Sternchen und ich *Trigger!*

iu0S8IADSNIch weiß nicht genau, wann ich sie das erste mal getroffen habe, aber das muss so Ende 2012 in einem christlichen Forum gewesen sein. Sie nannte sich „Sternchen“. Ihr ging es schlecht, sie wurde missbraucht, misshandelt, seit ihrer Kindheit an und ihre Hochsensibilität hat alles auch nicht besser gemacht. Ich habe auf ihre Beiträge geantwortet, habe mich ein bisschen zuständig gefühlt. Es ging ganz viel darum, wie sie den Tag überstehen kann, wie sie mit ihren Trigger-Momenten fertig wird, mit ihrer Trauer und Wut über das Gewesene, darum, dass sie mit jemandem reden musste und um die Frage, warum Gott das alles zulässt. Und es war viel, was er bei ihr zugelassen hat. Offensichtliches Nicht-Willkommen-Sein bei den Eltern seit ihrer Geburt, sexuellen und emotionalen Missbrauch in der Familie und Amnesie, psychische Erkrankungen, angefangen bei Depressionen bis zu komplexer PTBS, wenn ich mich richtig erinnere, spielte auch geistlicher Missbrauch eine Rolle, Arbeitslosigkeit bzw. Arbeitsunfähigkeit, Schwierigkeiten mit dem Sohn… . Wir haben sehr viel in diesem Forum geschrieben und nach einiger Zeit uns gegenseitig auch erkannt, als wir nur anonym geschrieben haben. Und wir waren beide zu der Zeit sehr viel in diesem Forum. Das Ganze ging oft im Minutentakt, kaum hatte ich eine Antwort geschrieben, hat sie wieder reagiert und ich habe sofort wieder geantwortet. Und das über Wochen. Dann hat sie angefangen, mir E-Mails zu schreiben, die teilweise sehr lang und sehr persönlich waren. Ich habe mich echt geschmeichelt gefühlt, dass sie ein so großes Vertrauen zu mir hatte und wollte es auch nicht enttäuschen. Ich hatte den Eindruck, dass Gott sie mir anvertraut hat, damit ich ihr mit meiner Ausbildung, meinem Wissen, meiner Art und meiner Zeit, die ich hatte, helfen konnte. Gut möglich, dass es auch so war und dass ich ihr auch geholfen habe. Jedenfalls hat sie das oft genug geschrieben. Dass sie so froh sei, dass ich ihr zuhöre und dass ich ihr so gute Gedanken schreibe und so. Bis zu „Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde.“

Was soll ich sagen? Eigentlich hätte ich spätestens die Reißleine ziehen sollen, als sie immer öfter diesen Spruch geschrieben hat. Ich habe ihr mehrmals geschrieben, dass ich mich überfordert fühle und sie eigentlich eine richtige Psychotherapie braucht, aber sie meinte, ich mache das sehr gut und eine Therapie könne ihr auch nicht helfen. Also habe ich weiter gemacht. Vielleicht hätte ich auch von Anfang an nicht so viel schreiben sollen. Aber ich war nahezu arbeitslos und wusste nicht, was ich mit meiner Zeit tun sollte. Außerdem hatte ich selber Probleme genug und musste mich ja irgendwie ablenken. Außerdem war ich schlicht und einfach sehr naiv, hatte es noch nicht gelernt, Grenzen zu ziehen und kannte meine Grenzen auch nicht. Und ich wusste auch noch relativ wenig über gewisse Mechanismen, die in solchen „Beziehungen“ entstehen, trotz meiner Ausbildung. Das hätte mir damals keiner sagen dürfen, aber es war so. Von der Theorie etwas zu wissen ist eine Sache, aber es in der Praxis zu erfahren eine ganz andere. Ehrlich gesagt habe ich durch diese Beziehung zu Sternchen tatsächlich sehr viel über diese Mechanismen gelernt. Wenn auch auf die harte Tour. Aber naja, eins nach dem anderen.

Nachdem wir eine relativ kurze Zeit uns E-Mails geschickt haben, ging es über Skype weiter. Erst etwas zögerlich, aber dann wurde es immer mehr und immer intensiver und exzessiver. Sie hat mir oft immer wieder über Stunden dasselbe geschrieben, ihre Horror-Geschichten, ist teilweise sehr ins Detail gegangen und ich habe ihre Emotionen so stark gespürt als wären es meine eigenen. Zu der Zeit wusste ich noch nicht, dass ich auch hochsensibel bin. Ich merke grade, dass es ganz schwer ist, das in Worte zu fassen, was zu der Zeit passiert ist, wie es sich entwickelt hat. Aber stell dir mal vor: Da ist jemand, mit dem du dauernd in Kontakt bist, über Computer, du hast ein Fenster im Internet auf für das Forum, dann hast du ein Fenster für die E-Mails auf und eins für Recherchen, dann noch Skype. Und alle paar Minuten gibt es einen neuen Forenbeitrag und alle paar Sekunden eine Skype-Nachricht, in der es darum geht, dass diese Person so einen Arsch voll Probleme hat und mit denen nicht mal ansatzweise klar kommt. Und du siehst es als deine Aufgabe an, sie darin zu unterstützen, mit sich Frieden zu schließen und ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Du hörst dir ihre Geschichten an, zeigst Empathie, dann rattert in deinem Kopf das Gelernte durch und dir kommen die Gedanken, was ihr helfen könnte. Dann schreibst du ihr das, recherchierst im Internet nach Genauerem und gleichzeitig beantwortest du noch ihre neuen Forenbeiträge.

Und das nicht nur ein oder zwei Stunden am Tag. Das war am Anfang vielleicht so, aber es wurde immer mehr. Zu den krassesten Zeiten bin ich morgens vom Skype geweckt worden und habe in einer Tour mit ihr durch geschrieben bis spät nachts, zwei oder drei Uhr. Ich glaube, es hat sich da wirklich sehr schnell eine Art therapeutische Beziehung entwickelt, eine „Art“, weil ich glaube, keine gesunde therapeutische Beziehung wird so intensiv und distanzlos. Wie gesagt, teilweise von morgens bis abends. Ich habe mit ihr Tests gemacht, bei denen eine dicke Depression bei ihr und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung bei ihrer Mutter raus kam. Klar, habe ich ihr gesagt, dass ich keine Diagnose erstellen konnte, aber sie meinte, dass es ihr schon hilft, dass die Sache einen Namen hat und dass sie nicht alleine ist. Dann hat sie mich gefragt, was sie tun kann und ich habe im Internet gesucht, nach Selbsthilfe bei Depressionen und auch einiges gefunden, was ich ihr weiter geben konnte. Blöd nur, dass bei fast allem irgend etwas war, was es ihr unmöglich gemacht hat, es zu versuchen, kaum einen Tipp konnte sie annehmen und umsetzen. Ob es tatsächlich so große Hindernisse gab oder es an ihrer Depression lag, weiß ich nicht. Aber Tatsache war, dass ich auch immer frustrierter wurde, weil scheinbar gar nichts half und auch, wenn sie nach Gott gefragt hat, konnte ich ihr immer weniger sagen. Andererseits half schon manchmal eine Kleinigkeit, dass sie himmelhoch jauchzend war, völlig euphorisch, dann aber schnell wieder zu Tode betrübt, wenn etwas nicht ganz so lief, wie sie es gerne hätte. In ihrer Beziehung zu Gott war sie auch sehr ambivalent, an einem Tag wollte sie wieder neu mit ihm durchstarten, erwartete alles von ihm, aber wenn dann nicht sofort spektakuläre Wunder passiert sind (von denen es aber ab und zu doch welche gab) hat sie ihn sofort wieder fallen lassen und ihn beschimpft, sie nur quälen zu wollen. Ja, ich weiß, wonach es sich anhört, aber wie gesagt, gegen eine Therapie hat sie sich komplett gesperrt. Wo ich dann aber hartnäckig geblieben bin war, dass sie verdammt noch mal wenigstens zum Arzt gehen soll, weil sie so fertig war, dass auch zehn Bithyas ihr auf diese Weise nicht weiter helfen konnten und ich hatte da schon nicht mehr geglaubt, dass Gott einfach auf Knopfdruck alle Probleme Hokus-Pokus beseitigt. Wie lang das gedauert hat, bis sie mal zum Arzt gegangen ist! Und dann war immer die Frage, ob sie die Medikamente auch nimmt, die er ihr verschrieben hat. Antidepressiva wirken eben nicht von heute auf morgen. Immer wieder hat sie sie abgesetzt und mir gesagt, sie helfen ja doch nicht. Und immer wieder musste ich sie überreden, es noch mal zu versuchen.

Der Knall war, als sie angefangen hat, mit Selbstmord zu drohen. Was sollte ich bitteschön über Skype jemandem schreiben, um ihn von Selbstmord abzuhalten? Ich wusste zwar inzwischen ihren richtigen Namen und ihren Wohnort, aber hinzufahren war keine Option für mich, das wäre mir dann doch zu weit gegangen. Ich weiß nicht, wie das Ganze gut gegangen ist, ich habe eh schon wie die Irre gebetet, und dann habe ich auch angefangen, immer wieder zu sehen, ob sie ein Lebenszeichen von sich gegeben hat und versucht, schon die kleinsten Ziele festzulegen, damit sie wenigstens bis zum nächsten Tag durchhält. Und sei es auch nur, zu erfahren, was für eine Note ihr Sohn in der Mathearbeit hat oder das nächste Essen zu machen. Ich dachte, wenn sie so lange mit Kleinigkeiten durchhält bis sie wieder zum Arzt geht kann der ihr helfen… .

Das Seltsame war, dass ich es in dieser Zeit gar nicht als so belastend für mich empfunden habe. Ich habe eben noch einen ganz alten Text von mir gelesen, den ich zu der Zeit geschrieben habe und es hat mir seltsamerweise zu dieser Zeit nur wenig ausgemacht, jedenfalls die meiste Zeit. Aber im Nachhinein merke ich, wie ungesund es auch für mich war, schon alleine weil ich keine Supervision hatte. Bei so Geschichten braucht man doch Supervision! Damit man selbst klar kommt und eine gesunde Distanz wahren kann, denn es hätte auch anders ausgehen können und was ich dann gemacht hätte, weiß ich nicht.

Jedenfalls hat sie letztendlich überlebt, auch wenn wir kurz danach den Skype-Kontakt abgebrochen haben. Nach zwei Jahren oder so habe ich nämlich noch einmal kurz mit ihr geskypt, da wusste ich, dass sie lebt und es ihr wieder etwas besser geht.

Geig mir deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s