Bibel lesen, Kritik und Selbstkritik

„Die Geschichte von Elia am Horeb ist das stärkste Gegenargument gegen jede Form von Fundamentalismus“, hat heute jemand gesagt. Kurz die Story: Elia ist im Vorfeld immer mal wieder (teilweise blutig) eskaliert und schließlich waren alle gegen ihn. Dabei wollte er doch nur Gottes Ehre verteidigen. Er flieht und landet schließlich am Berg Horeb, wo Gott ihm nicht im Sturm und nicht im Feuer begegnet, sondern in einem sanften Säuseln. Der Link, falls du den Text nachlesen möchtest. Die Person meinte, dass dieses Laute und das Wütende nicht die „Orte“ sind, in denen Gott war, sondern in dem Leisen, Sanften, und dass das auch sehr gut zu dem passt, was an Weihnachten passiert ist: Gott wird zerbrechlich, ein kleines, hilfloses Baby, auf die Pflege und Fürsorge der Eltern angewiesen. Ich hab mich im ersten Moment ertappt gefühlt. Oder besser: angesprochen. maxresdefaultIch meine, du kennst mich ja ein wenig, wenn du hier mitliest. Ich bim beim Schreiben nicht grade die Leiseste, ich werde wütend, ich poltere, schimpfe, kritisiere hart, vielleicht manchmal zu hart. Ich schreie, wenn ich Unrecht wahrnehme, ich eskaliere, wenn ich den Eindruck habe, der Glaube der Menschen an Gott wird missbraucht oder ausgenutzt. Und manchmal frage ich mich auch, ob ich damit nicht auch unnötig verletze manchmal. Ja, ich hab auch meine Geschichte, erst neulich hat mich eine alte Bekannte aus der Szene darauf angesprochen, dass ich ihr leid tue, weil ich so hyperkritisch bin und sie bete, ich käme wieder zurück in die gute alte Fundi-Szene. Nein, so hat sie es nicht wörtlich gesagt, aber vom Sinn her. Ich hab mich bemüht, freundlich zu sein, ich hoffe, ich habs soweit geschafft, denn ich war schon etwas verletzt von dem Arroganten, das ich wahrgenommen habe.

Ich schweife ab.

Jedenfalls hat mich das mit Elia nicht losgelassen und ich hab auch gedacht, dass ich die Geschichte gar nicht mehr so im Kopf habe. Als ich dann nach Hause gekommen bin hab ich sie nachgelesen. Das ist schon etwas ungewöhnlich, weil ich zwar immer wieder versuche, Bibel zu lesen, aber es nur selten kann und noch seltener spricht es zu mir. Aber dieses mal, wie gesagt, hab ich die ganze Geschichte von Elia bis zum Berg Horeb gelesen. Ich dachte, das ist schon alleine unterhaltsam, denn es erscheint wie ein Film. Aber während ich das gelesen habe, hab ich gemerkt, dass der Text bei mir mehr Fragen aufwirft als er Antworten gibt. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass Elia sich zwar öfter auf Gott berufen hat, aber vorher nie auch nur angedeutet wurde, dass Gott ihm den Auftrag gab. (zB in 1. Könige 17,1) Und was mich irritiert hat war, dass das, was er dann sagte und tat teilweise sehr egoistisch und gemein war, aber Gott es trotzdem geschehen ließ, auch wenn andere schwer darunter leiden mussten, fast so, als wäre Gott Elias Handlanger? Warum? Ich musste an die Sintflutgeschichte denken und daran, dass man sie vielleicht nur dann verstehen kann, wenn man sie mit den Flutgeschichten aus anderen Kulturen und Religionen vergleicht. Die alten Griechen hatten eine ähnliche Geschichte (Hörst du unter Anderem hier) und ich meine, im Gilgamesch-Epos gäbe es auch so etwas. Und da hab ich mich gefragt, ob es von der Elia-Geschichte auch diese Art von Parallelen gibt? Und ob man sie besser versteht, wenn man diese Geschichten kennt. Verstehst du, was ich meine?

Aber als ich dann zur Erzählung von Elia am Horeb gekommen bin, da, wo ich eigentlich hin wollte/sollte, ist mir noch etwas aufgefallen. Es war, als ob sich Gott hier Elia zum ersten Mal wirklich vorgestellt hat. Es ist mir vorgekommen, als hätte Elia hier seine erste echte Gottesbegegnung, obwohl er vorher immer wieder als Mann Gottes bezeichnet wurde. Elia hat vorher gewütet, er hat getobt, Leute zum eigenen Vorteil ausgenutzt, die große Show veranstaltet, ohne Rücksicht auf Verluste, ein ganzes Land in Gefahr gebracht, nur um selbst Recht zu behalten, viele Menschen umgebracht, und bei dem Allen sich auf Gott berufen. Also eigentlich genau das, bei dem ich sonst ausraste. (Ich hab schon in der ersten Hälfte von Kapitel 17 gedacht: Der Kerl ist mir sooo unsympathisch.) Und gleichzeitig hab ich mich mit Elia identifiziert. Denn wie gesagt, ich kann auch eskalieren und mich dabei auf Gott berufen, weil mir Gottes Ehre wichtig ist. Und manchmal bin ich dann so im Ragemodus, dass ich nichts Anderes mehr IMG_20190322_140916wahrnehme. (Ich arbeite dran, bin aber auch über Rückmeldungen froh.) Manchmal denke ich hier am Blog, dass Leute von mir erwarten, dass ich wütend schreibe und mich abarbeite am Fundamentalismus, und ja, ich finde das auch wichtig. Auch für mich. Aber vielleicht vergesse ich bei dem ganzen Wüten und Eifern, dass Gott eben in dieser Erzählung nicht im Sturm und Feuer war, sondern im sanften Säuseln. Dabei fiel mein Blick auf den Schmetterling an meinem Handgelenk und ich dachte daran, dass Schmetterlinge nicht laut sind, sondern ganz leise. Und dass ich entweder trotzdem oder gerade deswegen sie mit dem Heiligen Geist verbinde.

Ich will damit nicht sagen, dass ich ab jetzt immer lammfromm sein will. Das könnte ich sicher auch gar nicht. Aber es hat mich nachdenklich gemacht, dass ich mich einerseits so mit einer Figur identifizieren konnte, die genau das gemacht hat, was ich immer so schlimm finde. Und ich hab mich gefragt, ob ich manchmal vielleicht in anderer Form genau das mache, was ich an anderen kritisiere? Und es hat mich nachdenklich gemacht, ob ich vielleicht öfter mal etwas zurück treten sollte/könnte, mal die Sache aus der Meta-Ebene betrachten, versuchen, zu verstehen, bevor ich schimpfe. Ich frage mich nur, ob das zu mir passen würde? Oder besser: Wie viel davon zu mir passen würde. Denn ich möchte auch nicht einen Blog ohne Ecken und Kanten haben und nur schreiben, dass alles toll ist. Ich merke grade, dass ich in alte Muster zurück falle: Alles nur schwarz oder weiß, entweder laut und wütend oder völlig ohne Ecken und Kanten. Und ich muss mir sagen: Nein, Bithya, so ist das Leben nicht. Vielleicht kann ich im Kopf behalten, dass Gott im Leisen wirkt und trotzdem das ansprechen, was mir auf der Seele brennt und was mir wichtig ist. Hilfst du mir dabei, durch Feedback? Wär lieb.

Geig mir deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s