Klagen und Loben

Ich habe oft genug Folgendes gehört:

  • „Danken schützt vor Wanken, Loben zieht nach oben!“
  • „Wir loben zu wenig und klagen zu viel!“
  • Und (SIC!): „Das gilt auch schon für euch Kinder: Wenn ihr nicht dankbar seid, werdet ihr gewisslich sterben!“

(Letzteres hat der Prediger in der Gemeinde einer damaligen Freundin wörtlich gesagt zu den kleinen Kindern, die im Gottesdienst anwesend waren, teilweise Kindergartenalter, und ich dachte nur: Das hat der jetzt nicht wirklich gesagt, oder?! Hat er aber.)

mourning-1927390__340-845x321.jpgAllgemein heißt es irgendwie immer wieder, wie wichtig es sei, Gott zu loben, je euphorischer desto besser, je mehr Halleluja und Maranata desto mehr zeige sich Gott im Leben und dass die, die viel klagen, die seien, die durch das Klagen Gottes Wirken in ihrem Leben selbst im Weg stehen und so irgendwie selbst dran schuld seien, dass sie glauben, Grund zum Klagen zu haben. Außerdem könne Gott unser ständiges Meckern und Klagen nicht mehr hören, wir seien undankbar wenn wir Klagen statt zu Loben und vertrauen Gott zu wenig wenn wir durch unser Klagen andeuten, wir wüssten besser, was gut für uns ist als er.

Kennste so Sprüche? Ich schon.

Zunächst einmal: Ein grundsätzliches PRO für Dankbarkeit. So schwer es für mich auch manchmal ist. Dankbarkeit ist eines dieser Gefühle, die Optimismus und Ausgeglichenheit fördern und durch eine positive Erwartungshaltung positive Erlebnisse hervorbringen können, ich meine sogar mal gehört zu haben, dass es auch gut für die körperliche Gesundheit ist, da hab ich aber keine Belege für. Und umgekehrt KANN es auch passieren, dass durch exzessives Klagen der Blick einzig darauf beschränkt wird, was alles scheiße ist (Stichwort: Selektive Wahrnehmung) und man durch negative Erwartungen in eine Abwärtsspirale gerät (Stichwort: selbsterfüllende Prophetie). Ob dadurch das Wirken Gottes im Leben grundsätzlich beeinträchtigt wird oder nicht, ist noch mal ein ganz anderes Thema.

Denn das ist doch die Frage, die wir uns alle stellen, oder? Wirkt sich Loben/Dankbar sein oder Klagen darauf aus, wie Gott uns sieht? Ich behaupte einfach mal: Es erscheint nur so. Vielleicht auch nur wegen dieser Einreden von oben. 

Ich habe mal eine lange Zeit diese krassen Lobpreisveranstaltungen geliebt. Je charismatischer desto besser. Man kann sich so fallen lassen und so glücklich werden, es ist, dachte ich, einfach so stark die Gegenwart Gottes spürbar und Gott freut sich einen Affen, wenn er mich jetzt sieht, wie ich ihn lobe und ich hatte das Gefühl, dass Gott so nah bei mir ist und jetzt in diesem Moment besonders bei mir wirkt. Als ich dann plötzlich diese Schicksalsschläge erlebte, depressiv wurde und infolge dessen einfach nicht mehr loben konnte brach eine Welt für mich zusammen. Manchmal habe ich heute noch Gewissensbisse, weil ich viele Lobpreislieder nicht mehr mitsingen kann und mich kaum noch im Lobpreis fallen lassen kann. Das macht mich traurig. Leute, die mir dann noch einen Vorwurf daraus machen, dass das alles meine Schuld sei, weil ich nicht genug gebetet habe oder vielleicht gar nicht mehr mit Jesus unterwegs sei machen es auch nicht besser. Daraus hat sich dann auch meine Dekonstruktionsphase entwickelt. Und indem ich mich auch mit Inge Tempelmann hier auf dem Blog beschäftigt habe ist mir im Zusammenhang mit Lobpreis die Hypnose aufgefallen. Und ich so: Ich hab mich so oft hypnotisieren lassen! Daher auch die Gefühle und der Eindruck, Gott würde jetzt grade wirken! Alles nur Manipulation!

Ist es alles Manipulation? Ich weiß nicht. Aber zumindest ein großer Teil, in manchen Gemeinden besonders groß, in anderen vielleicht kleiner. Kommt meiner Meinung nach auch stark auf den Leiter an. Aber andererseits traue ich auch Gott zu, durch die Hypnose durch zu wirken. Vielleicht nicht in dem Sinne von Hypnose als Werkzeug Gottes, das meine ich hier nicht, aber eher trotz der Hypnose. Hm. Alles nicht nur schwarz oder weiß. Grau? Oder bunt?

Und nun zu der Sache mit der Dankbarkeit oder Undankbarkeit, wenn wir nicht loben, sondern klagen. Das hab ich auch zu Genüge gehört, immer wieder, dass es so undankbar Gott gegenüber sei, zu klagen. Und dass es so ein offensichtlicher Mangel an Vertrauen sei. Hm. Biste dir sicher?

Stellen wir uns das doch einmal wirklich vor: Durch Jesus ist Gott unser Vater, richtig? Und Jesus hat, als er vom Vater redete, nicht einfach diese distanzierte Version genutzt, die in alten Filmen in Königshäusern manchmal gebraucht wird, wo die Prinzen ihren Vater, den König, siezen und „Herr Vater“ sagen müssen, sondern eine sehr vertrauliche Form, so ähnlich wie heute Papa. (Bedeutet deswegen nicht unbedingt, dass wir uns wie Kleinkinder verhalten müssen, ich als Erwachsene nenne meinen Vater auch noch Papa. Der ist cool.) Also gehe ich mit meinem frakmentarischen Wissen über das Denken in der antiken Welt mal davon aus, dass man unsere Beziehung mit Gott vergleichen kann mit einer Beziehung (erwachsene/r) Sohn oder Tochter zum Vater: Freundschaftlich und vertrauensvoll. (Im besten Fall.)

So. Ich war allerdings immer eine sehr verschlossene Tochter. Ich habe die meisten Dinge mit mir ausgemacht, das lag an mehreren Gründen, die ich hier nicht aufzählen will. Die tun grad auch nichts zur Sache. Aber vielleicht kann man das hier übertragen, denn meine Eltern haben immer wieder versucht, zu mir durchzudringen, zu meinem wahren Ich, zu dem, was ich wirklich denke, fühle und erlebe. Mit mittelmäßigem Erfolg. Ich habe sogar den Verdacht, dass sie in ihrer Not mal im Bücherregal mein Tagebuch gesehen haben und der Versuchung erlagen. War nicht ok, klar, das darf man auf keinen Fall, aber damit will ich nur zeigen, wie verzweifelt sie wissen wollten, was ich wirklich dachte.

ehrlichIch habe keine eigenen Kinder, aber ich kenne viele Eltern. Und fast alle von ihnen wünschen sich, dass ihre Kinder mit ihren Problemen zu ihnen kommen. Sie wollen nicht unbedingt ununterbrochen von den Kids in den Himmel gelobt werden, sie wollen, dass ihre Kinder ehrlich zu ihnen sind. Dass sie für ihre Ängste und Sorgen und Probleme ihre Anlaufstelle sind. Dass die Kinder nicht alles in sich hinein fressen oder vor lauter Angst, ihre Eltern könnten von dem ewigen Meckern über die Hausaufgaben oder die Freunde, die keine sind, oder von der ständigen Angst vor Spinnen oder dem Versagen so angenervt sein, dass sie sie nicht mehr lieb haben lieber nur das Gute erzählen. Was ist denn das für ein Vertrauen?

Ist es nicht viel mehr ein Vertrauensbeweis, auch mit den scheinbar blöden Ängsten oder Sorgen zu den Eltern zu kommen? Keine Angst haben zu müssen, die Eltern zu enttäuschen, wenn man eine Zeitlang immer nur weint und negativ denkt und das auch vor den Eltern nicht verheimlicht? Oder vielleicht auch mal in blinder, hilfloser Wut schreit: „Ich hasse euch!“, die Tür knallt und für eine Weile ganz (im Zimmer oder bei Oma oder den besten Freunden) verschwindet, weil man diese Typen einfach nicht mehr ertragen kann. Ist das nicht viel mehr ein Vertrauensverhältnis als immer nur happy-clappy Friede-Freude-Eierkuchen spielen? Mal ein reinigendes Gewitter nach dicker Luft und danach vielleicht sich selbst und den anderen besser kennen als jemals zuvor? Oder zu erleben, dass das Nest auch hält, wenn man sich wie eine Wildsau aufführt? Oder zu merken, dass auch unsere Schwächen von den Eltern geliebt sind?

Und jetzt das Ganze auf Gott zu übertragen ist vielleicht gar nicht so schwer:

Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!

Wir sind völlig unvollkommen und die Liebe ist nur ein Teil von uns. Wenn wir aber davon ausgehen, dass Gott die vollkommene Liebe ist, ist es dann nicht nachvollziehbar, zu glauben, dass Klagen ein Vertrauensbeweis ist? Unsere Ängste und Schwächen und Probleme und Sorgen und unsere Anklagen und Wut und alles Blöde, Negative, Destruktive Gott zu erzählen? Ungeschönt und leidenschaftlich? Vielleicht führt das auch zu Gottesbegegnungen, so wie Lobpreis zu Gottesbegegnungen führen kann.

Was meinst du?

BTW: Ich habe seit einiger Zeit den Gedanken an eine Hiob-Night, eine etwas andere Worshipnight, kombiniert mit einer Fuck-Up-Veranstaltung, in der das Klagen und Versagen besondere Aufmerksamkeit bekommt. Wär, finde ich, einen Versuch wert.

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