Gottes I-Kinder

iu4CGGL1DWFachkraft für Integration (FK-I) nennt man Pädagoginnen und Pädagogen, die beispielsweise in Kitas arbeiten und speziell für Kinder zuständig sind, die eine wie auch immer geartete Behinderung haben und deswegen besondere Zuwendung brauchen. Je nach Anzahl dieser I-Kinder kann es eine halbe bis eine volle Stelle pro Gruppe sein. Man ist dann neben den normalen Aufgaben im Gruppenalltag für die Begleitung und Förderung dieser Kinder, für Dokumentationen, Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen wie Ergotherapie und Elternarbeit zuständig.

Eigentlich sollte es dann eine Diagnose geben, aber die gibt es nicht immer. Oft ist es dann einfach eine allgemeine Entwicklungsverzögerung des Kindes. Stell dir zum Beispiel ein zweijähriges Kind vor, das noch nicht stehen kann und keine Laute nachahmt, also in näherer Zukunft nicht laufen und nicht sprechen lernen wird. Oder ein vierjähriges Kind, das nur in Zwei-Wort-Sätzen spricht und nicht ruhig auf einem Stuhl sitzen kann, während es spielt. Oder ein sechsjähriges Kind, das sich nicht länger als zwei Minuten konzentrieren kann und kein Regelverständnis hat, aber in einigen Monaten in die Schule kommen soll.

Hast du Kinder? Ich nicht. Aber ich glaube, ich kann mir trotzdem ein bisschen vorstellen, wie es für ein Elternteil sein muss, wenn man merkt, dass das eigene Kind nicht nur ein bisschen weniger redet als andere, sondern überhaupt nicht redet, während andere Kinder schon ganze Sätze bilden. Oder wenn das eigene Kind sich abmüht, ein paar Bauklötze aufeinander zu stapeln, während andere Kinder ganze Städte bauen und damit spielen. Ich glaube, sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben, wo der Grund dafür liegt, dass das eigene Kind nicht mal annähernd das kann, was es eigentlich können sollte. Ob sie versagt haben. Wie die Zukunft des Kindes denn aussehen kann, was das Kind eigentlich vom Leben zu erwarten hat, wenn es jetzt schon solche Probleme hat und die anderen Eltern und sonstige Bekannte geben gute RatSCHLÄGE. Dann die alltäglichen Herausforderungen, zu Hause, wenn da das Kind vielleicht auch nicht still sitzen kann, ständig im Auge behalten werden muss, manchmal muss es noch gefüttert und gewickelt werden, obwohl es schon fünf Jahre alt ist… . Ganz ehrlich, ich wollte nicht mit diesen starken Eltern tauschen müssen. Denn auch das, was sie vom Kindergarten und von Therapeuten hören ist oft nicht das Gelbe vom Ei, da wird immer wieder gesagt „Der Jan hat schon wieder im Stuhlkreis randaliert!“, „Die Lea wird wohl nicht eingeschult werden können, wenn das so weiter geht!“, „Sie sollten über Medikation nachdenken!“ und manchmal auch immer das Jugendamt im Nacken, die sich Anwälte der Kinder nennen.

iuCMWL1ZCBWährend meiner Zeit als I-Kraft ist mir etwas klar geworden: In christlichen Kreisen wird immer wieder betont, dass Gott unser Papa ist. Es wird manchmal davon geredet, auf seinen Schoß zu krabbeln, brabbelnd mit ihm zu reden, ihm das ganze Leben anzuvertrauen, alle Entscheidungen an ihn abzugeben, nur noch für ihn und für nichts anderes mehr zu leben. Und dass Jesus die ganze Konsequenz für unsere Schuld auf sich genommen hat und sie jetzt weg ist, wir also auch dafür keine Verantwortung mehr übernehmen müssen. Das ist ja alles schön und gut. Aber indem es so sehr betont wird, kommt schnell bei einem an, dass man für nichts mehr Verantwortung übernehmen muss. Oder sogar, dass es eine Sünde ist, Verantwortung für das eigene Leben übernehmen zu wollen. Eine Sünde des Stolzes oder der Rebellion. Dabei wird bei der ganzen Sache eines vergessen: Die ganzen Eigenschaften, die herauf beschworen werden, sind Eigenschaften kleiner Kinder. Kleine Kinder krabbeln auf Papas Schoß, kleine Kinder reden brabbelnd, und kleine Kinder können noch keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen und sollten daher auf Papa hören, wenn er etwas sagt. Und auch kleine Kinder verlassen sich auf Papa, denn sie Mist gebaut haben, damit er es wieder für sie in Ordnung bringt. Damit will ich nicht sagen, dass nicht auch Erwachsene ihren Papa um Rat fragen oder sich von ihm trösten lassen und sich manchmal eine Umarmung abholen können. Es ist doch schön, mal als erwachsenes Kind vom Papa gedrückt zu werden. Aber wenn es übertrieben wird, ist es nicht mehr gesund. Man zeigt als 30-Jähriger Gott gegenüber (und manchmal auch Menschen gegenüber) das Verhalten eines Dreijährigen.

Könnte es sein, dass es unter uns Christen eine starke Tendenz zur Entwicklungsverzögerung gibt? Könnte es sein, dass Gott einer dieser starken Elternteile ist, die Kinder mit besonderem Förderbedarf haben? Wenn wir Christen in eine Kita zusammen mit Nicht-Christen gingen, bräuchten wir dann Integration? Was wäre, wenn sich Gott fragen würde, wie es dazu gekommen ist, dass wir uns weigern, uns zu entwickeln? Möchten Elternteile, dass ihre Kinder und nicht ihre Enkel noch auf ihren Schoß klettern und ist es gesund für einen Erwachsenen, alle Verantwortung auf die Eltern abzuwälzen? Wenn Mama und Papa beim Chef anrufen müssten, um ein Problem mit Kollegen zu klären? Was wäre, wenn Gott sich von anderen immer anhören müsste, wie verantwortungslos seine Kinder mit ihrem und dem Leben anderer umgehen, und er sich RatSCHLÄGE anhören müsste, welche Therapie bei derartigen Entwicklungsverzögerungen helfen könnte? Wenn er sich Sorgen machen müsste, wie wir im Leben zurecht kommen würden, wenn wir solche Verhaltensweisen zeigen?

Was wäre, wenn sich Gott für seine Kinder wünscht, dass sie zu glücklichen, starken, verantwortungsbewussten Erwachsenen heran wachsen, die ihren Weg gehen, wissen, was sie wollen und was sie können und was sie nicht können? Was wäre, wenn Gott möchte, dass seine Kinder Empathie, Wertschätzung, Toleranz, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft lernen, aber auch, ihre Grenzen zu kennen und zu verteidigen, Nein sagen zu können, los zu lassen und zu lieben, lachen, albern sein, aber auch für einander zu sorgen, Trauer und Probleme mit zu tragen? Ganz zu sein, die eigenen Gefühle zu kennen und gut mit ihnen, mit sich und mit anderen umzugehen?

Was wäre, wenn Gott sich auf lange Sicht erwachsene Kinder wünscht?

11 Gedanken zu “Gottes I-Kinder

  1. Karl Heinz schreibt:

    Hallo, liebe Bithya,

    da hast Du ja die Probleme wieder mal ganz genau angesprochen und praktisch wie im Zeitraffer betrachtet.
    Kinder vs. Erwachsene – Was wäre, wenn Gott sich erwachsene Kinder wünscht?

    Offensichtlich geht es nicht nur mir ganz persönlich so, dass ich mich mit den uns aufgedrückten Grundsätzen, wie und was wir zu glauben haben, wie ein bevormundetes, I-bedürftiges Kind vorkomme.
    Die Kirchen brauchen sich nicht zu wundern, wenn ihnen die Leute davonlaufen bzw. wenn sie erst gar nicht mehr kommen. Die aus der Bibel abgeleiteten Interpretationen und Glaubenssätze wirken doch vielfach wie gebetsmühlenartig hergeleierte und doch massiv zu glauben anbefohlene Scheinargumente.

    Warum müssen christliche Gemeinden auf dem Standpunkt verharren, dass Jesus durch sein Leiden und durch den Tod am Kreuz die Sünden der Menschen auf sich genommen bzw. die Menschen von ihren Sünden erlöst hat? Das ist so doch wirklich nicht richtig und wird trotzdem immer weiter behauptet bzw. als Glaubensgrundsatz betrachtet, weil es den Menschen nicht besser nahegebracht (erklärt) wird.

    Christus hat ganz richtig die Vergebung der Sünden nach Bekenntnis und Reue alleine von und durch Gott im Himmel verkündet (an Stelle von Opferkulten), aber er hat keineswegs die Sünden der Menschen (vergangene, begangene und noch zu begehende Sünden) auf sich genommen und damit getilgt.
    Letzteres ist in meinen Augen und auch für meine Seele Irrlehre.

    Christus hat mit seinem Kreuzestod nicht die Sünden sondern die Sünd-HAFTIGKEIT der Menschen auf sich genommen. Die Menschen waren es, die IHN zum Tode verurteilt haben („Kreuzige ihn…“).
    ER, der den Menschen die Nächstenliebe lehrte und der ihnen nahezubringen versuchte, wie die Menschen miteinander umgehen sollen, ER, der für Gierige nach Macht, Ansehen und Reichtum zum Mahner, zum Störer wurde, ER sollte beseitigt werden. Und Jesus sah das mit aller Deutlichkeit auf sich zukommen.

    Dieses „unchristliche“ Verhalten der Menschen, ihre Sünd-HAFTIGKEIT, ihre negative menschliche Reaktion nahm Jesus mit seinem Kreuzestod auf sich. Warum steht nur im Lukasevangelium (23/34) „Jesus aber betete: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun…“

    SO etwa, so denke ich, sollte die Kirche erklären, was Jesus mit dem Kreuzestod auf sich nahm.
    Und dann noch weiter: Der Tod von Jesus am Kreuz ist für alle Menschen ein unübersehbares Mahnmal, dass Menschen so miteinander NIEMALS umgehen dürfen; es ist Mahnung für JEDEN Meinschen.

    Und ein weiterer von Dir angesprochener Punkt ist, dass sich viele Menschen tatsächlich weigern, sich weiter zu entwickeln. Warum hängen viele Gemeinden so verklebt an den Texten der Bibel, dass sie diese ausschließlich als das buchstäblich zu nehmende Wort Gottes sehen?
    Für mich ist die Bibel eine Textsammlung aus alter Zeit, die mit den Möglichkeiten und Erkenntnissen unserer Zeit zu betrachten ist.
    Wenn wir heute schon recht genau wissen, woraus und wie alles entstanden ist, dann ist doch die Erkenntnis, dass Gott die Gesamtheit aller Existenz bildet (alles Materielle in Einheit mit allem Spirituellen) nicht von der Hand zu weisen… Aber ich komm schon wieder in meine alten Ausführungen.

    Aber es stimmt: Wir alle sind Gottes Kinder; genau genommen Gottes I-Kinder.
    So sehe ich das auch…

    Viele liebe herzliche Grüße von Karl Heinz

    Gefällt 2 Personen

      • bithya85 schreibt:

        Will dich damit nicht unter Stress setzen… ich meinte eher, dass ich es scheiße finde, wenn in Gemeinden etc. der Eindruck vermittelt wird, man dürfte nicht erwachsen werden. Ich möchte allgemein nicht, dass man sich zu sehr nach dem richtet, was ich schreibe… ich bin auch nur ein Mensch und wahrscheinlich werde ich in ein paar Jahren auch vieles wieder anders sehen.

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      • Inselines schreibt:

        Also liebe Bithya, Du stresst mich nicht, sondern bestätigst eher meine eigenen Wahrnehmungen und wenn ich mich an bestimmten Stellen herausgefordert weiß, dann nehme ich das als Wink von oben, mich da eben noch weiter entwickeln zu dürfen. 😉

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  2. Inselines schreibt:

    Also ich möchte euch beiden spontan einfach mal DANKE sagen für die wertvollen Gedanken, die ich mit euch teile, sowohl was geistlichen Wachstum, wie auch was die Ausführung von Karl Heinz zum Kreuzestod betrifft. Was mich am meisten betrübt ist, dass viele Theologen über dieses Wissen verfügen und ich es so aber noch nicht zuvor in Kirchen oder Gemeinden gehört habe. Dabei ist es, wie ich hier lese, doch gar nicht so schwer zu formulieren. Ich kann mit weit ausholenden Vorträgen die über eine Stunde und länger gehen leider nichts anfangen, weil ich da echte Konzentrationsschwierigkeiten habe. Da ist irgendwann der roten Faden weg. Andere gelingt das leichter und die können dann gut mit Worthaus mithalten. Mir gelingt das nicht.

    Ich bin aber davon überzeugt dass man wesentliche Inhalte genauso gut auch in 30 oder 45 Minunten, mit leicht verständlichen Worten und direkt auf den Punkt kommend in eine gute Predigt unterbringt. Es gibt nämlich, habe ich gehört, durchaus noch Pastoren die das drauf haben, vielleicht auch in meiner Nähe, muss mal schauen.

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