Refugees welcome

Im Moment ist es nicht grade die einfachste Zeit für mich. Aus unterschiedlichen Gründen. Und wenn man dann als Christ nicht einfach so in eine Gemeinde gehen kann, macht es das auch nicht grade einfacher. Es ist nicht so, dass ich da nicht erwünscht wäre, soweit ich weiß. Aber in den meisten Gemeinden, die ich kenne ist es eher so, dass sie von sich aus so „spezialisiert“ sind auf ein bestimmtes Klientel, dass jemand wie ich da keinen sicheren Ort finden kann. Ich meine das nicht mal böse, die meisten merken es auch nicht mal oder wollen es vielleicht auch gar nicht merken. Die meisten würden von sich selbst vielleicht auch sagen, sie seien offen für alle und jeden. Aber wenn „alle“ und „jeder“ kommen, ist man dort schnell überfordert. Wenn es Leute sind, die chronisch zweifeln, wenn es Leute sind, die mit Krankheit oder Armut zu kämpfen haben, wenn es Leute sind, die „anders“ sind als der Mainstream, wie das auch immer im Einzelnen aussehen kann. Wenn es irgend welche Leute sind, die aus welchem Grund auch immer nicht glauben können oder wollen, dass die Bibel wörtlich genommen werden sollte (wörtlicher als Nachrichten, denn auch in Nachrichten gibt es die „Kommentare“, die auch sehr bildhaft oder ironisch sein können) und die alles glauben, was man ihnen sagt. Sofort. Ungeprüft. Unkritisch. Und die es verteidigen. Nicht dialogisch. Nicht tolerant. Nicht weltoffen. Denn dialogisch klingt fast wie diabolisch, tolerant heißt wischi-waschi und weltoffen wäre gottfeindlich.

Aber jetzt bin ich wieder polemisch.

Ich meine doch nur, dass sich viele Gemeinden hier extrem ähneln. Und das nicht unbedingt auf eine gute Art und Weise. Klar gibt es Unterschiede, aber in den Punkten, die für mich inzwischen rote Tücher sind, ähneln sie sich wie ein Ei dem Anderen.

Aber Gottes Wege scheinen sich daran nicht weiter zu stören. Denn der ist sehr kreativ, was Lösungen für seine Kinder angeht. Von ihm kann ich als Pädagogin noch viel lernen 😀 Es war für mich zum Beispiel eine Weile wirklich dran, und auch wichtig, keine feste Gemeinde zu haben, um einiges für mich selbst klar zu kriegen. Abseits von gut gemeinten Manipulationen und ängstlichen Abwehr-Reaktionen. Aber inzwischen bin ich eher wieder auf einem Wegabschnitt, wo ich Gemeinde suche und brauche. Nur nicht auf fundamentalistischer Art. Ich suche wirklich Menschen, die mit mir unterwegs sind, die hoffen können, wenn ich es nicht kann und bei denen ich hoffen kann, wenn sie es nicht können, die für mich und mit mir beten können, wenn ich nicht weiß, was ich sagen soll und für die ich beten kann, wenn sie nicht in der Lage dafür sind. Wo wir gemeinsam nach Antworten suchen, gleichzeitig Ambiguitätstoleranz, Achtsamkeit und Respekt vor einander und Gott gegenüber üben. Mit Liebe und Mut und Risikobereitschaft, Fehler zu machen. Eine solche Gemeinde zu finden ist nicht einfach.

Vor einigen Jahren hat Maren mir von einer Gemeinde erzählt, eine kleine FeG, in einem sozialen Brennpunkt. Die Leute wären unglaublich lieb, herzlich, hilfsbereit. Aber die Lehre wäre nicht gut. Daran habe ich mich erinnert. Sowohl daran, dass es liebe Leute waren, als auch daran, dass die Lehre nicht gut sei. Denn beides klang für mich ungeheuer anziehend. Was meine ich damit? Das mit den Leuten erklärt sich glaub ich von selbst. Aber die schlechte Lehre zieht mich deswegen an, weil ich weiß, welche Art von Lehre in den meisten freikirchlichen Gemeinschaften, die ich kenne, als „schlecht“ angesehen wird und das wäre möglicherweise genau die, die ich dann brauche. Die eben nicht erwartet, dass alles einfach geglaubt wird, die nicht anderen Dinge überstülpt und die zweifeln darf und prüfen. Keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, die einen denken lassen, man wäre doof. Also bin ich hin. Das war Ostern. Und es hat mir sehr gut gefallen.

IMG_20171029_114703Ich bin nur ein eher schüchterner Mensch, auch wenn man es nicht unbedingt merkt. Und vorsichtig, misstrauisch. Ich vertraue nicht schnell und öffne mich noch zögerlicher. Es hat einen Grund, dass ich den Blog anonym führe, kein Foto von mir hier habe und bei denen, die näher mit mir zu tun haben nur engere Freunde wissen, dass ich ihn schreibe. Es fällt mir schwer, mich irgendwo zu integrieren und neue Freunde zu finden, denn das hieße, dass ich einen Vertrauensvorschuss geben muss. Ich bin zwar in der Folgezeit immer mal wieder hin, im Abstand von einigen Monaten, aber ich hab nicht wirklich den Schritt geschafft. Anfang des Monats war ich dann auf einer Freizeit, die mit dieser Gemeinde zu tun hat und da habe ich dann die Gewissheit bekommen, dass ich dort hin kann. Seit dem war ich auch einige Male da.

Heute wieder. Es ist echt anstrengend für mich, aber ich bin eigentlich immer wieder froh, dass ich hin gegangen bin. Weil ich jedes mal von Gott höre, dass ich hier sicher bin. Es ist OK da, dass ich vorsichtig bin, es ist OK, dass ich zweifle und dass ich misstrauisch bin. Und man ist trotzdem sehr offen und das hilft mir, auch offener zu sein. Einige da denken tatsächlich ähnlich wie ich und manche grüßen mich schon, weil sie mein Gesicht kennen.

Als ich heute aus der Gemeinde raus bin und zum Auto wollte ist mir aufgefallen, dass jemand an den Stromkasten geschrieben hat „Refugees welcome“, Flüchtlinge sind willkommen. Und ich habe gedacht, ich als „Gemeindeflüchtling“ fühle mich tatsächlich willkommen und habe die Hoffnung auf einen sicheren Ort. Und ich glaube, das ist das, was Flüchtlinge, welcher Art auch immer, brauchen, um sich gut zu integrieren.

2 Gedanken zu “Refugees welcome

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