Sex, Drugs & Rock’n’Roll

Es gibt eine Situation in meinem Anerkennungsjahr, an die ich mich noch gut erinnere, denn sie war eine der Schlüsselerfahrungen für mein späteres pädagogisches Arbeiten. Ich habe in einer gemischten Grundschulklasse gearbeitet und einige der Schüler haben irgend etwas absolut Verbotenes gemacht. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber das ist auch nicht wichtig. Ich wollte dann mit der ganzen Klasse darüber sprechen, weil es wirklich viele waren, die es betroffen hat. Hab mit meiner Anleiterin geredet, ob ich das dann ansprechen darf. Sie hat nein gesagt. Und die Begründung hat mich wirklich überrascht: „Die Kinder, die es betrifft, werden sich nicht angesprochen fühlen. Die, die sich angesprochen fühlen sind meistens die Kinder, die nichts gemacht haben, und die sowieso schon unsicher sind. Diese Kinder werden dann in ihrem geringen Selbstwert noch bestärkt. Deswegen schimpfe keine ganze Gruppe für etwas, das nur ein paar gemacht haben. Es ist besser, Kinder zu loben, wenn etwas gut gelaufen ist.“ Das hat mir imponiert und ich hab es mir gemerkt. Und ich versuche tatsächlich, wo es irgendwie geht, das Schimpfen und Strafen zu vermeiden.

Sünde2Thema Gerechtigkeit. Und ich meine Zedaka. Wo Menschen nicht für Fehler der Kopf abgehackt wird, sondern versucht wird, sie wieder zu integrieren. Kinder, die Fehler gemacht haben, werden ermutigt, es weiter zu versuchen und für ihre Fortschritte gelobt, anstatt sie vor versammelter Mannschaft – mit Unschuldigen dabei – zu schimpfen. Frauen, die in die Prostitution abgerutscht sind, werden von einem unkonventionellen Rabbi nicht öffentlich bloßgestellt, sondern in den Jüngerkreis integriert, ihnen wird ein neues Leben ermöglicht. Ein Totschläger wird nicht von Gott an den Pharao verraten oder selbst mit einem Blitz erschlagen, sondern erhält die Chance, bei der Beseitigung von dem mitzuhelfen, was ihn so in Rage versetzt hat, dass er den Mann getötet hat. Wie wäre es, wenn es völlig üblich wäre in unseren Gemeinden, Leute einzubinden, die völlig anders sind, als wir es kennen? Was wäre, wenn auch die mitarbeiten können, die vielleicht gar nicht an Gott glauben? Was wäre, wenn die, die vielleicht anders lieben und leben ganz selbstverständlich mit uns allen gezeigt werden? Als Teil des Ganzen? Vielleicht kann man sogar noch weiter gehen: Vielleicht wäre es eine Option, gar nicht mehr zu sanktionieren? Sünde nicht mehr so hart zu verfolgen, vor Allem dann nicht, wenn sie letztlich keinem schadet. Wie sähe eine Gemeinde aus, in der Leute nicht fertig gemacht werden, weil sie angeblich so sündig sind?

Würde dann nicht das ultimative Chaos ausbrechen? Heißt es nicht, dass wir Sünde beim Namen nennen sollen? Habe ich nicht schon selbst oft genug geschrieben, dass man in manchen Dingen deutlicher werden muss? Ja, hab ich. Wenn es darum geht, dass jemandem Schaden zugefügt wird. Aber bei den Sünden, die in vielen Gemeinden so in den Mittelpunkt gestellt wird, fügt man niemandem Schaden zu. Niemand kommt zu Schaden, wenn sich zum Beispiel zwei Erwachsene lieben, vielleicht zusammen ziehen, ohne Trauschein. Oder dass vielleicht etwas leider auseinander geht, weil man merkt, man schadet sich nur gegenseitig, wenn man zusammen bleibt. Oder jemand interessiert sich auch für andere Glaubensrichtungen. Oder jemand betet anders als „erlaubt“. Vielleicht übertreibt es der eine oder andere, aber vielleicht steckt ein tieferer Grund dahinter?

Ich hab ein Beispiel aus der Gesellschaft. Und zwar der Umgang mit Drogen. Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass Abhängigkeit eine Krankheit ist und nicht nur einfach eine Straftat, aber hier wird es oft vermischt, habe ich den Eindruck, deswegen finde ich, das Beispiel passt.

Sünde1Es wurde in der Vergangenheit über den Krieg gegen Drogen gesprochen. Und der ist weltweit verloren. Viele Gefangene, hohe Geldstrafen mit Verschuldungen, Korruption, Schwarzmarkt, Menschenrechtsverletzungen und Gewalt. Auch die deutschen Maßnahmen bringen wenig mehr als die Entstehung neuer Drogenkartelle. Weil man dachte, wenn es keine Drogen gäbe, wäre das Problem gelöst nahm man Dealer fest und kriminalisierte Konsumenten. Vergaß aber dabei, dass die Abhängigen trotzdem das Zeug brauchen und durch das geringe Angebot die Preise steigen. Das führt nur zu noch mehr Dealern. Es entsteht ein immer größerer Schwarzmarkt und das Zeug wird immer gefährlicher. Aber damit nicht genug, auch dem Rest der Gesellschaft schadet das, denn weil es schwerer ist, Drogen herzustellen, werden die Drogen immer stärker konzentriert. Dann kommt noch die harte Gewalt dazu, denn Leute, die mit Drogen zu tun haben, können sich bei Problemen ja nicht an die Polizei wenden. Die müssen das untereinander klären. Und durch die Inhaftierung von nicht gewalttätigen Drogen-„Straftätern“ werden diese viel eher gewaltbereit, davon abgesehen werden in einigen Ländern auch solche Leute inhaftiert, die niemandem außer sich selbst geschadet haben. Paradebeispiel USA.

What to do? Manche Länder gehen einen radikal anderen Weg, um mit Drogen fertig zu werden: Schadensminderung. Manche haben für alle Drogen die Strafen erlassen. Abhängigen wird Unterstützung angeboten, anstatt sie zu bestrafen. Es wurden Abgabestellen für Drogen eingeführt, wo sich Abhängige behandeln lassen können und, wenn nötig, kostenlose, unverschmutzte Drogen bekommen, die sie unter Aufsicht nehmen können. Außerdem konnten sie sich dort erholen, duschen, schlafen und sich ärztlich und pädagogisch beraten lassen. Folge: Die Drogenkriminalität ging exorbitant zurück und 2 von 3 Abhängigen konnten wieder einer geregelten Arbeit nachgehen, sie mussten nicht mehr alle Energie aufbringen, zu überleben und sich zu verstecken. In der Schweiz beispielsweise sind heute 70% aller Heroinabhängigen in Behandlung, AIDS- und Drogentote sind massiv zurück gegangen. Genauso wie Prostitution und Straßenkriminalität.

Was wäre, wenn wir von diesem Beispiel lernen könnten, vielleicht machen wir uns viele Probleme selber, weil wir krampfhaft versuchen, einen Krieg zu gewinnen, der auf diese Art niemals gewonnen werden kann. Gewalt kann man nicht mit neuer Gewalt besiegen. Keine Art von Gewalt. Wenn wir immer wieder Angst haben vor Sünde, und wir auf Biegen und Brechen alle Sünde auslöschen wollen und Perfektion erreichen wollen, erreichen wir vielleicht nur das, was der Krieg gegen Drogen erreicht hat: Nur noch mehr Probleme anstatt sie zu lösen. Wenn wir uns so annehmen, wie wir sind und uns darauf konzentrieren, das Gute zu fördern anstatt immer nur auf dem Schlechten rumzureiten (und ja, ich spreche auch zu mir selbst), vielleicht wirkt das wahre Wunder? Ich weiß es nicht.

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3 Gedanken zu “Sex, Drugs & Rock’n’Roll

  1. Michael Rau schreibt:

    Super! Entkriminalisieren ist gut. Weil dieses Unterscheiden in Täter und Opfer, Gute und Böse dem, was wir Menschen sind, nicht gerecht wird. Wichtig finde ich, zu sehen, dass Jesus über das Entkriminalisieren noch hinausgegangen ist und zu „Bösen“ eine Beziehung aufgebaut hat und ihnen eine Aufgabe gegeben hat.

    Gefällt 1 Person

  2. Michael Rau schreibt:

    Bei Jesus ist das auch so. Sobald man den Jüngern mal den Heiligenschein abnimmt, merkt man, dass Jesus die in frommen Augen ungeeignetsten Typen als seine Boten ausgesucht hat, darunter einen Terroristen (Simon, der Zelot), einen mit den Römern kollaborierenden Steuereintreiber (Levi/ Matthäus), poltrige, unsensible Brüder (die Donnersöhne Jakobus und Johannes), den wankelmütigen Simon Petrus usw.
    Jesus hat anscheinend das menschlich- unvollkommene sehr hoch geschätzt.

    Gefällt 2 Personen

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