Wurzelbehandlung?

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es wird Psycho jetzt…

Ich hoffe, es ist ok, dass ich das schreibe. Denn dieses mal werde ich es etwas anders machen als gewöhnlich. Wenn ich sonst über eine Person schreibe, die ich kenne, dann frage ich sie vor dem Veröffentlichen, ob ich das darf. Dieses mal geht das nicht. Ein Grund ist, dass ich keine Kontaktdaten mehr habe. Ein anderer Grund geht etwas tiefer, vielleicht wirst du ihn beim Lesen herausfinden.

Die Person, um die es geht nenne ich hier Rega. Wir haben mal zusammen gewohnt, in einer WG. Es war kompliziert. Von Anfang an.

Kompliziert war es schon, bevor wir zusammen gezogen sind. Denn ich habe davor im Haus von meinem Opa gelebt, mit ihm zusammen. Kurzfassung: Er wurde altersbedingt schwer krank, es gab furchtbare familiäre Probleme, er ist gestorben, ich wurde durch die Probleme krank und meine einzige Möglichkeit, die ich gesehen habe war, so schnell wie möglich auszuziehen. Als Rega dann in unserer damaligen gemeinsamen Gemeinde, den Ameisen gesagt hat, dass sie jemanden für eine WG sucht, hab ich das als Gebetserhörung verstanden. Wir haben uns die nächsten Wochen immer mal wieder getroffen, um uns kennen zu lernen und gemerkt, dass wir beide eine ähnliche familiäre Vergangenheit haben. Wir hatten beide starke Trigger-Punkte und in meiner damaligen Naivität und auch Verzweiflung dachte ich, dass das auch eine Führung Gottes war, dass wir uns gegenseitig helfen und es ganz toll werden würde. OK, das klingt jetzt so, als würde jetzt kommen, es war alles ganz schlimm. Neee, das würde ich nicht sagen. Oder dass Rega ganz schlimm gewesen sei. Neee, würde ich auch nicht sagen. Aber vielleicht kann man trotzdem sagen, dass diese Zeit, in der wir zusammen gewohnt haben, die Wurzel eines Teiles meiner heutigen Probleme ist, als Christ zu leben. Sie muss diese Probleme vor mir geahnt haben, denn kurz bevor wir den Mietvertrag unterschrieben haben, wollte sie noch den Rückzieher machen und ich hab sie überredet, doch die WG zu versuchen.

Wie gesagt, alles was ich hier schreibe schreibe ich nicht, um sie schlecht zu machen oder so. Ich schreibe es nur, um selbst besser zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass ich heute so bin, wie ich bin. Glaubenstechnisch.

800px_COLOURBOX3780756Rega war von Anfang an sehr dominant. Redete immerzu ganz viel von sich, wie ein Wasserfall. Über ihren Glauben, ihre Beziehung zu Gott und ihre Gaben, die sie von Gott hatte. Sie sei prophetisch begabt, sagte sie. Um ehrlich zu sein, ich habe davon wenig gemerkt, aber auch wenig dazu gesagt, das meiste, was sie sagte habe ich einfach stehen gelassen. Man merkte schon, dass sie für sich selbst viel von Gott hören konnte, aber für andere… also ich hab für eine Mitbewohnerin sehr wenig von Gott durch sie gehört, dafür, dass sie so prophetisch begabt sein wollte. Aber wie gesagt, sie war absolut davon überzeugt und das ging sehr weit. An vielen Stellen für mich zu weit. Es kam oft vor, dass sie einfach in mein Zimmer gestürmt kam und mich im Namen Gottes zur Schnecke gemacht hat wegen eines Posters, das ich an der Zimmertür hatte, es würde Dämonen anlocken oder mein Zimmer sei viel zu unordentlich und das würde den Geist der Unordnung anlocken und Gott sei ein Gott der Ordnung und ich würde ihn mit meinem unordentlichen Zimmer beleidigen. Das kam immer wieder ganz plötzlich, wenn ich einen Film am Schauen war oder etwas gearbeitet habe, plötzlich flog die Tür auf und Rega stürmt rein und macht mich in einer krassen Lautstärke zur Sau. Kurze Zeit später war sie wieder völlig hilflos, lag im Schlafanzug den ganzen Nachmittag auf dem Sofa und jammert darüber, dass sie keinen Job findet, der zu ihr passt, aber dass ja Gott Größeres mit ihr vor hat als im Geschäft an der Kasse zu sitzen. Sie sollte evangelistische Musik machen, sagte sie, aber fühle sich unwürdig und sie müsse sich ja dann selbst vermarkten und das sei ja Sünde. Das Ironische daran war, dass ich, also die, die Dämonen anlockte und die Gott beleidigt durch meine Unordnung und die dämonische Probleme hatte, dass ich die von uns beiden war, die eine Ausbildung, einen Führerschein und eine Arbeit hatte. Gleichzeitig hat sie meine Ausbildung und meine Arbeit geistlich bewertet, ich habe eine Fortbildung in Gewaltprävention gemacht und sie meinte, die Methoden wie Rollenspiel und gruppendynamische Übungen, die ich da anwende, seien von Gott her nicht in Ordnung, weil es eine Lüge sei, in Rollenspielen zu behaupten, man sei jemand anderes, der man eigentlich gar nicht ist. Dann kam sie wieder alle paar Stunden zu mir und brauchte jemanden, der für sie betet. Und das hat dann immer mindestens eine halbe Stunde gedauert, wobei ich die meiste Zeit nur daneben sitzen und zuhören musste, während sie gebetet hat. Ich hatte oft den Eindruck, als würde sie beim Beten weder zu Gott noch (was es ja auch mal gibt) zum Mitbeter, also mir reden, sondern sie wollte nur sich selbst reden hören. Ich weiß, dass ich nicht in ihren Kopf schauen konnte, aber diese ganze Situation war so eine eindeutige Selbstbestätigung immer. Ehrlich gesagt, manchmal bin ich während ihres Betens aufgestanden, hab mir leise etwas zu trinken geholt, bin aufs depression-stamp.jpgKlo gegangen und als ich wieder gekommen bin hat sie gar nichts davon gemerkt, dass ich weg war. Sie meinte oft, ohne beten käme sie gar nicht klar. Ok, ich habe auch gebetet, aber doch nicht so! Davon abgesehen, dass ich gar nicht laut beten musste (und ich glaube, heute auch wegen dieser Erfahrungen auch gar nicht mehr gerne möchte und kaum noch kann), ich hätte gar nicht gewusst, wie ich eine halbe Stunde lang nur über mich reden sollte. Einmal standen wir in der Küche und sie – ich weiß nicht mehr, warum – wollte plötzlich, dass ich sie segne. Sie hat mich angeschrien, sich meine Hand genommen und auf ihren Kopf gelegt, dann dabei gelacht. Ich war komplett perplex, was sollte ich denn machen? Ich hab irgendwas gesagt, von Wegen „Gott segne dich“, dann auch gelacht, aus Unsicherheit und weil die Situation so skurril war.

Ach, ich hab das Gefühl, ich bin hier voll am Lästern. Ich versuche, den Text soweit es geht von ihr und denen, die sie erkennen könnten, fern zu halten.

Nach einem Jahr ist die WG in die Brüche gegangen, auf ihre Initiative hin. Sie meinte in einem Moment, sie käme mit mir nicht mehr klar, ich sei nicht geisterfüllt genug, in nächsten Moment sagte sie, dass ich ihr so viel geholfen hätte und so viel Heilung in Gang gesetzt hätte, aber Gott jetzt etwas Anders mit ihr vor habe. Naja. War sicher auch besser so.

Wir haben beide eine eigene Wohnung gefunden. Die nächsten Jahre haben wir noch in derselben Stadt gewohnt, aber immer weniger Kontakt gehabt, meistens ging der Kontakt von ihr aus. Jetzt wohnen wir nicht mal mehr in derselben Stadt und haben sehr lange nichts mehr von einander gehört. Da bin ich aber nicht traurig wegen, im Gegenteil, wenn ich ehrlich bin. Denn in den ersten Jahren nach der WG hat sie mich immer wieder angerufen und – sorry – mich stundenlang vollgequatscht und dann genauso lange am Telefon gebetet. Über die schreckliche Arbeit, die sie machen muss, weil sie im Geschäft Unterwäsche einsortieren muss und das doch voll eklig wäre, dass ihre Chefin voll Psycho sei und so weiter. Ich hab tatsächlich vor längerer Zeit mal so Situationen mit ihr in einem Artikel verarbeitet, das war teilweise O-Ton. My heart goes SCHALALALALA! Wie gesagt, ich bin nicht traurig, dass ich diesen Kontakt nicht mehr hab.

Aber ich glaube, dass einiges doch tatsächlich Nachwirkungen hat. Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ja so schlimme Angst vor Dämonen. Und ich kann nicht laut beten oder an Gebetsgemeinschaften teilnehmen. Allgemein fällt es mir nicht leicht, über meinen Glauben zu reden, weil ich Angst hab, verurteilt oder klein geredet zu werden. Ich telefoniere ganz ungerne. Vor Allem finde ich es ganz schlimm, über Telefon zu beten. Hat das vielleicht etwas damit zu tun?

Ich mag mich grade gar nicht, wie ich hier schreibe. Aber ich weiß auch nicht, wie ich es sonst schreiben soll. Ich würde mich freuen, wenn du deine Meinung dazu schreibst.

2 Gedanken zu “Wurzelbehandlung?

  1. Mathias schreibt:

    Hey,
    hab das grade gelesen nachdem ich vorher ein Video von dieser JWC Sekte auf Youtube gesehen. Übel, wie weit Menschen gehen, um mit Worten geistlich fertigmachen.
    Mut fällt dazu echt nix mehr, kann mich aber gut reinversetzen, bin auch ein bisschen harmoniesüchtig.
    Oder hab ich das jetzt falsch interpretiert. Man steht ja dann erst mal da und ist komplett sprachlos.

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    • bithya85 schreibt:

      Ja, am Anfang war ich auch völlig baff, weil damit rechnet man ja nicht. Irgendwann hab ich entweder darüber gelacht oder war einfach angenervt und sauer. Hab ihr auch mehrmals sehr deutlich die Meinung gesagt, teilweise hat sie es für den Moment eingesehen und sich „für den Tonfall“ entschuldigt. Mehr war nicht drin.

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