„Und man hörte sie marschieren…

… und man hörte die Trompetenbundeslade
und die Menschen hatten Angst in ihrer Stadt…“

Ich schätze, es waren 15-20 Kids, die in altertümlicher Verkleidung und mit einer nachgestellten Bundeslade als Requisit durch den vollen Gemeindesaal zogen und ein Lied über Krieg, Völkermord und wie toll das alles ist sangen. Und ich? Ich saß dabei, als Mitarbeiterin und war stolz auf die Kids, dass sie dieses Musical aufführten und auf uns, dass wir es geschafft haben, es ihnen beizubringen. Es war eine der ersten Gelegenheiten, wo ich Mitarbeiterin war.

Man, wie lange ist das jetzt her? 15 Jahre? Mindestens… .

Es war kein sehr langes Musical, es ging um Josua und die Landeinnahme, besonders von Jericho. Ich erinnere mich nicht mehr an vieles, hauptsächlich Bruchstücke aber dieses eine Lied kenne ich noch ganz genau. Andere Textzeilen waren:

„…Und sie drangen in die Stadt ein, jeder, wo er stand, nahmen ihren Auftrag sehr genau.
Und sie machten alles nieder, alles in der Stadt. Ganz egal, ob Mann, ob Kind, ob Frau…“

Wenn ich heute daran denke, war es schon mehr als gruselig. Ich bin eben den Text des Liedes noch mal durchgegangen und als ich an den Refrain dachte, den ich oben zitiert habe dachte ich, wenn ich mir das bildlich vorstelle, das ist so ne gruselige Vorstellung, so bizarr, wenn plötzlich, mehr oder weniger aus dem Nichts, ein ganzes Volk auftaucht und einfach nur schweigend um die Stadt rum läuft, vielleicht zwischendurch bläst einer ein Horn… . Ich würd mir in die Hose machen, obwohl diese Aktion an sich noch nicht gewalttätig ist. Zu dieser Zeit war ich aber ehrlich gesagt noch viel zu unreflektiert um was zu merken. Nur eine andere Mitarbeiterin hat mal ganz vorsichtig angemerkt, wie makaber das ist. Und es dann direkt wieder weg gelacht. Ich nehme an, aus lauter Unsicherheit. Und wir anderen haben erwidert, dass es nun einmal so war. Und dass Gott es nun einmal so angeordnet habe.

Heute frage ich mich, ob es in Ordnung war, das mit Kindern zu machen. Ich weiß es ehrlich nicht genau. Ich wüsste nicht, dass eines der Kinder davon Alpträume oder so bekommen hatte. Denn wenn so eine Geschichte irgendwann vorgekommen ist, wurde sie meistens so ausgelegt, dass es nicht blutrünstig ist. Eher, dass wir alles für Gott geben sollten oder dass Gott nichts unmöglich ist. So weit ist es ja gut.

Nur dann denke ich auch daran, wie es mir als Siebenjährige ging. Als meine damalige Religions-Lehrerin uns wirklich blutrünstige Geschichten von Sodom und Gomorra oder vom Auszug aus Ägypten erzählt hat, wo so viele Menschen im Roten Meer ertrunken waren. Und dann sollten wir Bilder dazu malen. Ich habe davon Alpträume bekommen und danach Gott für lange Zeit den Laufpass gegeben, denn ich dachte, mit so einem Gott wollte ich nichts zu tun haben.

Ich hoffe, dass ich nicht dasselbe mit diesen Kids gemacht habe.

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2 Gedanken zu “„Und man hörte sie marschieren…

  1. Annuschka schreibt:

    Hey Bithya, hat ein paar Tage gedauert, bis ich antworten konnte, aber nun.
    Weißt du, was meine allererste Assoziation war? Ich dachte, du schreibst über die türkischen Kids, die hier in OWL (ob woanders, weiß ich nicht) zu irgendeinem türkischen Feiertag mit Fantasie-Uniformen und Holzgewehren eine historische Szene von Eroberung nachspielten. Ich glaube es ging um Atatürk. (Ich hatte zunächst das Wort „Bundeslade“ übersehen)
    Und es gab in der Öffentlichkeit, Presse, Regionalfernsehen etc einen riesigen empörten Aufschrei. Wobei, es ist natürlich richtig, solche Szenen sollten Kinder, egal ob christlich, muslimisch oder jüdisch, nicht unter Applaus darstellen.
    Aber die Empörung ging ja auch in Richtung „In christlichen Gemeinden wäre so etwas undenkbar“. Offensichtlich nicht.
    Allerdings: als wir vor einigen Jahren genau das Thema „Eroberung Jerichos“ im Kindergottesdienst behandelten, haben wir die Kiddies auch um einen Bauklotzmauer marschieren lassen, als Bewegungselement. Den Sachverhalt habe ich aber versucht, den Kindern ziemlich differenziert darzustellen, und weil ich damit auch sehr große Probleme hatte, warum denn Gott an dieser Stelle offensichtlich die Gewalt guthieß, habe ich mir das vorher alles vom Pfarrer auseinanderpflücken lassen.
    Und den Kindern dann auch ganz ehrlich gesagt, dass es für mich auch eine der schwierigen Stellen in der Bibel ist, denn die sollen ruhig wissen, dass auch nicht jeder Erwachsene die Bibel von A-Z kapiert. Und dass auch wir manchmal einfach nur ratlos sind.
    LG Annuschka

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    • bithya85 schreibt:

      Joa, dann finde ich das auch völlig ok 🙂 Wenn man so ehrlich ist, und den Kindern sagt, dass man auch Bereiche der Bibel nicht gut finden darf oder vielleicht sogar kritisieren darf. Das wurde ja da nicht gemacht, sondern es war unfehlbares Wort Gottes, das zu hinterfragen oder gar zu kritisieren uns Menschen nicht zustand. Ergo: Wenn Gott sagt, Gewalt ist gut, dann müssen wir es auch gut finden. Und das kritisiere ich im Nachhinein. Auch an mir, denn ich hab das auch gut und gerne mitgemacht.

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