Birds of paradise

„Who are you, who am I? Is it real, we can touch the sky – Nothing’s real, all disguise, said the birds of paradise…“ Ein Ohrwurm. Passt grade zu mir.

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Ich war eben in einer „Hausgemeinde“. Wurde auf Kat’s Taufe eingeladen, von einer Frau, die ich vom Sehen kenne. Wir hatten eigentlich nie viel mit einander zu tun. Klar, wenn man in einer Gemeinde ist, läuft man sich über’n Weg, sagt Hallo, redet vielleicht mal kurz. Aber wenn diese Gemeinde gefühlt tausend Mitglieder hat… . Naja, jedenfalls haben wir uns auf dieser Taufe unterhalten, über unsere Ex-Gemeinde und warum wir nicht mehr gehen. Haben teilweise beinahe identische Gründe. Und es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Jedenfalls hat sie dann erzählt, dass sie eine kleine Hausgemeinde haben mit einigen Familien und dass ich ja mal dazu kommen könnte. Ich dachte so, ja, warum nicht? Alleine, dass sie sagte, es wären ein paar Familien hat mich verunsichert, weil ich als glücklicher Single zwischen lauter christlichen Familien… vielleicht kennst du es, dass die gute, christliche Familie als DIE perfekte, gottgefällige Lebensform gilt. Jedenfalls hier und da. Mehr oder weniger stark.

Naja, jedenfalls hatte ich gestern spontan Lust, mal was Neues auszuprobieren. Also hab ich mich bei der Bekannten gemeldet und gesagt, dass ich gerne mal vorbei kommen würde. Sie hat sich gefreut, mir Zeiten und Adresse genannt. Ich war skeptisch. Vor nicht einmal einer Woche hatte ich ein ziemlich blödes Gespräch mit einer alten Freundin aus der Szene gehabt, die mir ins Gesicht gesagt hat, dass ich schuld sei am schlechten Klima, das in dieser Gemeinde herrsche und dass ich mich nicht genug eingesetzt habe und zu wenig gebetet habe, denn Gott würde dieses Gebet nach schönem Klima in Gemeinden immer erhören und wenn er es nicht tut, muss der Fehler bei mir liegen. Und dass es nun wirklich nicht darauf ankommt, dass es mir gut geht, sondern dass ich ein Segen für andere sei. Und noch einiges Unschöne mehr. Und sie war nicht die Einzige, die mir schon derartiges gesagt hat. Und nicht nur mir.

Nein, ich glaube nicht, dass Gott durch sie gesprochen hat. Ich bin nicht schuld daran, dass es da so ist, wie es ist. Ich habe getan, was ich konnte, aber wenn sich ein System nicht ändern will, kann ich nichts tun. Aber weil ich gehört habe, dass es auch Leute sind, die sich wünschen, dass Gott durch sie redet war ich skeptisch. Oh nein, was werden sie mir an den Kopf werfen? Ich kann es nun wirklich nicht gebrauchen, dass man mir erzählt, dass Gott meine Asexualität heilen wolle, dass Gott mich „ermutige“ Buße zu tun und wieder schön brav alles zu glauben, was die Leute aus den Freikirchen sagen und dass ich mich „frei fühlen dürfe“, dies und das zu tun. Das war meine Angst.

Naja, ein bisschen ist sie es immer noch. Ich weiß ja nicht, ob ich nicht verfolgt werde, über WhatsApp-Nachrichten, da meine Nummer weiter gegeben wird, nach wer weiß wohin, weil Gott es ihnen gesagt habe, dass ich zu Hause besucht werde und dass auf der Arbeit angerufen wird und dass ich wie Harry Potter im ersten Teil mit Briefen überrannt werde und dass die Welt um mich herum unter geht. PARANOIA!!!!!!! 😀 😀 😀 Ja, ich lache über mich selbst, merkste, ne?

Naja, zurück zum Thema. Ich wurde voll lieb aufgenommen, habe nichts von Zwängen oder Verkrampfungen gespürt. Es war einfach nur, gemeinsam zu essen, Kids liefen rum IMG_20170813_150019und nicht zu wenige, man hat gelacht und über Urlaub, gemeinsame Bekannte, Gemeinden und Arten, als Christ zu leben, und – zwischendurch auch – über Erlebnisse mit Gott geredet. OK, dass ausgerechnet ein Mann kurz ein Tischgebet gesprochen hat, hat mich schon zusammen zucken lassen, aber dann habe ich gedacht, komm, das kennst du doch, und du weißt auch, warum es so gemacht wird. Alles gut. Kannst du doch stehen lassen. Und das habe ich dann auch gemacht, bin stolz auf mich 😀 Und dass ich dann vor allen aufgefordert wurde, mich vorzustellen… war auch… denk dir was 😀 Ne, aber im Ernst, es war wirklich schön da, mit so einer Herzlichkeit fast wie ein Familienmitglied aufgenommen zu werden, obwohl ich die Leute maximal vom Sehen kannte. Und auch nach dem Essen, als wir uns ins Wohnzimmer gesetzt haben und das machen wollten, was man eben unter Christen macht, war ich zwar „auf der Hut“, aber bis auf eine Situation, wo ich einen Trigger hatte (wegen der Art zu sprechen bei einer Person, Stimmlage, Tonfall, Akzent zusammen) und kurz ins Nebenzimmer musste, ging es mir gut. Übrigens habe ich im Nebenraum auch dieses schöne Schild gefunden. Ist doch toll, oder?

Ich merke grade, dass es echt schwer ist, das in Worte zu fassen, was in meinem Kopf vorgeht. Ein seltsamer Mix. Wie gesagt, es war schön dort. Aber ich war wirklich die ganze Zeit auf der Hut, immer bereit, zu gehen, mich abzugrenzen, denn es ging schon sehr stark darum, sich Gott ganz hinzugeben. Dann war ich gleichzeitig vor mir selbst auf der Hut, denn ich kenne es schon, dass, wenn mich jemand verletzt oder wenn mich etwas verletzt, oder auch nur, wenn ich Angst davor habe, werde ich aggressiv. Ich bin ein Angstbeißer. Ich bin wirklich froh, dass niemand auf mich zu gekommen ist und mir einen persönlichen Eindruck weiter gegeben hat oder mir Gebet angeboten hat, denn das hätte ich in dem Moment wirklich bei aller guten Absicht nicht brauchen können. Zwischendurch hatte ich auch Angst, dass wir Abendmahl machen könnten, ich hab nur gebetet „Bitte, Gott, nicht! Das ist mir definitiv noch eine Nummer zu groß aktuell.“ Ich war froh, dass ich einfach nur dabei sitzen durfte, nichts musste, wenn ich etwas sagen wollte, durfte ich mich beteiligen, aber wenn nicht, war auch OK. Und das fand ich sehr hilfreich. Und es war ja nicht so, dass Gott nicht zu mir gesprochen hätte. Im Gegenteil, denn mich hat es schon am Anfang beeindruckt, dass die Kinder um Hilfe gebeten wurden, als es darum ging, Gott zu hören. Das kannte ich noch gar nicht. Sie wurden als gleiche unter gleichen mit einbezogen und in ihren geistlichen Fähigkeiten sehr ernst genommen. Und es waren wirklich tolle Kinder. Manche haben ein Bild nach dem anderen gemalt, andere haben sich bei den Instrumenten bedient, ein Mädchen hat gesagt, Gott wolle uns daran erinnern, dass er immer da ist. Awwwwwww! ❤ ❤ ❤ Und später, ich weiß gar nicht, wie es gekommen ist, aber auf einmal hat die Frau, die mich eingeladen hat, von der Geschichte mit Jakob erzählt, der mit Gott um Segen gekämpft hat und als Segen eine verletzte Hüfte bekommen hat. War sicher nicht die Art Segen, die er sich vorgestellt hat und man denkt doch immer, wenn Gott segnet, dann ist es (körperliche) Heilung. Aber hier war es nicht so. Und ich habe gedacht, ich weiß genau, IMG_20170813_152342was du meinst! Ich habe an meine Verletzung von letztem Jahr gedacht, und dass es bis heute nicht wieder ganz abgeheilt ist und auch nicht so aussieht, als würde es das. Aber dass es mich an den Segen erinnert, der sich daraus entwickelt hat und der viel größer ist als ein gesunder Fuß mit stabilen Bändern. Es war seelische Heilung, neue Erfahrungen, geheilte Beziehungen und das alles durch eine furchtbare Verletzung. Klingt komisch, ist aber so 😀

Naja, jetzt sitze ich hier, mit einem Glas Tee, nebenher lade ich ein Video auf Youtube hoch und überlege, was ich da heute erlebt habe und wie es mir dabei geht. Puh, eigentlich wollte ich gar nicht so viel schreiben, aber ich merke, jetzt, wo ich es in Worte gefasst habe – oder es wenigstens versucht habe, bin ich um einiges klarer. Schreiben ist so ein schönes Ventil.

5 Gedanken zu “Birds of paradise

  1. Inselines schreibt:

    Sei ermutigt, liebe Bithya. 🙂 Vielleicht möchte Gott Dir neue Freunde, bzw. eine geistliche Familie schenken? Mich haben die haltlosen Vorwürfe an meine ehemalige Gemeinde erinnert und auch die Beschreibung in einem anderen Beitrag von Dir. Danach wollte ich von Christen erst mal eine längere Zeit nichts wissen, bis ich in beruflich bedingt an einen neuen Wohnort und „christlichen“ Arbeitsplatz kam. Diese Christen waren völlig anders, als das was ich im Missbrauch erfahren hatte. Sie haben viel zur inneren Heilung beigetragen und sind aus meinem Leben nicht mehr weg zu denken, auch wenn ich schon wieder ganz woanders wohne.

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      • Inselines schreibt:

        Das meinte ich auch nicht. Ich habe bis heute keinen Zugang mehr zu einer Gemeinde gefunden und vermisse nichts. Was ich pflege sind Kontakte. Ich habe nichts gegen Gemeindezugehörigkeit, nur wenn ein Kult daraus gemacht und das als Voraussetzung für geistlichen Wachstum angesehen wird, das halte ich für Quatsch. Den geistlichen Tiefgang kann eine Gemeinde gar nicht leisten, das findet bei mir in Gesprächen mit Freunden, über Literatur, Gebet und Dienst statt. 😉

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      • bithya85 schreibt:

        Das seh ich genau so. Da sind wir uns ähnlich. Ich habe einige Freunde aus unterschiedlichen Settings, hier aus der Nähe, manche aus charismatischen Kreisen oder evangelikal-konservativen, oder kirchlichen. Manche sogar auch wie ich ohne feste Gemeinde. Und dann die, die ich über Internet kennen gelernt habe, die anderen Hossa-Hörer, Worthaus-Fans und euch hier 🙂 Mit einigen schreibe ich stundenlang über Facebook, obwohl ich sie noch nie live gesehen habe. Das tut gut. Und das ist für mich auch ein Teil Gemeinde. Wobei: Hier in der Nähe gibt es eine FeG, die auf mich einen sehr guten Eindruck gemacht hat, nicht zu eng und nicht zu groß und sehr bodenständig. Da versuche ich im Moment sehr vorsichtig, ein wenig Fuß zu fassen. Mal sehen, wie es sich entwickelt, ich will da auf keinen Fall etwas überstürzen.

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  2. Inselines schreibt:

    Ja, die Ähnlichkeiten sind nicht zu übersehen. 😉

    Ich war vor gar nicht so langer Zeit bei Freunden in ihrer Heimat-FeG zu Besuch. Mir hat es dort beide Male gut gefallen und das tat auch deshalb richtig gut, weil ich es eher anders erlebe. Es gab im Großen und Ganzen nichts zu beanstanden. Das was mir weniger gefiel, konnte ich als meine eigenen Triggergefühle gleich richtig zuordnen und brauchte es deshalb nicht zu bewerten. Dennoch spürte ich dass ich nicht heimisch werden würde und der Gedanke kam mir, dass ich mich wohl nie mehr wieder in einer Gemeinde so heimisch fühlen werde, weil ich einfach zu viel erlebt habe in meiner ersten Gemeinde. Ich habe es anschließend über Jahre bis zum Abwinken versucht und bin in die verschiedensten Gemeinden gegangen.

    Als ich meiner FeG-Freundin erzählte dass ich wohl in keiner Gemeinde mehr Mitglied sein werde, was nicht heißt dass ich mir nicht vorstellen könnte Gottesdienste oder Hauskreise (auch verbindlich) zu besuchen, meinte sie zu mir dass ich doch ausreichend geistliches Leben lebte, draußen und mit meinen Kontakten und übers Internet und mir den Input holen würde, denn ich bräuchte. Diese FeG arbeitet übrigens an einem Konzept wie sie die Predigten in die Wohnzimmer und/oder Kneipen bringen kann, einfach aus Platzmangel. Ich denke viele Menschen haben ihre eigene persönliche Geschichte oder Behinderung (ich beziehe mich mit ein) weshalb sie nicht in Gemeinde gehen (können) und dennoch dienen sie Gott auf ihre Weise.

    Natürlich hat Gemeinde erst mal einen evangelistischen Zweck und soll den Menschen dienen. Aber darüber hinaus kann sie auch einen Ort der Heimat sein oder Familienersatz, ist es Anlauf-/Tankstelle wenn ich mal wieder mehrere Christen auf einen Fleck erleben möchte. 😉 Ich finde es völlig legitim dass das jeder für sich selbst entscheiden und empfinden darf. Gott wirft keinen aus seinem Garten, der sich aus was für Gründen auch immer darin aufhalten möchte.

    Ich werde hellhörig wenn Gemeinde beginnen Forderungen an die Menschen zu stellen, die zu ihnen kommen. Ich frage mich dann vielmehr wie viel bzw. wenig sie Gottes Geist zutrauen.

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