… Und dann kam Worthaus

nBiografien sind manchmal unglaublich. Nein, ich meine nicht die Biografien von Lady Di und Ghandi in Buchform, die man kaufen kann. Die haben auch was, klar. Ich meine einfach die Biografien von Leuten, die man so trifft, da wo man ist. Und auch, wenn man selber teilweise ähnliches erlebt hat oder sich Biografien teilweise ähneln, ist es doch immer wieder etwas Eigenes, Unverwechselbares und in seiner Einzigartigkeit Besonderes.

Ich war über Pfingsten in Weimar, bei Worthaus. Einfach, weil ich es mal selbst erleben wollte, statt einfach die Vorträge in einem Jahr in der Mediathek oder Youtube zu hören. Klar, bei den Vorträgen waren auch einige dabei, die einfach spitze waren. Will nicht spoilern, du wirst sie wahrscheinlich Ende des Jahres schon zu einem großen Teil selber hören können. Aber was mich besonders berührt hat war die Atmosphäre da. Zwischen Studenten, vielleicht auch einige Abiturienten und Rentnern waren alle Altersgruppen vertreten, hier und da huschten auch einige Kids rum, ich nehme an, die wurden während der Vorträge betreut, aber trotz den vielen Leuten aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, es waren ungefähr 300 Typies, musste keiner alleine sein, auch nicht, wenn man keinen kennt. Ich bin leider nicht sehr gut darin, Freunde zu finden, aber es war tatsächlich fast unmöglich, niemanden kennen zu lernen. Du brauchtest nur alleine irgendwo zu sitzen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis du angesprochen wirst, ob du Lust hast, in der Pause mitzukommen um etwas zu essen oder die Stadt zu erkunden oder einfach in ein Gespräch verwickelt wirst. Außer, wenn es offensichtlich ist, dass du deine Ruhe haben willst. (Was ich echt verstehen könnte, denn es war so viel Stoff in den Veranstaltungen, dass mein Kopf zwischendurch so matsche war, dass man ihn problemlos durch den Fleischwolf ziehen und danach frittieren konnte.)

Und im Ernst, so viele Leute aus streng konservativen und/oder fundamentalistischen und/oder krass evangelikalen Kreisen, die sich frei strampeln und immer wieder eine ähnliche Biografie erzählen von sich. Von Verletzungen und Ängsten, von Druck, den man bekommt oder sich selbst macht, von Zweifeln, die nicht sein und Fragen, die nicht gestellt werden dürfen, aber die vielleicht gerade deswegen irgendwann hervor brechen wie ein Luftballon, der durch zu viel Luft irgendwann platzt. Von Unlogischkeiten und Sinnfreiheiten bis hin zu geistlichem Missbrauch. Die Skala ist lang und die Geschichten individuell, aber in einer Sache sind sie alle ähnlich: Man war in einer bibeltreuen Gemeinde, dann wurde es so eng, dass man es nicht mehr aushalten konnte, man wusste nicht, was man tun sollte und war wie verloren. Wollte den Glauben und die Freundschaft zu Gott nicht verlieren, aber was sollte man machen, wenn es scheinbar nicht mehr passte? Wenn die Schwierigkeiten nicht einfach durch eine andere Gemeinde behoben werden konnten, weil man vom Regen in die Traufe käme?

„Und dann kam Worthaus!“ Das ist ein Zitat aus einer solchen Biografie, die wir uns bei einem Mittagessen erzählt haben. „Seine Vorträge wirken teilweise exorzistisch!“, auch ein Zitat, dieses mal von einem Referenten über die Vorträge eines Kollegen. Sie exorzieren die Angst vor Gott, die Angst vor sich selbst, die Egozentrik und Engstirnigkeit. Einfach das, was man dann braucht, wenn man darauf programmiert ist, das fundamentalistische Bibelverständnis als das einzig richtige zu verstehen und wenn man mit dieser Programmierung Angst oder Zweifel bekommt. Und trotzdem an Gott dran bleiben will. Krass, wie ähnlich wir uns da teilweise waren.

Man könnte jetzt natürlich einwerfen, dass wir Worthaus zu einem falschen Gott machen, weil wir uns davon Rettung versprechen. Ist aber eigentlich nicht so. Denn das, was die Leute da sagen, haben sie sich ja nicht einfach ausgedacht. Ich sehe es einfach als alternative Möglichkeiten zum Fundamentalismus, den christlichen Glauben zu verstehen. Welche Möglichkeit jetzt näher an dem ist, was Jesus gedacht hat, das kann sich ja jeder selbst fragen. Es ist ja nur so, dass ich es so erlebe, dass ich erst anfange zu verstehen, was Freiheit eigentlich heißt und das habe ich während meiner Zeit in der konservativen oder charismatischen Szene nicht mal ansatzweise verstanden. Der Nachteil ist aber, dass diese Freiheit auch sehr herausfordernd ist. Ich kann nicht mehr einfach sagen, dieses ist so und das ist so weil ist so. Habe diese schnellen Antworten zu einem großen Teil verloren. Und ganz ehrlich, das macht mir auch ein wenig Angst. Es ist ein so unglaublich weiter Raum. Die Zäune fast nicht zu sehen. Damit muss ich lernen, umzugehen. Denn ich falle immer noch manchmal in diese Denke zurück, ich müsste auf alles sofort eine Antwort haben und zwar eine eindeutige und ohne Zweifel. Da tut es gut zu merken, dass man nicht alleine ist. Dass es hunderte Leute gibt, denen es genauso geht.

Millionen Lichter.

Übrigens: Der Siggi Zimmer kann ganz unglaublich toll Geschichten erzählen 😀

3 Gedanken zu “… Und dann kam Worthaus

  1. Kira schreibt:

    Ich schätze Worthaus sehr. Eben weil es Alternativen in der Interpretation grundlegender Fragen anbietet. Mit denen muss man ja nicht völlig konform gehen. Aber zu wissen, dass sie überhaupt möglich sind, entlastet ungemein.
    Die Wahrheit wird uns frei machen, hat Jesus gesagt… aber ich glaube fast, nichts macht Menschen mehr Angst, als frei zu sein. Frei von Dogmen, die die Erlösung in drei Schritten kurz und bündig zusammenfassen und jede Frage, jedes theologische Problem mit einer passenden Bibelstelle beantworten und erklären können. Ein Weltbild, in dem alles seinen Platz und seine Ordnung hat – Gott im Himmel, gut und gerecht, Mensch auf der Erde, schlecht und verloren, Sünde gleich bäh! (inklusive Auflistung, was alles dazu gehört), und Jesus dazwischen, gestorben, auferstanden, glaubst du das? Ja – Nein – Vielleicht – kreuze an – und ich sag dir, wohin die Reise geht… es ist einfach und schafft Sicherheit. Und wenn man so denken/glauben kann, wird man die Freiheit auch nicht vermissen. Die, die Worthaus als hilfreich erleben, können das ja eben nicht (mehr). Zu viele Ungereimtheiten, zuviel Angst, Enge, Lieblosigkeit. Frei höchstens im Sinne von – der Verantwortung, selbstständig denken zu müssen.
    Und wenn die „Wahrheit“ solche Früchte trägt, ist die Frage, inwiefern sie noch als Wahrheit bezeichnet werden kann. Wo sie doch die Freiheit kostet, anstatt zu ihr zu führen.
    Aber Sicherheit in Glaubensfragen ist etwas schönes, ich lerne mehr und mehr sie zu schätzen, seit sie mir fehlt. Ich frage wie einst Pilatus immer wieder neu, was ist Wahrheit? Und dieses aushalten müssen, dass es nicht auf alles eine einfache Antwort gibt…manchmal auch gar keine…das ist schon richtig ätzend manchmal. Herausfordernd, wie Du so schön sagst 🙂 Ein weiter Raum, ja… Vielleicht ist das der Punkt, wo man am besten Vertrauen lernen kann. Zu wissen, dass man oft im Dunkeln tappt und nicht daran zu ver – zweifeln. Weil es uns letztlich allen so geht, auch denen, die meinen, alles verstanden zu haben. Sie merken es halt nicht 😂 Und daran festzuhalten, dass Gott größer ist. Manchmal denke ich – wenn mein Glaube mich nicht trägt, weil ich mich nicht auf ihn verlassen kann, hoffe ich darauf, dass Gott es tut – auch, wenn ich es nicht bis ins letzte verstehe.

    Mein Senf dazu 🙂
    lg

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    • bithya85 schreibt:

      Ich unterschreib das komplett. 🙂
      Ich glaube, was ich vor Allem von den Vorträgen gelernt habe, bis jetzt, ist ein entspannter und barmherziger und verantwortungsvoller Glaube im Nicht-Wissen, sag ich mal. Ich vertraue Gott in dem Wissen, dass ich eigentlich herzlich wenig über ihn weiß, aber genau deswegen kann ich ihm vertrauen, dass er mich auch hält, wenn ich es nicht kann oder Fehler mache. Das ermöglicht mir, Risiken einzugehen, Fehler zu machen und Neues zu versuchen. Gleichzeitig bin ich barmherziger mit anderen, weil ich nicht mehr in der Pflicht bin, über sie zu urteilen, so kann ich sie einfach lernen, anzunehmen. Weißt du, was ich meine?
      Ja klar, klare Grenzen und Weltbilder können schon irgendwie verlockend sein. Ich merke das in letzter Zeit ab und zu, dass es Momente gibt, in denen ich mir diese Enge, fast schon Geborgenheit wünsche. Ist relativ neu für mich, denn ich bin sehr freiheitsliebend. Aber ich erlebe das auch oft, dass ich es nicht haben kann, auf irgend eine Art eingesperrt zu sein, auch wenn es nur in Gedanken ist.
      Ich dachte grade dabei an Thorsten Dietz’s neues Buch, kennst du das?

      Gefällt 1 Person

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