Ich bin doch keine Maschine!

Unbenannt

„Zähle deine Stärken auf. Zeige dich von deiner Schokoladenseite. Sei pünktlich und ordentlich. Mach ihnen klar, dass du genau die richtige Person für sie bist. Will es unbedingt und lass dich von nichts davon abhalten.“

So oder so ähnlich klingen doch diese ganzen RatSCHLÄGE, wenn du ein Vorstellungsgespräch oder Probearbeiten hast. Oder? Kenn ich doch. Zu Genüge.

Das Blöde dabei nur: Sie funktionieren bei mir nicht. Und wenn sie doch funktionieren, dann werde ich nicht glücklich damit. Feste Stellen und ich sind so… semi-befreundet. Wir haben eine etwas schwierige Geschichte. Deswegen vielleicht ist es so, dass ich mich nicht mehr so sehr über Dates mit ihnen freue. Wenn ich ein erstes Date mit einer Stelle habe, dann ist es vielleicht ein bisschen so, wie es bei anderen ist, die jemanden im Internet kennen lernen, den sie so einigermaßen interessant finden. Nicht auf die Herzklopf- und Schweißausbruch-Art interessant, aber interessant genug, um sich mal auf nen Kaffee zu treffen und mal zu gucken, wer der andere ist. So ungefähr geht es mir mit neuen Stellen. Interessant, aber nicht überschwänglich interessant.

Das war nicht immer so. Klar, man wird ja auch von klein auf darauf konditioniert, dass eine lebenslange Vollzeitstelle die Definition von Glück ist. Und dem entsprechend habe ich mir echt lange Zeit die größte Mühe gegeben, die potentiellen Arbeitgeber zu beeindrucken. Egal, wie es mir wirklich ging. Hauptsache, die Stelle. Nein, es war auch oft so, dass ich diese Arbeit wirklich machen wollte. Aber ich habe mich trotzdem peinlich genau an die RatSchläge gehalten. Zeigen, dass man das Beste ist, was dem anderen passieren kann. Es unbedingt und bedingungslos wollen.

Dabei kamen immer eines von zwei Ergebnissen raus:

  1. ich habe die Stelle nicht bekommen. Dafür aber mehrere schlaflose Nächte, da ich mich völlig verrückt gemacht habe, zerplatzte Träume, weil ich mich schon so in meine Vorfreude hineingesteigert habe und schon mehr oder weniger „vorgearbeitet“ habe und schließlich eine immer geringere Selbstwirksamkeit, denn es schien ja egal zu sein, ob ich mich bewerbe oder nicht, es funktioniert eh nicht. Entweder das, oder, was eigentlich noch schlimmer ist:
  2. ich bekomme die Stelle, aber grade, wenn ich richtig „drin“ bin, werden die Schwächen und Fehler, die ich in meinem Vorstellungsgespräch natürlich nicht erwähnt habe, so offensichtlich, dass die Kollegen immer mehr zicken, unfreundlich werden, einen schneiden, oft sind sie ja in meinem Job schon fast kindisch und können nicht anständig wie Erwachsene Probleme lösen (ich sag jetzt NICHT, was ich beruflich mache), und daraus folgen für mich wochen- oder monatelang schlaflose Nächte, immer stärkere Unsicherheiten, Lustlosigkeit, schlechtes Arbeiten, was wiederum den Teufelskreis befeuert. Und schließlich ein Rauswurf nach der Probezeit.

Also, mir gefällt keine dieser Alternativen wirklich gut. Deshalb habe ich irgendwann mal einen Entschluss gefasst. Es ist mir egal, ob ich eine Stelle habe oder nicht. Wichtig sind ganz andere Dinge. Meine körperliche und emotionale Gesundheit, dass ich mich in meinem Leben wohl fühle, meinen Rhythmus finde, meine Berufung, ob sie jetzt bezahlt wird oder nicht, das, was ich wirklich mit meinem Leben machen will, was mein Herz unabhängig von Verträgen und Sozialversicherungen höher schlagen lässt. Maren hat mich darauf gebracht. Und das bringt auch mit sich, dass mir Vorstellungsgespräche und Probearbeiten mehr oder weniger egal werden. Seit dem habe ich auch dadurch mein Verhalten bei Vorstellungen verändert. Hatte jetzt ein Vorstellungsgespräch, weil mein aktueller Vertrag ausläuft und ich war etwas anders als man sein sollte.

  • Man sagt, ziehe das Beste an, was du hast. Nö. Ich ziehe das an, was ich auch auf diese Arbeit anziehen würde. Und da ich mich auf der Arbeit auch schmutzig machen würde und mich gut bewegen können muss… ich ziehe zwar keine fleckigen, stinkenden Sachen an, aber schon welche, in denen ich mich wohl fühle. Die Leute sollen schließlich sehen, wie ich im Real-Life aussehe, will keine falschen Erwartungen wecken. Hatte normale Jeans und ein normales T-Shirt an.
  • Man sagt, will es unbedingt! Und ich will es NICHT unbedingt. Wenn ich irgendwo hin gehe und mich vorstelle, dann bin ich nicht die Einzige, die einen guten Eindruck machen muss. Die anderen müssen auch bei mir einen guten Eindruck hinterlassen. Wenn ich schon nach einer Stunde Probearbeiten denke „Wann ist diese Scheiße endlich vorbei und ich kann nach Hause?“, was will ich dann erst nach acht Stunden bei 5 Tagen sagen? Ich habe seit meinem Entschluss tatsächlich schon Zusagen bekommen, die ich dann abgesagt habe, weil ich es nicht wollte.
  • Man sagt: tu alles, was nötig ist, damit du diese Stelle kriegst. Da hab ich ja schon eben was zu geschrieben. Nö. Was bringen mir schlaflose Nächte und die Versuche, andere zu manipulieren? Denn was ist es anderes, als zu manipulieren? Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Habe nicht um die Stelle gekämpft, war nur einfach offen für neue Bekanntschaften, schau mir eine Einrichtung an, bekomme neue Eindrücke und fahre dann wieder nach Hause.
  • Man sagt, zeige dich von deiner Schokoladenseite. Ich war so freundlich und unfreundlich, wie ich normalerweise bin. Ich habe sogar ein Sakrileg begangen: Ich war offen mit meinen Schwächen und habe direkt eine unverschämte Bedingung gestellt: Hab gesagt, dass ich völlig urlaubsreif bin und tatsächlich schon einen Urlaub gebucht habe, Anfang Oktober. Dass ich jetzt, nach diesem Monat, die ersten zwei Septemberwochen frei haben will und dann Anfang Oktober in den Urlaub fahre. Dumme, böse Bithya, was? 😀
  • Man sagt, mach ihnen klar, dass du genau die richtige Person bist. Habe ich nicht gemacht. Ich bin mir bewusst, dass ich nicht die perfekte Person für diesen Job bin, dass es noch viele andere gibt, die das mindestens genauso gut können wie ich. Aber ich weiß auch, dass ich intelligent und kreativ genug bin um die Stelle auszufüllen. Das muss ich ihnen aber nicht unter die Nase reiben. Sie werden es früh genug heraus finden. Wenn sie denn wollen.
  • Man sagt, eine lebenslange Vollzeitstelle sei die Definition von Glück und einen Job zu verlieren käme dem Ende des Lebens gleich. Da lache ich nur. Sie haben gesagt, sie könnten es sich bei mir gut vorstellen (und das, obwohl ich die ganzen Ratschläge nicht befolgt habe.) und ich kann es mir tatsächlich auch mit ihnen vorstellen. Die Einrichtung gefällt mir, das Klientel auch, die Arbeit an sich auch, die Kollegen machen auch keinen unsympathischen Eindruck, Arbeitszeiten, Entfernung und Bezahlung sind gut. Also warum nicht? Aber es ist 1. keine lebenslange Stelle, sondern für 2 Jahre befristet, was mir nur recht ist, da ich nicht heute schon sagen kann, dass ich mein Leben lang nur das machen will und es ist 2. keine Vollzeitstelle, was mir auch nur recht ist, da ich auch noch anderes tun will als arbeiten. Ich bin ja keine Maschine. Und: Wenn es sich herausstellen sollte, dass es NICHT funktioniert, werde ich dem auch nicht mehr hinterher trauern. Ich werde deswegen im nächsten halben Jahr keine schlaflosen Nächte haben. Ich gebe auf der Arbeit mein Bestes, aber das tue ich so oder so. Denn ich nehme nur die Arbeiten, die ich will. Und selbst, wenn ich dann ne Weile von ALG oder Harz4 wieder leben müsste, wäre das auch keine Apokalypse im schlechtesten Sinne.

Also, dann werde ich mal mein Leben genießen, auf Gott hören, wenn er etwas sagt, manchmal gibt er mir auch gute Tipps (keine Ratschläge :-D) für die Arbeit, und werde auch für mich und meine Freunde – und wenn sie mich brauchen, meine Familie – da sein. Warum nur das tun, was andere sagen?

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