Ein Frosch

Frosch im MixerEs ist sicher einer der Blogartikel, die mir am schwersten fallen. Ich wollte ihn schon ziemlich lange schreiben, aber es ging mir einfach nie gut mit dem Thema. Bin auch schon lange dran und brauchte immer wieder Pausen. Und heute? Es geht grade wieder besser, aber eigentlich will ich mich trotzdem weigern, zu schreiben. Ich will das nicht. Ich will nicht daran denken. Aber jemand muss schreiben. Als Betroffene. Denn ich weiß, dass ich da nicht die Einzige bin.

Als ich ungefähr 13 war ist ein Buch in Deutschland erschienen, von einem amerikanischen Teenager geschrieben, das hier einen missverständlichen Titel hat. Der amerikanische Titel trifft es besser: I kissed Dating goodbye. Diesen Titel finde ich passender. Eine Abfuhr ans Daten. Jugendliche sollen sich nicht mit jemandem verabreden oder sich in „Gefahr“ begeben, mit jemandem zusammen zu kommen, wenn sie nicht eindeutige Absichten haben, ihn oder sie zu heiraten, um ja nicht auch nur ansatzweise in Versuchung zu kommen, Sex zu haben. Noch nicht einmal Küssen sollten sie sich. Händchen halten ist auch problematisch. Ich möchte dazu sagen, dass sich der ehemalige Teenager, der das geschrieben hat, inzwischen öffentlich entschuldigt hat für das, was er mit diesem Buch angerichtet hat.

In meiner damaligen Jugend wurde das Buch empfohlen, gehypt, die Gedanken in die Lehre aufgenommen und auch angewendet. Ich kann mich daran erinnern, dass eine Ältere aus der Jugend, die ich immer als mein Vorbild gesehen habe, auffällig oft mit einem Jungen geredet hat, sie waren eigentlich immer zusammen, das konnte einfach kein Zufall mehr gewesen sein. Irgendwann hab ich sie darauf angesprochen, ob sie nur Freunde sind oder mehr, weil ich es einfach nicht einordnen konnte. Sie meinte, sie seien auf jeden Fall mehr als nur Freunde, aber sie wollten es so machen, wie in diesem Buch empfohlen, dass sie sich praktisch zur Hochzeit das erste mal küssen. Ich war schon beeindruckt. Damals. Meine Eltern waren es weniger, sie hatten auch gute Argumente, aber ich war nicht fähig, sie zu hören.

Wie kann man als 14-jährige wissen, ob man den, in den man verliebt ist, mal heiraten will, wenn man noch gar keine Erfahrungen mit Jungs hat? Und wie will man Erfahrungen bekommen, wenn man sich nicht verabredet? Und wie will man überhaupt ein gesundes Verhältnis mit Angehörigen des anderen Geschlechts entwickeln, wenn man bei jedem Wort, das man wechselt, immer im Hinterkopf haben muss: Vorsicht, nicht zu viel denn ich weiß nicht, ob ich ihn mal heiraten will oder nicht. Come on!

Frosch im Mixer 2Was passiert? Man hat kaum Kontakt zu Jungs (als Mädchen), Jungs sind immer irgendwie suspekt, potentiell gefährlich, und man ist auch selbst potentiell gefährlich für andere. (Ich habe grundsätzlich den Verdacht, dass vor Allem Mädchen und Frauen geblamed werden für ihr Aussehen, denn angeblich werden Männer schon alleine durch unsere Anwesenheit in Gefahr gebracht.) Man muss immer auf der Hut sein, bloß nicht zu viel Kontakt. Wenn man mal den Blick zu lange stand hält, sich vielleicht mal verabredet zu keine Ahnung was, Händchen hält, dann ist das schon eine halbe Verlobung. Mit 14. Ist das nicht gruselig für einen Teenager? Nur, um ja sicher zu gehen, die „Reinheit“ zu bewahren.

Ich selbst hab das Ganze – wie so Vieles – so ernst genommen, wie man es nur ernst nehmen kann. Vielleicht führte das dazu, dass ich einen Großteil meiner Gefühle abgespaltet habe, wenn man das so nennen will. Es kommt kaum mal vor, dass ich mich verliebe, ich kann mich an drei mal erinnern, wo ich mich wirklich verliebt habe. Wobei das erste mal war mehr oder weniger eine Teenie-Schwärmerei und das zweite mal war auch so eher mäh. Und wenn es mal vorgekommen ist, dass jemand auf mich zugekommen ist, bin hochgeschreckt wie ein aufgescheuchtes Huhn. Ich weiß noch, dass mich mal einer aus der Jugend angerufen und zu einem Spaziergang eingeladen hat. Ich wusste gar nicht, was der von mir wollte. Es war so schräg! Naja, inzwischen ist es ein bisschen besser geworden, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich Chancen verpasst habe. Auch die wenigen Male, wo ich mich verliebt habe, konnte ich es kaum fühlen, und wenn es zu einer vorsichtigen Annäherung kam, hab ich ihn immer auf Abstand gehalten. Ich bin traurig deswegen und sauer auf mich und auf das Buch und auf diese Lehre und weiß der Kuckuck.

Geheiratet wird dann in diesen Kreisen, wenn es dazu kommt, übrigens oft schon mit 18, 19 Jahren. Sobald es rechtlich möglich ist. Dass das in der Ehe nicht unbedingt unproblematisch ist, brauch ich sicher nicht extra zu erwähnen. Kenne einige, die es nicht geschafft haben und dafür echt gewisse Konsequenzen zu spüren bekamen, andere sind in einer unglücklichen Ehe gefangen und wieder andere können sich nicht mal eingestehen, nicht glücklich zu sein, obwohl es für mich als Außenstehende ziemlich offensichtlich ist, wenn man über die andere Person immer nur schimpft und erzählt, was er oder sie sich mal wieder geleistet hat und ich denke so: Das geht auch überhaupt nicht, das tut man doch in einer Beziehung mit Sicherheit nicht! (Fairerweise möchte ich aber auch schreiben, dass es auch bei einigen gut zu funktionieren scheint.)

Frosch im Mixer 3Und so komisch es klingt, das mit der übertriebenen Vorsicht bei frischen Kontakten gilt nicht nur für Teens, auch für Erwachsene. Hab ja schon mal geschrieben, dass in meiner alten Gemeinde Männchen und Weibchen nicht mal alleine über das Wetter reden konnten, ohne dass die wildesten Gerüchte in Umlauf gebracht wurden. Das war auch immer normal für mich, es ist heute noch völlig ungewohnt, mit Männern irgendwas Banales zu reden und wenn es mehr als Banales ist, dann ist es schon sehr krass. Ich werde unsicher und fahrig. Gibt natürlich auch immer ein paar, die einfach die guten Kumpels sind und ja, es kommt auch wie gesagt vor, dass ich mich verliebe. Selten, aber nicht nie. Aber dann blinkt in meinem Kopf schon wieder dieses Kopfkino: Vorsicht, Vorsicht!!! Wenn du dich verliebst, dann musst du ihn heiraten! Wenn du ihn heiratest, musst du diese Frau nach Gottes Herzen werden! Und wenn du diese Frau nach Gottes Herzen wirst, dann wirst du ein passives Heimchen am Herd, das sich immer unterordnen muss und dem Partner in allem Recht gibt und nichts Eigenes mehr denkt und macht. What to do, what to do??? Schöpfungsordnung stinkt mir bis sonst wohin. Sollte verboten werden. Schon alleine, weil es völliger Mumpitz ist. Das weiß ich eigentlich. Aber gilt das auch? Manchmal möchte ich einen Partner, aber was dann? Wie soll das funktionieren?

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2 Gedanken zu “Ein Frosch

    • bithya85 schreibt:

      Danke 🙂 Ja, ich weiß. Ich habe auch gehört, dass er sich nicht mal mehr als Christ bezeichnen will, oder hab ich da was falsch verstanden? Dass es das für mich leichter macht, kann ich nicht sagen. Ihm selbst kann ich auch keinen Vorwurf machen, denn ich sehe sein Buch eher als Symptom eines viel umfassenderen Problems. Ich habe Mitleid mit ihm, er ist ja genauso ein Opfer der Denke.

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