Dumme Frage…

JustitiaWas ist eigentlich Gerechtigkeit? Das muss man doch nicht erklären. Was Gerechtigkeit ist, weiß doch jeder. So, wie jeder weiß, was Liebe ist, oder Zeit oder das Leben. Man weiß es eben.

Gestern waren wir uns da nicht so sicher. Wir haben uns mit ein paar Leuten einen Worthaus-Vortrag über Gerechtigkeit angesehen. Und ganz ehrlich, da geht einem ein ganzer Kronleuchter auf. Das, was ganz oft in christlichen Kreisen unter der Gerechtigkeit Gottes verstanden wird, dieses Gegenstück zu Gottes Liebe („Gott ist nicht immer Liebe, er ist auch gerecht!“), dieses Angst-machende („Pass auf, kleines Auge, was du siehst!“), das könnte von einem einzigen, großen Missverständnis rühren.

Ich fass das Ganze mal kurz zusammen, so gut ich kann.

Das, was wir in Europa unter Gerechtigkeit verstehen, hat einen starken strafenden Aspekt. Das kommt von dieser römisch-griechischen Mythologie und Philosophie, wo die Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, die Menschen genau beobachtet und bei abweichendem Verhalten wie ein Automat gefühlslos zuschlägt. Aus diesem Zusammenhang kommt auch die Ansicht, dass ein Richter nicht die Aufgabe hat, lieb zu sein, denn Liebe wäre nicht mehr gerecht, sondern voreingenommen. Gerechtigkeit ist in dieser Denke also etwas, das mit dem Einhalten bestimmter Regeln zu tun hat. Und mit der Einstellung „Nicht gestraft ist genug gelobt.“ (Pädagogisch übrigens sehr problematisch, zivilisatorisch aber mit einem gewissen Niveau, immer noch besser als das Recht des Stärkeren.)

Im alten Israel war Justitia aber nicht bekannt. Und mit ihr auch dieses Verständnis von Gerechtigkeit nicht. Sie hatten ein anderes Verständnis, kein schlechteres, sondern einfach anders. Hier ging es nicht um das Einhalten bestimmter Regeln, sondern darum, Beziehungen zu leben und außenstehende Menschen zu integrieren. Diese Gerechtigkeit fragt nicht in erster Linie: „Was hast du falsch gemacht?“ sondern: „Was muss passieren, damit du wieder dazu gehörst?“ Wenn man das so sieht, hat Gerechtigkeit fast nichts mehr mit Strafe und JVA zu tun, sondern mehr mit Mobbing-Prävention, Anti-Rassismus-Arbeit und der Bekämpfung von Armut und Analphabetismus. Oder, um es mit der Bibel zu sagen: Den Witwen und Weisen zu helfen, den Fremden aufzunehmen und den Armen zu ihrem Recht verhelfen. DAS ist die Gerechtigkeit Gottes. Und wenn man das so sieht, ist Jesus nicht ENTWEDER der Retter ODER der Richter, sondern WEIL er der Richter ist, ist er der Retter und umgekehrt. In diesem Denken geht das eine nicht ohne das andere, sie sind wie zwei Seiten derselben Medaille und man muss keine Angst vor dem Richter haben, weil er auch der Retter ist.

Wenn hier zufällig ein Theologe mitliest: Du darfst mich gerne korrigieren oder ergänzen, wenn ich was Wichtiges nicht geschrieben oder etwas missverstanden habe.

Darüber haben wir dann diskutiert. Denn wir hatten einen Theologen dabei und er meinte, das wäre eigentlich Konsens in der Theologie, das kleine Einmaleins. Dann nur seltsam, dass es nicht bekannt ist, dass es so fast nie von der Kanzel erklärt wird. Liegt es vielleicht daran, dass die römisch-griechische Denkweise so in unseren Köpfen ist, dass sie kaum angegriffen werden kann? Liegt es daran, dass wir uns einfach einen derart liebenden Gott nicht vorstellen können, dass wir denken, es sei zu schön, um wahr zu sein? Oder dass man, wenn man Theologie studiert, dieses Verständnis so stark verinnerlicht, dass man davon ausgeht, die anderen würden es schon wissen, weil es doch bekannt ist? Vielleicht ist es eine Mischung aus den Gründen, oder der Grund, warum ich es vor diesem Vortrag nicht wusste ist einfach der, dass ich die meiste Zeit in Gemeinden war, in denen es keine studierten Theologen gab, wo man es also tatsächlich nicht wusste, weil es einem keiner gesagt hat. Von alleine kommt man wohl eher nicht drauf. Aber wenn man es weiß, kommen sofort einige neue Fragen auf. Fragen danach, warum Jesus am Kreuz sterben musste, die Frage danach, was das Weltgericht ist und wie es verstanden werden kann, die Frage nach der Hölle, die Frage nach unserer Verantwortung in der Welt als die abartig Reichen… .

Aber genau das finde ich spannend. Denn diese Version von Gerechtigkeit ist mir viel sympathischer als die Justitia mit ihrer Augenbinde, der Waage und dem Schwert. Weil es sich damit so schön träumen lässt. Wie sähe wohl eine Welt aus, in der das realisiert würde, in denen man nicht mehr für Armut bestraft, für andere Sichtweisen ausgelacht und für ein anderes Aussehen misstrauisch oder feindselig beäugt wird, wo mehr dafür getan wird, die Opfer wirkungsvoll zu integrieren anstatt den Tätern eine reinzuhauen? Unsichere aufzubauen, Anfänger zu unterstützen, problembelastete Menschen zu begleiten und Verletzte zu heilen. Ein verantwortlicher Umgang mit Mensch, Natur und Welt. Ohne Angst zu haben, Fehler zu machen, denn Fehler werden nicht erbarmungslos gejagt, sondern vielleicht als eine verdeckte Stärke gesehen, die nur nicht gut gefördert wird. Gibt das Sinn? Und vielleicht gibt es auch Möglichkeiten, wie das praktisch umgesetzt werden kann: No Blame Approach, einen Obdachlosen überraschen oder Weihnachten nicht alleine sein. Darf gerne ergänzt werden 🙂

15 Gedanken zu “Dumme Frage…

  1. Kira schreibt:

    Ich hab irgendwie nen Knoten im Hirn, wenn ich versuche, Jesus als Richter UND Retter in einer Person wahrzunehmen. Ich krieg das einfach nicht zusammen. Dieses „was muss passieren, dass du wieder dazu gehörst?“ als eine Form der Gerechtigkeit, das begreife ich schon. Wenn ich mir das jetzt vorstelle, ich, als Mensch, im Gericht vor Jesus…diese Frage hilft zwar, mich wieder zu integrieren. Aber was ist mit dem, was ich anderen angetan habe? Nehmen wir mal an, ich hätte anderen schlimmes Leid zugefügt. Würde das nicht außen vor bleiben, negiert werden, quasi unter den Tisch fallen, wenn es nur darum geht, mich wiederherzustellen? Brauchen meine Opfer nicht eine Strafe (für mich meine ich) die aufzeigt, dass ich Grenzen überschritten habe, dass das was ich ihnen angetan habe, falsch war? Womit ihr Leid praktisch anerkannt wird. Es wird gesehen. Und damit wäre ja meine Rettung wieder aus dem Focus…Komm da nicht weiter, vielleicht ist ja n grundsätzlicher Denkfehler drin. Vielleicht kannst Du mir das ja bisserl verständlicher machen…wäre cool
    lg

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    • bithya85 schreibt:

      Naja, ich denke mal, für dein „Opfer“ gilt dasselbe. Und du bist ja auch „Opfer“ von jemandem. Ich hab das Ganze so verstanden, dass die Frage „Was muss passieren, damit du wieder dazu gehörst?“ sowohl für die Opfer als auch für die Täter zutrifft. Oder vielleicht, dass gar nicht in diesen Kategorien gedacht wird. Ich meine, keiner ist ja nur Opfer oder nur Täter, und oft genug geht es ja um Anteile. Also, ich hab ein Anteil an der Situation und der andere hat einen Anteil an der Situation. Wenn du ein Beispiel möchtest: Kennst du das Schüler-Streitschlichter-Programm? Da wird älteren Schülern beigebracht, in diesem Sinne Streit zwischen jüngeren Schülern zu schlichten, jeder beschreibt nacheinander in einer ruhigen Situation, was vorgefallen ist, dann schauen sie miteinander, was jeder zu dem Streit beigetragen hat und dann auch die Frage, was er selbst tun würde, um den Streit beizulegen und was er von dem anderen erwartet. Oft deckt sich das ganz schnell und wird in einem Vertrag festgehalten und die Sache ist vom Tisch. Manchmal wird so schon beginnendes Mobbing aufgelöst, und das von Teens. Vielleicht kann man sich das Ganze ein bisschen so vorstellen wie Streitschlichtung?

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      • Kira schreibt:

        Danke, das hat ungemein geholfen. Vor allem Dein Beispiel – solche bildhaften Vergleiche helfen mir persönlich ungemein, wenn das theologische Grundproblem zu abstrakt für mich ist…
        Dass die Frage, was passieren muss, an beide geht…ja, so macht es Sinn. Und in dem Vortrag wird nochmal deutlich, dass die Liebe und die Gerechtigkeit Gottes einander bedingen, anstatt sich gegenseitig auszuschließen. In dem Zusammenhang bekommt „Selig sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten“ auch eine andere Bedeutung für mich. Nicht mehr so eindimensional.
        Das Ganze ist gerade ein ziemlich belastendes Thema für mich in meiner Beziehung zu Gott. Gerechtigkeit, meine ich. Speziell die Frage nach dem Umgang mit Schuld. Ich meine, vergeben an sich ist ja gut und schön, ich glaube auch unbedingt daran, dass Gott das tun will und kann…mir fehlte nur immer die Vorstellung, wie das funktionieren soll, so, dass es allen Beteiligten gerecht wird.
        Jedenfalls hat mir das jetzt hier eine ziemliche Last von der Seele genommen. Praktisch einen Ausweg aufgezeigt, um mich mit gewissen Dingen auseinandersetzen zu können, ohne daran kaputt zu gehen. Vielen Dank.
        lg

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      • bithya85 schreibt:

        Ich hab übrigens mal gehört, dass der Begriff „Mittler“ (zwischen Gott und dem Mensch, also Jesus Christus, den Begriff gibt es glaub ich in Hebräer irgendwo) im englischen „Mediator“ heißt, und wenn man „Mediator“ ins deutsche übersetzt, kommt tatsächlich „Streitschlichter“ raus. Also so abwegig ist es wohl nicht 😀

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      • Kira schreibt:

        Der Artikel von Rolf Krüger über das Kreuz und die Frage nach dem warum, der hat im Übrigen einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Dazu muss ich sagen, dass Jesus mir immer fremd war, auch als ich noch Christ war. Wahrscheinlich deshalb, weil der Focus so sehr auf dem Kreuz lag, speziell unter dem Aspekt als Sühnetod für unsere Sünden. Das war mir immer so dermaßen suspekt, also habe ich es mit einem beiläufigen „Äh, na dann, danke Jesus“ abgenickt und mehr oder weniger bewusst abgelehnt. Deine alternativen Theorien habe ich auch gelesen, aber um da eine Tendenz für mich ausmachen zu können, muss ich mich nochmal eingehender mit Jesus als Person befassen. Habe den Eindruck, dass ich ihn in vielen Dingen missverstanden habe, oder gar nicht.

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      • bithya85 schreibt:

        Wer nicht 😀 Also ich meine, wer hat Jesus schon richtig verstanden? Ich kannte ja auch eigentlich nur die Sühnetod-Variante, dazu die Hardcore, die eigentlich mehr oder weniger erst mit Anselm von Canterburry bekannt wurde. Die ersten 1000 Jahre des Christentums gab es diese Variante ja gar nicht, was haben die denn dann gemacht? 😀

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  2. Kira schreibt:

    Mittler = Streitschlichter, ja, das hat was 🙂
    Kann mich erinnern, dass Jesus in der Bibel so bezeichnet wurde…als Mittler zwischen Mensch und Gott. Muss das nochmal nachlesen…und überhaupt alles, was ihn betrifft. Vielleicht versteh ich ihn jetzt ja ein bisschen besser 🙂 Zumindest bin ich jetzt frei von einigen meiner vorgefertigten Glaubensvorstellungen und kann da wesentlich entspannter ran gehen.

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      • Kira schreibt:

        Nun ja, ich bin ein ganzes Stück weitergegangen – ich hatte mit meinen Glaubensvorstellungen radikal aufgeräumt, bis am Ende gar nichts mehr übrig war. Dann war die Bibel nur noch ein altes Buch für mich und Gott eine schönes Märchen. Das ist kein Weg, den ich empfehlen kann. Das Gott mich nicht aufgegeben und letztlich wieder gefunden hat…das ist für mich ein Wunder, das mir mehr als alles andere gezeigt hat, wie sehr er mich liebt. Ich meine, wer macht das schon? Wer geht jemandem nach, der einem alles vor die Füße wirft und erklärt, er will nichts, aber auch gar nichts mehr hören. Ich weiß noch, dass mein letztes „Gebet“ eine Ansage war: ich kann und will das alles nicht mehr glauben, also komm jetzt bitte nicht auf die Idee, mich irgendwie davon abzubringen, ich KANN es nicht mehr!“ Er hat geschwiegen und ich war sehr erleichtert. Auf in die fröhliche Welt der Atheisten. Die hatte ich eh schon darum beneidet, dass sie sich mit sowas nicht rum quälen müssen.
        Ja, ich kann jetzt die Bibel aus einer neuen Perspektive lesen, ich bin jetzt wieder ein unbeschriebenes Blatt sozusagen. Aber der Weg dahin hat mehr gekostet, als mir lieb war. Und dass es so kommt, wie es jetzt ist, war für mich eh nicht abzusehen.
        Du hast Deine Überzeugungen in Frage gestellt, aber nicht Gott. Dazu gehört viel Mut und die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren. Das hatte ich damals nicht und habe großen Respekt davor. Ich verstehe, dass Du Angst hast, dass die alten Muster noch greifen. Aber du liebst Jesus. (Über das warum hast Du mal sehr schön geschrieben, das hat mich echt berührt). Und er kennt Dich doch. Du hast selbst gesagt, dass er Dich bedingungslos aushält. Er hält Dich aus, mit dem vorgefertigten Zeug im Hirn und er hält Dich aus, wenn Du die Bibel gar nicht liest. Du hast auch schon erlebt, wie Jesus es schafft, Dich durch Situationen zu bringen, die Dir eine Höllenangst machen. Was ich meine – egal, wie Du Dich entscheidest, die Bibel zu lesen, nicht zu lesen, Jesus ist da, liebt Dich und möchte, dass Du frei bist. Frei von Angst. Er wird sie Dir nicht am Ende aller Tage um die Ohren hauen, weil Du damit nicht klar gekommen bist. Definitiv nicht. Er weiß doch, dass Dein Herz ihm gehört. Ich hab eher den Eindruck, dass es ihm leid tut, wie Du Dich damit manchmal quälst. Vielleicht möchte er Dir einfach nur sagen, dass Du bei ihm sicher bist, dass er Dich soweit gebracht hat, Dich in Deinem Denken zu verändern, dass das nicht gelöscht wird, sobald Du dieses Buch aufschlägst. Und dass es als Hilfe gedacht war, sie zu lesen, nicht als Zwang.
        Alles Liebe für Dich 💙
        lg

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