?

„Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.“

Hab vorher, wenn ich diesen Satz gelesen habe oft gedacht: „Ich doof.“ Weil: „Erquicken“, was soll das heißen? Erquicken, das klingt so nach Quieken. Er macht, dass meine Seele quiekt? Äh, wet??? Also, im Hebräischen besteht dieser Satz aus zwei Worten. Ich hab leider keine entsprechende Tastatur, deswegen kann ich es nicht mit den richtigen Buchstaben schreiben, aber wenn ich versuche, es in Lautschrift zu schreiben würde ich sagen, da steht „Nafeschi Jeschovev“. Nafeschi heißt meine Seele, aber auch mein Atem, mein Leben, das, was mich ausmacht. Leben (im Körper) und die Seele ist hier eine Einheit. (Laut Siggi Zimmer kann Nafesch auch Kehle heißen. Da hab ich aber noch nicht nachgeschlagen.) Jeschovev heißt ungefähr „er wird … zurück bringen lassen“ oder „er wird das Umkehren von … ermöglichen“. (Wenn ich es richtig verstanden habe.) In der Grundform heißt das Wort einfach umkehren, nachdem man sich verlaufen hat. Das hebräische Navi würde wahrscheinlich das Wort nutzen, wenn es sagen möchte „Wenn möglich, bitte wenden.“ (Nein, ich meine nicht unbedingt DEN hebräischen Navi, wobei der es wahrscheinlich auch sagen würde. Insider-Wortwitz lässt grüßen, wer ihn versteht, ab damit in die Kommentare.) An anderen Stellen steht dafür manchmal Buße tun, aber das ist ein so verbranntes Wort, dass ich es hier nicht benutzen will. Also eigentlich heißt es, aus einem festgefahrenen Denken rauskommen, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. „Sei doch mal offen für eine andere Sichtweise, vielleicht hast du es noch nicht auf diese Art gesehen, die auch möglich ist und vielleicht lebensfördernder.“

Übersetzt kann der 2-Wort-Satz vielleicht heißen „Meine Persönlichkeit wird er zurück bringen.“ oder „Er lässt meine Seele die Dinge anders wahrnehmen.“ Und zwar als eine definitive Zukunft, als etwas, das auf jeden Fall passieren wird. Sehr schöne Aussichten für einen Niemand. Finde ich.

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