Buchvorstellung 7: Fundis und geistlicher Missbrauch

Ja, ich weiß, dass es schon hier eine ganze Reihe über geistlichen Missbrauch gibt. Aber unser Buch hier beschäftigt sich auch damit und zwar unter einem anderen Gesichtspunkt. Also kommt es noch mit hinein. Was geistlicher Missbrauch aber genau ist, werde ich hier nicht noch mal näher beschreiben.

Michaela Baumann, die auch im letzten Teil mitgewirkt hat, beschreibt geistlichen Missbrauch aus religionssoziologischer Sicht: Als eine logische Konsequenz, wenn man ein fundamentalistisches System um jeden Preis aufrecht erhalten will. Dabei unterscheidet sie zwischen evangelikal und fundamentalistisch: Ersterer ist ein Oberbegriff, bei dem das Hauptaugenmerk auf Bekehrung und Mission liegt. Aber nicht alle evangelikalen Gemeinden sind fundamentalistisch.

Was ist denn dann fundamentalistisch?

  • fundamentalistische Systeme pflegen einen deduktiven Umgang mit dem Pluralismus: „Egal, was da draußen vor sich geht: Glaub einfach, was wir dir sagen!“ Kritik wird also potentiell beargwöhnt.
  • Sie gehen von einer perfekten, irrtumsfreien Bibel aus, die auch in historischen, biologischen und geografischen Fragen und bei Fragen zur Zukunft keine Fehler hat. Als Folge werden oft Evolution, Urknall und Ähnliches abgelehnt. Auch weltliche Hilfe in Form von Therapie oder Ärzten kann im Extremfall als unbiblisch angesehen werden.
  • Die Gemeinde ist etwas ganz Tolles, die Mitglieder eine Elite, die im Kampf gegen das Böse stehen. Ein Elitebewusstsein entsteht und damit eine indirekte Abwertung der Außenstehenden und das Abspringen wird so erschwert.
  • „Früher war alles besser!“, es sollte wieder der ursprüngliche Zustand hergestellt werden. Inklusive des autoritären patriarchalen Systems: Der Leiter wird so schnell unantastbar.
  • Oft herrscht eine rigide Gesetzlichkeit, die aber nicht immer offensichtlich ist. Geschlechterrollen und -beziehungen spielen dabei meist eine große Rolle.
  • Ungerechtigkeit ist nicht weiter schlimm, muss man eben hinnehmen. Schließlich lebt man in der Endzeit. Außerdem muss man ja vergeben können.

Diese Punkte können sehr schnell zu Missbrauch führen, da sie in der Praxis angewendet zwar gut gemeint sein mögen, aber trotzdem einengen und manipulieren. Frau Baumann geht sogar so weit zu behaupten, geistlicher Missbrauch gehört bei fundamentalistischen Systemen strukturell dazu.

Der Begriff „geistlicher Missbrauch“ ist übrigens in der christlichen Szene entstanden, um Betroffene und Seelsorger im Umgang mit diesem Phänomen zu unterstützen. Aber obwohl es in vielen Kontexten vorkommen kann, wird es oft auf evangelikale Gemeinden reduziert. Vielleicht weil Betroffene oft aus diesen Gemeinden kommen und dort glauben gelernt haben, also sich wieder ähnliche Gemeinden suchen, ohne das Ganze theologisch zu reflektieren. (Stichwort: historisch-kritisch!) So kommt man oft vom Regen in die Traufe, denn man hat gelernt, andere Gemeinden und Glaubensrichtungen als gefährlich anzusehen. Daher auch der Vorschlag, Betroffene neben psychologischer und geistlicher Hilfe auch präventiv theologische Hilfe zukommen zu lassen.

Fundamentalismus FTW?!

Was ist an Fundamentalismus so toll, dass er so viele Leute anzieht?

Er macht das Denken scheinbar einfacher und gibt eine Heimat. Es wird eine eindeutige Wahrheit verkündet, die eindeutig in der Bibel nachzulesen ist oder, je nach Richtung, durch unmittelbare Erfahrungen mit dem Heiligen Geist. So muss man sich weniger Gedanken um komplexe ethische Fragen, aber auch um Fragen des täglichen Lebens machen.

Kein Witz: Ich habe mal mit einer Frau zusammen gelebt, die bei jeder Entscheidung losen musste, denn so, meinte sie, würde Gott auch heute noch sprechen. Das fing dabei an, als wir uns nicht einigen konnten, wer welches Zimmer bewohnt und endete damit, in welche Stadt sie zum Einkaufen fahren musste. Vielleicht ein extremes Beispiel, aber wenn man über Jahre keine eigenen Entscheidungen mehr treffen konnte oder sollte, bzw. ermutigt wurde, sie nicht selbst zu treffen, kann so etwas heraus kommen. 

Fundamentalismus sagt oft „Früher war alles besser.“ Er glorifiziert die Vergangenheit und traditionelle Werte und hilft so scheinbar, die Enttäuschungen und Frustrationen der Gegenwart zu verarbeiten. Außerdem knüpfen die einfachen Plausibilitäten unbewusst an die Geborgenheit der frühen Kindheit an, wo alles noch einfach und die Welt noch in Ordnung war. Und wenn die Welt mal nicht in Ordnung ist, kommt Papa und bringt sie wieder in Ordnung. Und es werden grundlegende Fragen der Identität auf verblüffende und ungemein wertschätzende Weise beantwortet, sowie komplexe soziale Prozesse in ein einfaches Schema gepresst, das auf den ersten Blick für die Beteiligten funktioniert. Ein zweiter Blick wird dann oft nicht für nötig befunden.

Fragen und Folgerungen

Wenn Fundamentalismus so anziehend ist, müssen wir uns dann ihm geschlagen geben? Und muss die Suche nach Anerkennung, Heimat und Sicherheit immer mit Abgrenzung und Einengung einher gehen? Nicht unbedingt. Aber der hilfreichere Weg ist nicht unbedingt einfacher.

  • Welche Möglichkeiten gibt es auch innerhalb des Evangelikalismus, Entmündigung vorzubeugen oder sie abzubauen?
  • Wie können grade Jugendliche zum deutlichen Prüfen von vorgefertigten Wahrheiten ermutigt werden?
  • Wie kann man als Christ auf dem dünnen Eis der Postmoderne tanzen, ohne das Bedürfnis nach Sicherheit und Schönheit einerseits und das Bedürfnis nach Eigenverantwortung und Solidarität andererseits aufzugeben?

11 Gedanken zu “Buchvorstellung 7: Fundis und geistlicher Missbrauch

  1. Kira Tamir schreibt:

    Dat sind ja DIE Jackpotfragen 🙂
    Vorbeugung von Entmündigung INNERHALB des Evangelikalismus? Da seh ich wenig Spielraum. Das System trägt sich ja praktisch selbst. Bietet Sicherheit (zumeist) auf Kosten des eigenständigen Denkens. Diejenigen, die früher oder später damit Kopfschmerzen kriegen, sehen sich letztendlich gezwungen, auszusteigen, um wieder Luft zu bekommen. Damit geht es dem Einzelnen wieder gut, aber das System läuft weiter. Zu den Jugendlichen: es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn man von klein auf zum freien Denken/kritischem Hinterfragen erzogen wird. In allen Dingen. Wenn das schon mal verpasst wurde, wäre eventuell die Schule gefragt – DIE Gelegenheit, mal das deutsche Bildungssystem aufzumischen… Ein Fach „eigenständiges Denken – so gehts!“ das wäre doch mal was …zur letzen Frage fällt mir bisserl mehr ein, glaube ich (oder hoffe es), muss das aber nochmal eingehender überlegen.
    lg

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  2. bithya85 schreibt:

    Vielleicht geht es doch in Evangelikalien. Ich meine, es sind ja nicht alle Gemeinden gleich und wie gesagt: evangelikal ist nicht dasselbe wie fundamentalistisch. In den evangelikalen Gemeinden, die offen sind, sehe ich da durchaus Spielraum. Gibt ja auch Evangelikale, die Sigfried Zimmer einladen und mit Tabor zusammen arbeiten. (Ist Tabor nicht auch evangelikal?) In den fundamentalistischen evangelikalen Gemeinden könnte es echt schwierig werden. Aber: Challenge accepted 😀
    Yeah, lass uns das Bildungssystem umkrempeln! Neue Fächer wie Diskutieren, Life-Hacks und was man sonst noch zum Leben braucht anstatt Periodensystem der Elemente und Polynomdivision 😀 Let’s rock die Bude!

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    • Kira Tamir schreibt:

      Ja, stimmt, evangelikal ist nicht gleich fundamentalistisch. Hab da nicht differenziert. Spring auf die Fundiproblematik generell an wie n Sprungteufel aus der Kiste 😉 S. Zimmer, ja. Der bekommt auch aus dem evangelikalen Lager teilweise positives Feedback…Bei Tabor bin ich raus und muss erstmal googeln. Noch nie gehört, ehrlich gesagt.
      Jaaa, das Bildungssystem, da könnte ich Herzblut reinstecken! (Eins meiner Lieblingsthemen. Die Jugendlichen in einem meiner Jobs haben nur noch die Augen verdreht, wenn das zur Sprache kam) Diskutieren – check! Life-Hacks – check! Her mit den Ideen ! Wenn ich mal groß bin und mir langweilig ist, gehe ich in die Politik und zieh den ganzen Laden neu auf! 😀
      (Noch was ganz anderes: ich würde gerne, aber check das einfach ums Verrecken nicht, wie ich Kommentare liken kann. Mir gefallen einige. Unter anderem der jetzt von Dir. Betrachte ihn hiermit als geliked :))

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      • bithya85 schreibt:

        Geh einfach auf das blaue Sternchen unter dem Kommentar, den du liken willst 😉

        Eigentlich müsste die Schule sehr viel praktischer und kreativer sein, finde ich. Ne Freundin meinte neulich, dass man ein eigenes Fach braucht, wo man so grundlegende Dinge lernt wie, wie eröffne ich ein Bankkonto und was hab ich da für Rechte und Pflichten, worauf muss ich achten, wie gehe ich mit Geld um etc. Und ich finde, wir bräuchten in der Schule viel mehr wie Theater-AG, Improvisationen und so, damit die Jugendlichen in Kommunikation trainiert werden, und Diskussions- und Debattierkurse nach amerikanischem Vorbild (auch wenn ich sonst Amerika nicht so dolle finde…) Wie kann man Fundamentalismus und Extremismus, wie auch immer er im Einzelnen aussieht besser vorbeugen als durch so etwas?

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  3. Kira Tamir schreibt:

    Korrekt. Kann mich erinnern, dass das auch immer wieder aufs Tapet gebracht wurde, Fächer zur Thematik Lebenspraxis einzuführen. Auch von Seiten der Politik. Es gab und gibt wohl auch immer wieder Modellprojekte, zum Thema Glück, oder philosophieren/kritisch denken (!) beispielsweise. (Nicht zu verwechseln mit dem Fach Philosophie) Und an einigen Hauptschulen ist es meines Wissens nach auch in den Unterricht integriert, dass die Jugendlichen lernen, wie man ein Bankkonto führt und solche Sachen. Vereinzelt haben da schon einige Leute weitergedacht, neue Ideen entwickelt…ein bundesweiter Konsens wäre schön. Aber solange das Schulsystem Ländersache ist, wird es schwer, den zu erreichen.

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  4. Kira schreibt:

    Zu drittens: Sicherheit/Schönheit versus (?) Postmoderne:
    Sicherheit – findet man in dem, was verbindet. Will heißen: was man gemeinsam glauben kann. Dass Gott für uns ist, darin sind sich beispielsweise alle Christen einig. Es tröstet, zu wissen, dass man gemeinsam glauben kann…dass es in diesem Punkt funktioniert. Zu wissen, Gott meint es gut, mit jedem von uns und wir alle wissen das…ist eine Basis, um sich gegenseitig aufzubauen. Und Gemeinde findet man vielleicht auch außerhalb der gängigen Strukturen. Also nicht Kirche/Gottesdienst/Hauskreis = geschlossene Blase, sondern gemeinsam Zeit mit Menschen verbringen, die man liebt, die Gott lieben, mit denen man auch streiten/diskutieren kann. Und wenn man individuell auf den einzelnen Menschen schaut, findet man solche überall – auch in oben genannten Strukturen. Und das löst die Blase schon wieder etwas auf. Vielleicht den Fokus auf den Menschen richten, dem man begegnet, auch in dem System. Ich kann mich in einer katholischen Messe zu Hause fühlen, weil mir die monotonen Rituale Trost geben, in einem Hauskreis, weil ich es brauche, mich über meinen Glauben auszutauschen, Veranstaltungen, Konzerte, Gottesdienste, egal. Wenn ich zu Hause in Gott sein kann (nicht immer, aber immer wieder) finde ich ihn überall.
    Sicherheit durch Gemeinschaft, die man flexibel und den eigenen Bedürfnissen entsprechend gestalten kann. Unabhängig von Dogmen und theologischen Konzepten – Sicherheit, in dem Wissen, dass ich vielleicht nicht viel weiß…vielleicht vieles nicht verstehe…und dass das für Gott völlig in Ordnung ist. Weil ich lernen darf und soll. Weil mein Verstand Grenzen hat. Sicherheit durch Schönheit…
    Schönheit finde ich ebenso, im gemeinsamen, im persönlichem Erleben…vielleicht eine Predigt. Vielleicht ein Lied, ein Gedicht. Und die Postmoderne…ich lebe IN dieser Welt, bin ein Teil davon und genauso ist es gedacht. Glaube unter einer Käseglocke erstickt irgendwann. Es ist ein Spagat, natürlich, aber auf die Gemeinsamkeiten schauen, zulassen, dass ich mich genauso irren kann wie der andere und darauf hoffen, dass es letztlich Gott ist, der alles in den Händen hält und wir in diesem Leben nicht alle Antworten kriegen können, das hilft vielleicht.
    Fazit: glauben, was man glauben kann, fragen, was man nicht versteht, auf den anderen zu und soweit es passt zusammen mit ihm gehen, in dem Wissen, dass, auch wenn die Wege unterschiedlich sind, sie letztlich doch alle das gleiche Ziel – Gott – haben.
    Sorry, ist ne halbe Predigt geworden…
    lg

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    • bithya85 schreibt:

      Das ist auch so, wie ich mein „Gemeindeleben“ gestaltet habe in meiner letzten Phase als Fundi und in der ersten Zeit danach. Für mich war Gemeinde, mich mit meiner besten Freundin zum Kaffee zu verabreden und ein Kinobesuch hat mich manchmal weiter gebracht als ein Sonntags-Morgens-Gottesdienst, den ich sowieso nur abgesessen hätte, oder versucht hätte, ihn zu überleben, je nachdem und ein Podcast mehr als eine Predigt. Das tut einfach gut, diese innere und äußere Erwartung abzuschütteln: „Du musst aber in die Gemeinde kommen!“ Nein, ich muss gar nichts, höchstens mal aufs Klo. Inzwischen ist mir das auch nicht mehr genug, denn ich habe gemerkt, dass, wenn ich mir nur das hole, was ich brauche – oder glaube zu brauchen, dass ich dann auch ganz schnell in einer Blase bin.

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  5. Kira schreibt:

    Kino versus Gottesdienst :))) Der ist gut.
    Ja, ich versteh das. Es ist nicht leicht, zu verhindern, dass man sich eine eigene Blase schafft, indem man versucht, nicht Teil aller anderen zu sein.
    Ich kann aus meiner Warte da auch gepflegt stundenlang und andächtig darüber sinnieren, bin ja kein Christ… kann eigentlich überhaupt nicht mitreden in dem Sinne… verstehe aber viel von den Problemen, weil sie lange ein wichtiger Teil in meinem Leben waren.
    lg

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