Wortsalat

Du kennst doch bestimmt solche Sprüche wie:

„Gesagt ist nicht gehört.
Gehört ist nicht verstanden.
Verstanden ist nicht einverstanden.
Einverstanden ist nicht behalten.
Behalten ist nicht angewandt.
Angewandt ist nicht beibehalten.“

Das möchte ist mal ein wenig anpassen auf das, was vielen von uns schon (fast) geistlich die Knochen gebrochen hat:

Chaos„Vergeben ist nicht verdrängt ist nicht vergessen ist nicht verarbeitet ist nicht Verständnis aufgebracht ist nicht verändert ist nicht versöhnt.“

Vergeben, vergeben. Heißt es doch immer wieder. Egal, was war, du musst vergeben und zwar sofort. Hab da schon mal was zu geschrieben, aber vor Kurzem ist das Thema wieder aufgekommen.

Ich saß bei einer Gruppe, in der ich mich gewöhnlich ziemlich sicher fühle vor enger Theologie, Fundamentalismus und geistlichen Triggern. Aber dann überfiel es mich ohne Vorwarnung. Plötzlich saß diese Person neben mir. Die, die mich geistlich vergewaltigt hat. Und der Trigger war schlimmer als ich befürchtet habe. Ich sehe sie sehr, sehr selten und gehe ihr, wo es geht aus dem Weg. Ihre Stimme triggert mich nämlich, sie hat eine ganz spezielle Art zu sprechen. Nicht nur der Abend war gelaufen, ich habe mich glaub ich auch vor den anderen bis auf die Knochen blamiert durch meine Reaktion. Auch den nächsten und übernächsten Tag war ich noch nicht wieder ganz auf der Höhe.

Und es ging wieder los: Bithya, du hast ihr wohl noch nicht wirklich vergeben, denn sonst hätte das nicht geschehen können. Ich hab überlegt: Hab ich das wirklich nicht?

Doch. Ich glaube, ich kann wirklich sagen, das habe ich. Jedenfalls, wenn man den Begriff „Vergeben“ richtig versteht.
Er bedeutet eben nicht, dass alles wieder gut ist. Auch nicht, dass ich nie mehr daran denken muss und nicht mehr verletzt bin. Und schon gar nicht bedeutet er, dass ich in der Lage bin, mich mit ihr zu versöhnen und BFFs zu werden.

Es bedeutet, dass ich sie entlassen habe. Dass ich nicht mehr unablässig daran denken muss. Dass ich ihr nicht mehr erlaube, mein Leben zu kontrollieren. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass in Vergeben das „geben“ steckt. Abgeben, weggeben, vergeben. Es steckt ein „Ich bin nicht mehr dein Opfer“ darin. Ein „Ich lebe mein Leben wieder selber, ohne immer daran zu denken, was du mir angetan hast.“

Vergeben mit Versöhnen gleichzusetzen ist fatal. Ich glaube, in meinem Fall würde es 10 Minuten dauern, bis einer heult. Und keine Ahnung, wer von uns beiden das wäre. Naja, vielleicht auch nicht, ich hab mich ja auch weiter entwickelt und bin nicht mehr die unsichere 21-jährige, die kein anderes Leben als Christ kennt. Trotzdem. Und auch in anderen Fällen ist Versöhnung ja nicht immer möglich. Denn es gibt auch Fälle, in denen die andere Person es nicht will. Wo man sagen kann „Ich vergebe dir“ und die Person will das gar nicht. Warum auch immer 😀 😀 😀 Oder die Person ist tot oder man hat keinen Kontakt mehr oder sonst was ist.

Und vergeben ist auch nicht dasselbe wie verstehen. Ich kann jemandem vergeben, aber ich muss ihn da noch lange nicht verstehen können. Manchmal macht man eben was, das völlig unverständlich ist. Wie will ich jemanden verstehen, der anscheinend völlig grundlos jemanden krankenhausreif geschlagen hat? Oder wie will man verstehen, wie angeblich professionelle Sozialarbeiter Kinder „verkaufen“ oder Mitarbeiter völlig übertrieben runter machen, bis sie mit einem Nervenzusammenbruch in psychiatrischen Einrichtungen landen? (Ich möchte damit aber nicht sagen, dass man bei allen diesen Fällen auch nur vergeben muss. Ein vergeben-müssen ist genauso scheiße.) Ich glaube, in meinem Fall von oben kann ich die Person teilweise verstehen. Sie war da auch in diesem Denken gefangen, in diesem System, das sagt, dass Gott wolle, dass… . Und aus diesem Denken, gepaart mit einer extremen gefühlten, wenn auch ziemlich verschrobenen Verantwortlichkeit hat sie gehandelt. Und dann war sie selbst überfordert und hat einfach irgendwie versucht, in der Situation die Oberhand zu behalten. Ich glaube, sie hat wirklich gedacht, Gott wolle von ihr, dass sie mich so behandelt. Also eigentlich ziemlich arm.

Und vergeben ist auch nicht vergessen. Und schon gar nicht als ein „Du musst!“ So funktioniert unser Gehirn auch gar nicht. Wir können ja nicht auf Knopfdruck etwas vergessen, im Gegenteil. Oft genug ist es ja so, dass, wenn wir versuchen, etwas zu vergessen, es umso präsenter im Kopf ist. Zu versuchen, etwas krampfhaft zu vergessen führt nur dazu, dass wir Teile von uns abspalten, dissoziieren, mindestens aber Anteile von unserer Geschichte und unserem Wesen verdrängen und so selber wegen fehlendem Kontakt zu uns über kurz oder lang in Gefahr geraten, andere zu verletzen. Die uns dann auch wieder sofort vergeben müssen und es vergessen müssen und ihrerseits Teile von sich abspalten, keinen Kontakt mehr zu sich haben und andere verletzen, die denen auch wieder vergeben müssen… merkste selbst, oder?

Grundsätzlich ein dickes PRO für Vergeben. Aber dann bitte richtig verstanden. Denn das Vergeben kann vor allem mir selbst helfen, wieder ein Leben zu führen, das nicht vom Opferstatus dominiert ist. Aber bitte nicht als ein „Jetzt darf es nicht mehr weh tun!“ oder „Jetzt war es ja nicht mehr schlimm!“ oder „Jetzt muss ich mit der Person gut Freund sein!“. Oder wie siehst du das?

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2 Gedanken zu “Wortsalat

  1. mARi schreibt:

    Ja!
    Ich sehe das genauso.
    🙂
    Wenn die Flashbacks immer noch kommen, sagt das erst mal nur etwas darüber aus, wie heftig die seelische Verletzung war und wie wichtig es ist, immer noch Abstand zu halten.
    Jedenfalls sehe ich das so.

    Gefällt 1 Person

    • bithya85 schreibt:

      Ja 🙂 Dann ist die seelische Wunde eben immer noch wund, und wenn eine Stelle wund ist, bleibt man eben noch davon. Bis sie wieder so weit verheilt ist, dass sie nicht mehr so stark weh tut.
      Übrigens: Schön, dass du noch mit liest, hab schon lange nichts mehr von dir gehört. Hoffe, es geht dir gut? 🙂

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