Sex-Talk

Falsch!15Ok, ich wette, mit dieser Überschrift hat jetzt keiner gerechnet.

Obwohl…  😀

Ich meine, es ist doch DAS Thema in Evangelikalien. Jedenfalls in manchen Vierteln Evangelikaliens. Dann werde ich doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, ohne Namen zu nennen. Und wenn ich es doch tue, mit geänderten Namen. Sind ja immer noch liebe Leute, auch wenn einige etwas schrullige Ansichten haben.

Ich weiß zwar von keinen Gemeinden, in denen heute noch die Männer auf der einen Seite sitzen und die Frauen auf der anderen Seite. Es kann ja sein, dass es das noch gibt, aber ich weiß nichts davon. Allerdings, vor 10 Jahren ungefähr hat sich eine ganz kleine Brüdergemeinde, die ich kannte, aufgelöst, bei denen es noch ungeschriebenes Gesetz war. Hat Saria mir erzählt.

Aber das muss nicht heißen, dass das Denken, das dahinter steht, ausgestorben ist. Im Gegenteil. Und es trägt noch ganz andere Früchte als eine Sitzordnung. Es gibt zum Beispiel eine Gemeinde, ich nenne sie die Ameisen, in der es ungeschriebenes Gesetz ist, dass Männer und Frauen keinen näheren Kontakt haben sollten, wenn sie nicht offiziell zusammen sind. Mit näherem Kontakt meine ich, dass sie nicht alleine gelassen werden sollten, auch nicht nur zu zweit an einem Tisch sitzen und sich unterhalten. Es muss immer mindestens eine Person sichtbar dabei sein. Sonst ist das harmloseste, was passieren kann, dass wilde Gerüchte los gehen. Und die können wirklich bizarre Ausmaße annehmen. Kat, eine Freundin von mir, die ein uneheliches Kind bekommen hat, ist zum Beispiel ein sehr sozialer Mensch, der zu jedem erst mal freundlich ist und auch mit Männern aus der Gemeinde ganz normal geredet hat. Nicht mehr, nur geredet. Und darauf kam das Gerücht auf, sie sei nur die Leihmutter des Kindes, das sie für einen der Männer, mit dem sie sich unterhalten hat, ausgetragen hat, der mit einer anderen Frau, mit der er sich unterhalten hat, aber nicht mehr als unterhalten, heimlich zusammen wäre. Es wurde eine wilde Dreiecksgeschichte konstruiert und das nur, weil Männlein und Weiblein sich ganz harmlos unterhalten haben. Aus einem Gespräch über Lebensmittelpreise und das Wetter ist eine wilde Sex-Orgie geworden. Aber ansonsten ist man die Reinheit in Person.

Das mag jetzt lustig klingen, aber ich habe gemerkt, nachdem ich fast 10 Jahre bei den Ameisen war, habe ich heute echt Schwierigkeiten, mit Männern ungezwungen zu reden. Ich gehe vielen eher aus dem Weg und bin sehr still. Und das, obwohl ich die ganze Zeit auch Kontakt zu Gruppen hatte und inzwischen verstärkt habe, bei denen das gar kein Thema ist. (Liebe Grüße an den Hauskreis! und Liebe Grüße an die FeG!) Ich merke immer wieder, dass es nichts Schlimmes ist, mit Männern zu reden und dass es auch nichts mit Anmachen zu tun hat, um Hilfe zu bitten, zu grüßen oder über ein gemeinsames Thema zu reden. Aber es fühlt sich trotzdem verdammt ungewohnt an.

Ein anderes Beispiel, auch in Bezug auf Kat. Sie hat seit über einem Jahr krassen Stress mit einer Behörde, die ihr Sachen unterstellen. Dann gibt es bei den Ameisen einen Mann, den ich von der Arbeit kenne, der sich mit dieser Behörde gut auskennt. Und der wirklich gute Ideen hatte, auf die weder Kat noch ich noch andere Freunde von uns gekommen sind. Und die wirklich Hand und Fuß haben und die Sache retten könnten. Ich habe ihn gebeten, mal mit Kat zu reden und sie ein bisschen zu beraten. Er hat abgelehnt. Warum? Weil er ein Mann und sie eine Frau ist und er findet, dass ein Mann bei einer Frau so etwas nicht tun sollte und weil er nicht möchte, dass Gerüchte gestreut werden und weil seine Frau möglicherweise eifersüchtig werden könnte. Und weil er Angst hat, in Versuchung oder Sünde zu geraten, weil er eben ein Mann ist. Was ist jetzt das End vom Lied? Eine völlig verzweifelte Kat, ein traumatisiertes Kleinkind, und eine immer geringer werdende Chance, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Mir drängt sich bei dieser Szene ein Zitat auf:

Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde. Jakobus 4, 17

Ich kann nicht sagen, dass ich nicht sauer auf ihn gewesen wäre. Und echt enttäuscht. Und ich habe gedacht, was bitte ist das für ein Menschenbild? Kann man an nichts Anderes denken als an Sex? Bei einer Sache, die nicht weniger damit zu tun haben könnte? Ich meinte damit gar nicht mal diese Person an sich, sondern er war ja in einem ganzen System, das so denkt.

  • Sind denn alle Frauen nicht mehr als eine Versuchung für die Männerwelt?
  • Sind wir denn alleine durch unsere Existenz eine Gefahr für die Hälfte der Weltbevölkerung? Sind wir auch noch dafür verantwortlich, dass die Herren der Schöpfung nicht auf dumme Gedanken kommen?
  • Glauben die Männer echt, sie seien nicht mehr als schwanzgesteuerte Zombies, die, sobald sie Frischfleisch sehen, alle Vernunft fahren lassen müssen?
  • Und was vielleicht das größte Problem ist:

DENK NICHT AN DEN ROSAFARBENEN ELEFANTEN!

Und 100 Gummi-Punkte für den, der weiß, warum ich diesen einen letzten Satz mit den Elefanten geschrieben habe.

*hehehe, sie hat Gummi gesagt!!!*

15 Gedanken zu “Sex-Talk

  1. Strandläufer schreibt:

    Das funktioniert nicht mit dem: „Nicht dran denken!“ Sobald man sich vornimmt, nicht an den rosafarbenen Elefanten zu denken, denkt man an nichts anderes.

    Was für ein künstlicher Krampf mit diesem Bekannten der sich weigert Kat direkt zu helfen. Sorry, aber das stößt mir echt auf. Und selbst wenn er sie hübsch finden würde, wo steht denn geschrieben dass man das nicht sehen darf? Wenn ich einen attraktiven Menschen sehe, egal ob w. oder m., dann denke ich: „Danke Gott, dass du schöne Menschen geschaffen hast, an denen sich mein Auge erfreuen darf.“ Deshalb muss ich mein Gegenüber noch lange nicht begehren. Selbst wenn mein Körper auf diesen Anblick reagiert, habe ich noch einen Verstand und einen Willen. Jeder Mensch kennt die Grenzen in seinem Innern und kann auch seinen Blick zügeln, wenn es nötig wird. WO ist das Problem?

    Und die Ehefrau als Ausrede zu nehmen, finde ich auch nicht in Ordnung. Jede normal denkende Frau wäre stolz auf ihren Ehemann wenn er anderen hilft, erst recht einer alleinstehenden Frau, Mutter. Selbst wenn er anschließend zu Hause erwähnte: „Also die Kat, das ist schon eine Hübsche.“ „Ja, das ist sie!“ Punkt.

    Ich möchte von außen und kann auch nicht beurteilen, was dran ist oder nicht, aber eines kann ich beurteilen, nicht ein einziges aufgeführtes „Argument“ kann als Rechtfertigung herhalten, nicht zu helfen.

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  2. Andreas schreibt:

    Ich versteh Dich und kann Dich beruhigen, wir Männer sind nicht alle immer an rosa Elefanten denkend unterwegs.
    Und es gibt meistens sieben Lösungen für ein Problem.
    So könnte Kat z.B. mit ihrem Anliegen zu ihm und seiner Frau zu Besuch kommen, während Du als Baybisitter auf das Kleinkind aufpassen könntest.

    Muß an Esther denken, wo ihr Madochai sagt, dass, wenn sie jetzt nicht hilft, die Hilfe von wo anders kommen wird.

    Gottes Segen Euch.

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    • bithya85 schreibt:

      Da bin ich ja beruhigt 😀 Und dann brauch ich ja keine Angst vor dir zu haben… . Hmmm, die Sache mit Kat ist leider etwas komplizierter, und die Rollenerwartungen in dieser Gemeinde sind wirklich extrem. Denn schon ein Beratungsgespräch kann „gefährlich“ werden. Kommst du von AufnKaffee? Weil ich glaube, Rolf ist darauf auch eingegangen. Und danke s Abo, hoffe, dir gefällts weiter hier. LG

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      • andy4sisters schreibt:

        Ja, ich komm von Rolf.

        Und Du hast mit Deinen Elefanten den Nagel auf den Kopf getroffen.

        Dass schöne ist, dem Reinen, dem, der keine Kuscheltier-Elefanten kennt, dem ist alles rein.

        Und wer einen grünen Elefanten zu Hause hat muß beim Anblick eines rosa Kaninchens nicht gleich an rosa Elefanten denken.

        Das zweite, wenn Du versucht, dich mit ganzem Herzen auf ein Vater unser einzulassen, kannst Du es auch erleben, nicht dran denken zu müssen.

        Nun kommt von außen die Warnung, schau keine rosa Kaninchen, sonst denkst Du vielleicht an rosa Elefanten.

        Dann kannst Du es trotzdem naiv „ausprobieren“ und im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeihung wird sich die Warnung erfüllen und im Umfeld verfestigen.

        Du kannst aber auch wissend „gewarnt“ und doch Angstfrei in die Situation gehen, und dir vornehmen wenn du spürst, dass sich der nicht gewollte Gedanke einschleichen will, will ich mir ein Bild meines geliebten und gewollten grünen Elefanten vor Augen malen.

        Und siehe da, ich habe an diesem Tag öfter an grüne Elefanten gedacht wie sonst. 🙂

        Problematisch an Deiner und Rolfs Ausführung finde ich allerdings, dass angesichts der Population von rosa Elefanten in unserer Gesellschaft ihr aus dem Wunsch, Angstfrei leben zu können auch anderen Denkfähigkeiten unseres Gehirns negiert und jede Gefahr nicht sehen wollt und damit auch jede Warnung als kontraproduktiv bis destruktiv empfindet.

        Ich wünsche mirneine (Gemeine-)Kultur in der wir keine Angst haben Gefahren offen ins Auge zu sehen und die stärkung der Fähigkeit, so bewusst damit umzugehen, dass wir nicht darin umkommen.

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      • bithya85 schreibt:

        Hey, der Kommi ist RICHTIG gut! Ich musste so lachen bei den rosa Kaninchen und den rosa und grünen Elefanten! Wenn ich mir das bildlich vorstelle, ach du je!!! Made my day.
        Dabei hast du aber mit deiner Bemerkung über das Vater Unser mir in einer anderen Sache einen Richtungsimpuls gegeben, weil genau das etwas ist, das ich manchmal mache: Ich versuche krampfhaft, an etwas zu denken, wie, dass ich Gott anbeten muss und zwar jetzt sofort, zacki zacki und möglichst perfekt und heilig und so weiter, aber das funktioniert einfach nicht. Vielleicht deshalb, weil ich es zu sehr versuche. Danke für den Hinweis.
        Und ja, klar müssen Warnungen manchmal sein. Verstehe ich. Aber das war nicht mein Thema. Denn dieses Thema wird schon von diesem ICF-Heini, oder dem Pastor der „Ameisen“ oder anderen Leitern entsprechender Gemeinden abgehandelt. Klar kann man nicht einfach mit allem rum machen, wie man will ohne Konsequenzen. Das bestreitet ja keiner, oder? Aber dieses überängstliche Aus-dem-Weg-gehen, das letztlich mehr Schaden anrichtet als es hilft, das meinte ich. Verstehst du?
        LG

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  3. Andreas schreibt:

    Klar versteh ich 🙂

    Das mit dem Vater unser ist lustig, denn ich hatte es anders gemeint, und an sich hätte der Satz seinen Platz mit dem nachfolgenden tauschen müssen um verständlich zu sein.

    Doch dann hättest Du Deinen Richtungsimpuls nicht gehabt, auch gut.

    Krampfhaft ist es auf jeden Fall immer übertrieben.

    Dann lieber ehrlich sagen was los ist und wie man sich fühlt.

    Vertrauensvoll locker bleiben.

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  4. ms schreibt:

    Ein nicht unwichtiges Thema, nämlich: Reife. Reif, wann ist ein Mann das? Oder um es mit Grönemeyer zu sagen: Wann ist der Mann ein Mann? Meines Erachtens genau dann, wenn er Reife besitzt. Kennzeichen eines reifen Mannes? Die Übernahme seiner Eigenverantwortung, das Tragen der selbigen. Gemeinden mit solch kruden „Gesetzen“ tragen gewiss nicht zur Reifung eines Manns (oder einer Frau) bei. Weder im Leben noch im Glauben. Im Gegenteil, sie halten Männer wie Frauen dadurch weiterhin schön klein und unreif; unfähig und/ oder unwillig Entscheidungen zu treffen. Und die Unreifen geben ihre Eigenverantwortung sehr gerne ab.

    Gefällt 1 Person

    • bithya85 schreibt:

      Ja, und das ja auch teilweise absichtlich und systematisch. Aber nicht, weil sie die Macht über die Leute behalten wollen, sondern weil sie ernsthaft glauben, ihnen damit im Glauben zu helfen. Weil es immer gesagt wird, dass wir uns ganz von Gott abhängig machen sollen, weil nur er weiß, was das Beste für uns ist. Mal dahin gestellt, ob das stimmt oder nicht, eine üble „Nebenwirkung“ ist dann halt, dass die Leute in Unselbstständigkeit gehalten werden. Ziemlich üble Sache 😦

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  5. mARi schreibt:

    Liebe Autorin,
    ein wirklich schlimmer Fall.
    Ich war auch bei ner Ameisen-Gemeinde – nur schlimmer… Und ja: die sitzen bis zum heutigen Tag getrennt nach Geschlecht.
    Nicht nur, dass diese Regeln destruktiv sind, sie sind vor allem einfach nur eins: Von vorgestern. So einfach ist das. Denn es hat Zeiten in Deutschland gegeben, in denen das allgemein in der Gesellschaft so gehandhabt wurde – man denke nur an die biederen 50er des letzten Jahrhunderts. Sie halten daran fest und halten sich für fromm, und alles Moderne für vom Teufel (tippen ihre Kommentare dazu aber in ihr Smartphone).
    Es ist absurd.
    Liebe Grüße und viel Erfolg mit deinem Blog!
    mARi

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    • bithya85 schreibt:

      Hallo Mari, du hast recht. Ich fürchte, es war zu allen Zeiten so – oder zumindest schon ziemlich lange – dass solche Gemeinden lebten wie vor jeweils 30 Jahren oder noch früher und dabei glaubten, die Gesellschaft in die Zukunft zu führen. Diese hier sitzen zwar nicht sichtbar nach Geschlechtern getrennt, aber trotzdem ist die Trennung in den Köpfen verankert.
      Danke für deine Erfolgswünsche. Liebe Grüße. Bithya

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