Über selektive Wahrnehmung und gute Vorsätze

Schon mal erlebt? Du glaubst, du kannst eine bestimmte Sache einfach nicht besonders gut, die aber alle anderen problemlos zu können scheinen und dann erlebst du, dass diese Sache tatsächlich nicht so zu klappen scheint, wie du es dir wünschst und dadurch wirst du noch darin bestärkt, dass du es eben nicht kannst?

So bei mir nicht selten.

Ich hatte als Kind schon wenig Möglichkeiten, gesunde soziale Fähigkeiten so zu üben Falsch!6.pngwie andere Kinder und später, als Jugendliche, bin ich in christlich fundamentalistische Kreise gekommen, wo auch andere Kommunikationsmuster und Verhaltensweisen gewünscht waren als wo anders. So hab ich eben diese anderen Verhaltensweisen gelernt und übernommen und bin heute noch nicht sehr lange daran, mein Verhaltens-Repertoire zu erweitern. Streiten, Diskutieren und meine Meinung auf eine gesunde Weise vertreten ist zum Beispiel nicht einfach für mich. Oder auch nur Beziehungen auf einer Augenhöhe haben, ohne Hierarchien und ohne dass sie nur dafür da sind, dass einer vom anderen lernen kann.

Tja. Und heute gehe ich in eine Gemeinde, die nur wenig von diesen engen, unsicheren Verhaltensweisen fördert, die ich in diesen Settings oft sah. Heißt für mich eine ziemliche Umstellung, denn ich merke, das, womit ich bisher oft Erfolg hatte, funktioniert nicht mehr. Es reicht nicht mehr, dass ich mit Bibelversen um mich schmeiße, damit die Leute beeindruckt von mir sind oder wenn ich einen prophetischen Eindruck weiter geben würde, wären sicher einige eher irritiert und ich müsste damit klar kommen, dass man mir statt eines „Halleluja, amen, Schwester“ ein „Ich halte wenig davon, dass man mir sagt, was Gott angeblich sagen will.“ antwortet. Und diese Person hätte wahrscheinlich recht und ich würde mir sehr lange deswegen Vorwürfe machen, denn ich kann mir selbst nur schwer vergeben. Und Smalltalk konnte ich noch nie. Und ja, ich habe einige Irritationen und Verletzungen aus den krasseren Vierteln Evangelikaliens und durch meinen geistlichen Umzug in die äußeren Viertel, zum Beispiel die Sache mit dem Abendmahl. Es ist schon besser, aber so ganz traue ich dem Frieden noch nicht. Und ich habe gemerkt, dass ich manchmal mit diesen Irritationen und Verletzungen auch etwas kokettiere. Dass ich auch dann davon rede, wie schlimm dieses oder jenes war, auch wenn ich diesen Redebedarf an dem Tag gar nicht habe, nur um „anzugeben“.

Ich merke echt, wie schwierig es ist, zu beschreiben, was ich meine, ich hoffe, es wird noch klarer.

Eben eine „herausfordernde“ Situation. Und da ich von meinen Schwächen in dem Bereich weiß, achte ich auch besonders darauf. Selektive Wahrnehmung nennt man das wohl. Ich sehe, wie ich im Weg stehe, wenn Leute den Weihnachtsbaum abschmücken wollen, ich sehe, wie ich so sehr auf meine Haltung und meine Mimik achte, wenn ich bei anderen stehe, dass ich der Unterhaltung nicht mehr folgen kann, ich merke, dass ich schon wieder nicht gesehen habe, wie andere noch beim Spülen Hilfe brauchten, weil ich so darauf aus war, jemanden zu finden, mit dem ich mich unterhalten konnte, ich merke, dass ich so sehr frustriert davon bin, immer wieder „Fehler“ zu machen, dass ich schon davon ausgehe, andere hätte schon die Nase voll von mir und würden schon die Augen verdrehen, wenn ich irgendwo etwas mitmachen will oder um Hilfe bitte.

Ob es wirklich so ist? Keine Ahnung. Ich tendiere eher zu einem „wahrscheinlich nicht“. Mir ist schon klar, dass ein Großteil davon wohl nur in meinem Kopf stattfindet.

Es ist nur so, dass mich dieser Status Quo auch belastet, denn ich bin ein Mensch, der andere Menschen um sich braucht, auch wenn ich manchmal so tue, als wäre ich lieber eine Insel. Und gleichzeitig ist es wirklich sehr herausfordernd für mich. Klingt, als wäre es schon zu schwer für mich? Nun, wo sind die Alternativen? Sollte ich mich tatsächlich verkriechen und ein Einsiedlerdasein führen? Das würde mich nur direkt in Depressionen führen, denn wie gesagt, ich brauche Freunde. Sollte ich zurück in die alten Gefilde und wieder schön brav alles glauben, was gesagt wird? Das geht nun mal nicht, denn wer einmal angefangen hat, so zu hinterfragen, kann nicht mehr zurück in die Enge.

Vielleicht brauche ich einfach einen solchen Moment, wo ich sage, ab jetzt wird es anders. Ist ja bei Christen durchaus beliebt. Ich sage nur „Bekehrung“ und „Übergabe“. Naja, bei mir ist es ein Vorsatz für das neue Jahr. Mache ich sonst nicht, aber dieses mal ist es eine Ausnahme. Ich habe mir vorgenommen, offener und freundlicher zu sein. Und nicht mehr automatisch das Schlimmste von anderen zu erwarten. Oder von mir. Denn wenn ich nur das Schlimmste erwarte, geht die defäkaltorische Pissrinne wieder los. Ein Teufelskreis, der vereinfacht ungefähr so aussieht:

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Jetzt hab ich ein paar Möglichkeiten:

  • Ich kann reflektieren, was ich von mir selbst glaube und ob das realistisch ist. Bin ich wirklich in der Gemeinde sozial so schwach wie ich denke, wenn ich gleichzeitig ganz gut im sozialen Bereich arbeiten kann?
  • Ich kann reflektieren, was ich von mir selbst erwarte. Ist dieser Perfektionismus angebracht und nötig? Erwarten andere von mir, dass ich perfekt bin? Erwarte ich es denn etwa von anderen? Wohl eher nicht. Und sehen andere tatsächlich meine Fehler so stark, wie ich sie selbst sehe?
  • Ich kann einfach mal Risiken eingehen. Auf Leute aktiv zugehen, auf die Gefahr hin, dass ich einen Korb kriege. Denn wenn ich es nicht tue ist es sowieso schon im Ergebnis dasselbe wie ein Korb. Aber wenn ich es tue, gibt es wenigstens die Chance, dass es kein Korb gibt. Um Hilfe bitten auf die Gefahr hin, dass man mich für blöd hält oder mir nicht helfen kann, denn wenn ich es nicht wenigstens versuche, ist es im Ergebnis eh dasselbe als wenn man mir nicht helfen könnte.
  • Ich kann, wenn ich grade kein Redebedürfnis darüber habe, gewisse Dinge in der Vergangenheit auch einfach mal ruhen lassen und nicht bei jeder Gelegenheit Geschichten von Dämonen und von heiligen Kühen auspacken, so nach dem Motto „Vergiss alles, was du gehört hast, ich hab noch ne krassere Storie.“ Ich mag schließlich so Leute auch nicht, die so etwas immer wieder tun.

Und ich sehe ja auch schon erste Erfolge. Leute sagen unglaublich lieb „Danke“ für etwas, wo ich noch nie ein Danke für gehört habe. Und im nächsten Satz, dass wir uns doch schon so oft gesehen haben, aber noch nie wirklich geredet haben. Und schon sind wir dabei, gegenseitig von uns zu erzählen, wer wir sind, woher wir kommen, was wir machen. Kurz danach merke ich, wie ich möglicherweise (SIC) in ein Fettnäpfchen getreten bin, aber stoppe das Gedankenkarusell, mit dem ich mich sonst immer endlos geschimpft und mir vorgeworfen habe, dass so keiner was mit mir zu tun haben will. Merke sogar, dass ich mich, wenn nötig, mit Händen und Füßen oder auch auf englisch verständigen kann, wenn es sein muss und dass niemand mich deswegen verachtet, wenn ich eine Vokabel nicht kenne. Im Gegenteil.

Oh man. Es ist richtig, richtig anstrengend, aber ich weiß, dass ich es lernen muss, denn ich kann nicht davon ausgehen, dass das devote oder arrogante Verhalten, das ich gelernt habe immer und überall gut ankommt. Und ich will es ja auch lernen.

Jetzt bin ich groggy. Ich muss ehrlich sagen, dieser Artikel war einer von denen, die zu schreiben mich richtig geschlaucht haben. Hoffe, die Mühe war es wert.

 

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2 Gedanken zu “Über selektive Wahrnehmung und gute Vorsätze

  1. Kira schreibt:

    Ich verstehe das 💙 Weil ich es kenne. Du hast ja schon ein gutes Konstrukt geschaffen, mit den Möglichkeiten, die Du aufgelistet hast. Das einzige, was ich noch anfügen würde: schreib Dir die Erfolge, die Du erlebst, auf. Hat mir mal jemand geraten – einfach regelmäßig, vielleicht jede Woche, aufzulisten, was man tatsächlich gebacken bekommen hat. Oder anders gemacht. Wenn man intensiv reflektiert, kommt da oft wesentlich mehr zusammen, als man anfangs geglaubt hätte.
    Ich persönlich erlebe Dich hier als einen sehr offenen, warmherzigen, einfühlsamen Menschen. Neugierig auf andere, an ihnen interessiert, zugewandt. Und als jemanden, der sich reflektiert, hinterfragt und weiterentwickeln möchte, nicht stehen bleiben will. Ich weiß, dass man im real life immer noch anders agiert, unter anderen Voraussetzungen. Aber die Grundlagen stimmen. Du hattest mal etwas sehr schönes über das spielen geschrieben. Mir hat das geholfen, diese Problematik des nicht-könnens ein bisschen erleichtert. Gerade in Bezug auf die Fehler, die ich (in sozialer Interaktion) auch ständig mache.
    Alles Liebe 💙
    lg

    Gefällt 1 Person

    • bithya85 schreibt:

      Danke ❤ Manchmal ist es echt schwer, grade im Sozialen, man will mehr als man kann und macht sich für Fehler runter. Aber seit ich es mir "vorgenommen" habe ist es wirklich besser geworden, hab ich den Eindruck. Kann natürlich noch nichts wirklich sagen, weil es noch ziemlich frisch ist. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, alleine das Schreiben und Festhalten hilft.
      Danke für den Tipp, also das mit dem Erfolge aufschreiben. Werde ich mal versuchen.

      Gefällt 1 Person

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