liquid church – die flüssige Kirche

liquidWelchen Aggregatzustand hat eigentlich das Reich Gottes? Nur mal so eine Frage. Irgendwie hab ich das immer so ein wenig mit Kirche (oder genauer gesagt, mit freikirchlichem Hintergrund mit Gemeinde) mehr oder weniger gleichgesetzt. Irgendwie ein wenig starr, so: Hier genau ist es und dort hört es auf, und dieses gehört dazu und das nicht, Straßen-Missionseinsätze gehören dazu, Homosexualität nicht. Oder: Bekehrungsaufrufe und Hauskreise gehören dazu, politisches Engagement und interreligiöser Dialog nicht. So, als könnte man es ganz genau definieren, abgrenzen. Ich hab zwar auch manchmal gehört, dass es nicht so ist und dass Jesus auch mal etwas gesagt hat wie, dass keiner sagen kann, hier sei es oder dort sei es. Aber irgendwie ist es nicht so wirklich zu mir durchgedrungen.

Vor ein paar Tagen habe ich aber einen spannenden Begriff gehört, der mich nicht mehr wirklich los lässt. Dieser Begriff war „liquid church“. Eine flüssige Kirche. Als Bild ein sehr spannender Gedanke. Was wäre denn, wenn die Kirche flüssig wäre? Kein fester Gegenstand oder ein festes Gebäude oder was auch immer, sondern eine Flüssigkeit. Und wenn man das Ganze ein wenig weiter fasst, was wäre, wenn das Reich Gottes flüssig wäre? Dann hätte es andere Eigenschaften als dieses Starre, denn welche Flüssigkeit ist starr?

Jaja, ich weiß, es ist weder fest noch flüssig noch gasförmig noch Plasma noch sonst irgend etwas in dieser Richtung. Ich meine einfach nur als Bild. Ich bin irgendwie ein ziemlich visuell denkender Mensch, ich stelle mir Dinge bildlich vor, und wenn ich den Begriff flüssige Kirche höre, dann löst das in mir aus, dass ich vor meinem geistigen Auge (fast hätte ich geschrieben geistliches Auge. Freudscher Verschreiber?) sehe, wie sich die fest(gefahren)e Kirche verflüssigt, die Straße entlang fließt, in Vorgärten, unter Autos, in die Natur, zu Menschen, die niemals einen Fuß hinein setzen würden, wenn sie wüssten, was es ist. So aber spüren sie eine Liebe und Annahme, ein Willkommen sein im Reich Gottes und sie merken, dass es gut ist. (Ich merke grade, dass ich immer noch Reich Gottes und Kirche synonym verwende. Das ist vielleicht gar nicht unbedingt angemessen. Aber wenn ich flüssiges Reich Gottes schreiben würde, würde das irgendwie ziemlich doof klingen, oder?) Und vielleicht passiert das nicht nur bei Leuten, die nie einen Fuß in eine Kirche setzen würden. Vielleicht hören sie mit Elif den heiligen Geist singen:

„Ich tauch dich tief in meine Liebe ein, bis zum Boden, bis du drin stecken bleibst. Was zerbrochen ist, mach ich wieder heil und tauch dich tief in meine Liebe ein.“ (Ich habs jedenfalls gehört. Hier die Vollversion, lohnt sich 😉 Fort Knox)

Vielleicht auch bei Leuten wie mir. Wenn ich mit Straßen-Missionseinsätzen und Bekehrungsaufrufen gelinde gesagt nichts mehr anfangen kann, muss es dann unbedingt heißen, dass ich nicht mehr willkommen bin? Dass ich nicht mehr dazu gehöre?

Manchmal denke ich das. Wie kann Gott mich noch lieben, wenn ich nicht mehr so bin wie ich war? Wie kann ich noch etwas für Gott tun, wenn ich nicht mehr dieses enge Bild habe und auch nicht mehr haben will? Aber wenn ich mir vorstelle, dass die Kirche flüssig sein könnte, nicht an einem Ort und in einer Mentalität und in einem Denken fethVK7MAZAQstgelegt ist, dann kann die Kirche auch dahin fließen, wo man nicht mit ihr rechnet. Vielleicht bin ich auf einer Klima-Demo mitten in der Kirche und merke es nicht? Vielleicht bin ich auch mitten in der Kirche, wenn ich mit einem vernachlässigten Kind arbeite? Vielleicht ist Gott genau dort und ich weiß es nur nicht? Und vielleicht ist Kirche auch da, wo man auf Augenhöhe aufeinander zugeht, ohne den anderen belehren zu wollen, oder missionieren oder lehren oder sich sonst wie über den anderen zu stellen? Oder dort, wo wir uns gegenseitig zuhören und uns auffangen oder helfen, ohne etwas zu erwarten? Oder dort, wo wir auch Risiken eingehen, für das, was wir als gut und richtig erkannt haben, in Übereinstimmung mit der Liebe Gottes? Vielleicht ist Carola Rackete ein Apostel und Greta Thunberg eine Prophetin und keiner hat es gemerkt? Fände ich gar nicht mal so abwegig, seit einigen Monaten gehts hier in den Gottesdiensten um die kleinen Propheten. Wenn man die liest und solche Menschen vor Augen hat, denke ich, kann man durchaus auf diesen Gedanken kommen.

Ich war beim Klimastreik am 20.9. dabei. Es war unglaublich. Zwischen 1000 und 1500 Menschen, vor Allem Kinder und Jugendliche, aber auch ältere Leute. Wir sind bestimmt zwei Stunden durch die Stadt gezogen, und es war auch einfach ein unglaubliches Gefühl der Gemeinschaft. Denn wir hatten nicht nur räumlich dasselbe Ziel, sondern wir alle wollten eine wirksame Klimapolitik. Und gemeinsam die Parolen zu rufen hatte teilweise schon fast etwas Euphorisches. Die Blicke der Leute, die uns für Spinner halten trotzig zu erwidern. Es war völlig friedlich, aber auch entschlossen. Als wir schließlich am Ziel angekommen sind, haben uns Kirchenglocken willkommen geheißen. Das war so toll. Die Leute aus der Kirche haben die Tür geöffnet, uns Getränke und Toilette zur Verfügung gestellt, einige sind rein gegangen und haben für die Erde, die Schöpfung gebetet. Außer den Glocken hab ich aber nichts davon mitbekommen, weil ich kurz danach weg musste. Ich hatte aber tatsächlich ein schlechtes Gewissen, weil ich geglaubt habe, Gottes Zustimmung zu spüren, nicht in einem Gottesdienst sondern auf einer solchen Demo. Ich dachte tatsächlich, es sei Götzendienst, sich auf einer Demo zu fühlen wie in einem Gottesdienst.

Eine knappe Woche später hab ich mit einer Verantwortlichen aus der Kirche gesprochen. Wir kennen uns. Und die hat dann von dem allen erzählt, was ich nicht mitbekommen habe. Und ich habe gemerkt, dass ich wirklich keinen Grund für Gewissensbisse habe. Ich habe keine Götzen angebetet, sondern es kann sehr gut sein, dass Gott tatsächlich möchte, dass ich auf die Straße gehe für Dinge, die ich als wichtig und richtig erkannt habe. Ich will hier keine prophetische Formel oder etwas Ähnliches verwenden, das steht mir wohl nicht zu. Aber ich kann auch nicht einfach sagen, dass ich diese Zustimmung Gottes nur spüren darf, wenn ich in einer Lobpreiszeit sitze. Was eh nur selten vorkommt.

Naja, vielleicht ist das jetzt überhaupt nichts Neues. Aber für mich war es echt eindrucksvoll.

3 Gedanken zu “liquid church – die flüssige Kirche

  1. Thomas Jakob schreibt:

    Welchen Aggregatzustand hat Kirche? Meine spontane Antwort: fest! Auf der einen Seite denke ich sofort an die vielen Kirchengebäude, die Kirche repräsentieren, auf der anderen Seite an den festen biblischen Kanon, auf dem Kirche basiert und an dem alles gemessen wird.

    Über den Kontrast flüssig-fest musste ich an die tollen Basaltsäulen an der Ardeche denken, die ich im Sommer gesehen habe. Entstanden aus erkalteter Lava, die dann aussieht wie ein gigantisches Bündel aus steinernen Spaghetti.

    Das ist für mich ein gutes Bild für Kirche. Bei ihrer Entstehung, als Jesus und später Paulus noch auf Erden unterwegs waren, war sie flüssig wie Lava. Die Versteinerungen davon sehen wir in den Worten der Bibel.

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    • bithya85 schreibt:

      Eigentlich doch schade, oder? Ich wünsche mir, dass es anders geht. Dass Kirche auch heute noch flüssig ist. Denn Gott erschafft ja konstant etwas Neues. Also warum sollte sich nicht die Kirche immer wieder verändern? 🙂

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