Schwer erziehbar und ambivalent

Es gibt Zeiten, da mag ich mich gar nicht. Und das hat nichts mit einem pathologischen Selbsthass oder pseudodemütiger Selbstkasteiung zu tun.

Ich weiß, dass ich gute Eigenschaften und Stärken habe. Ich bin kreativ und fantasievoll, kann anständig schreiben, Stimmungen erspüren und bin einigermaßen intelligent.

Aber ich bin auch chaotisch, selbstzentriert, manchmal manipulativ, eingebildet, super verpeilt und projiziere solche Dinge, die ich an mir nicht mag, auf andere. Und ich neige zum Übertreiben und vorschnellen Handeln, ohne nachzudenken. Und das kann ich an mir nicht leiden!

Es gibt Zeiten, an denen ich mich stark genug fühle, Bäume auszureißen und die Welt aus den Angeln zu heben. Das läuft auch oft gut, ja. Aber manchmal geht es auch nach einiger Zeit ganz gehörig nach hinten los. Dann ignoriere ich die feinen Verflechtungen unter der Oberfläche und geißele Symptome bis zur Erschöpfung und ignoriere das eigentliche Problem. Dann gebe ich vorschnelle Ratschläge anstatt zuzuhören, wo das eigentliche Problem liegt. Dann brauche ich nur ein Reizwort zu hören, um aktiv zu werden und nach Gerechtigkeit zu schreien, ohne darüber nachzudenken, dass das Problem, das die Gerechtigkeit verhindert, eigentlich viel tiefer liegt. Oder ich sehe Probleme, wo keine sind und die Probleme, die wo anders sind, sehe ich nicht. Aber die Welt aus den Angeln heben! Es darf gelacht werden.

Dabei will ich doch ganz anders sein. Ich will die Liebe Gottes in die Welt tragen. Ich wünsche mir, dass andere durch mich etwas näher zu Jesus kommen, dass Menschen durch das, was ich schreibe, sage und tue geholfen wird. Ich möchte Gutes tun. Ich möchte Kat, soweit ich es kann, unterstützen, gut für ihren kleinen Sohn zu sorgen, ob es jetzt Fachwissen oder, wenn es dran ist, Babysitten oder praktische Hilfe ist. Ich möchte Fil, die ähnliche Trauma wie ich erlebt hat, beistehen, wenn sie wen braucht. Ich möchte, dass meine Freunde, die in einer menschenverachtenden und zwanghaften Denk- und Glaubensweise festsitzen ab und zu Impulse geben, die sie freier machen. So, wie andere mich freier gemacht haben. Ich möchte anderen mit meiner Art und meinen Fähigkeiten helfen können. Und dann denke ich an das, was ich oben geschrieben habe und frage mich, ob ich überhaupt dazu fähig bin. Oder ob es nicht auch nach hinten los geht.

Ich weiß, dass ich bei Gott Hilfe finde. Klar, und ich weiß auch, dass er mir helfen möchte. Aber dann fühle ich mich so… ja… wie soll ich sagen? Es kommt manchmal vor, dass ich, grade dann, wenn ich ihn am nötigsten brauche und ihn am meisten nahe sein will, denke „Bleib mir vom Leib.“ Grade dann habe ich Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen. Verrückt? Dumm? Ich frage mich, woran das liegt. Noch vor zwei Jahren hätte ich es mit Dämonen erklärt. Aber so einfach will ich es mir nicht mehr machen. Es käme mir vor wie, wenn ich eine äußere Macht für meine Probleme verantwortlich mache und so vor meinen eigentlichen Problemen davon laufe. Es muss wohl etwas in meiner Psyche, in meinem Unterbewussten sein, das es mir erschwert, grade dann zu Jesus zu kommen, wenn es am Nötigsten ist. Aber ich glaube, ein öffentlicher Blog ist nicht die passende Stelle für eine tiefenpsychologische Analyse.

Trotzdem möchte ich Gottes Hilfe annehmen. Ich meine, ich merke eigentlich immer, oft erst im Nachhinein, dass er für mich da ist und mich unterstützt, wenn ich in Schwierigkeiten bin oder Angst habe oder wenn sonst etwas ist. Ich habe gemerkt, dass zum Beispiel der Bänderriss, von dem ich erst gedacht habe, dass er ein Angriff des Feindes ist, eigentlich mit das Beste war, was mir passieren konnte, denn durch ihn habe ich einiges gelernt (ich würde gerne schreiben, was ich gelernt habe, darf es aber nicht, weil ich dann eine Person erwähnen müsste, die das nicht möchte. Versteh das bitte.) und meine Angst vor Nadeln, die die Thrombose-Spritzen in der akuten Phase für mich zu einem Horror-Trip gemacht haben, hat dafür gesorgt, dass ich in einer Rekordzeit wieder laufen konnte. Der Arzt hat sich kaputt gelacht und meinte, in Zukunft würde er allen Patienten Angst vor den Spritzen machen, damit die genauso schnell wieder fit werden. Ich glaub aber nicht, dass er das wirklich macht. Obwohl… . 😀

Wie dem auch sei, wenn ich mir das so angucke denke ich, hey, jetzt lass mal deinem Unterbewusstsein eine Pause und bitte Jesus endlich mal um Hilfe, wenn du welche brauchst! Er ist doch dein Freund, oder? Und jeder menschliche halbwegs gute Freund würde versuchen, dir zu helfen, wenn er es kann. Also warum sollte er es nicht tun?

2 Gedanken zu “Schwer erziehbar und ambivalent

  1. inselines schreibt:

    Es ist wie wenn mir ein Spiegel vorgehalten würde. Ich habe diesen Beitrag jetzt schon mehrfach gelesen und gedacht: „Schön, dass ich nicht die Einzige bin..“ 😉 Ich finde mich in Deiner Aufzählung zu 95% wieder.

    „Nur“ eine kleine Anekdote. Die Begebenheit liegt bereits einige Jahre zurück, als ich wieder mal verzweifelt darüber war, dass ich bin, wie ich bin. In meinem Seufzen darüber vor Gott, während ich alle meine chaotischen Eigenschaften (Sturheit, Disziplinlosigkeit, Schwäche, Eigensinn..) aufzählte, sagte ich auch: „… wie willst Du damit nur fertig werden..“ Das meinte ich ernst, ich hatte wenig Hoffnung darauf.

    Plötzlich, innerlich LAUT, klar und deutlich: „Sei bloß nicht so eingebildet!“

    Leicht erschrocken, während ich noch darüber nachdachte, ob das wirklich Gott sein konnte, der so harsch mit mir spricht, der zweite Teil, des Saztes:

    „Du stellst keine besondere Herausforderung für mich dar.“

    Ich bin sinnbildlich fast vom Stuhl gekippt vor Lachen, eine Zentnerlast fiel von mir. Gott hat mir mit der Sprache die ich verstehe: „Direkter Humor“, zu verstehen gegeben, wie unnötig solche Gedanken waren und mir sogleich wieder Vertrauen in mein Herz geschüttet. Ich war an diesem Tag wie umgewandelt in einem Augenblick.

    P. S.: „Aber ich glaube, ein öffentlicher Blog ist nicht die passende Stelle für eine tiefenpsychologische Analyse.“

    Doch! Genau hier gehört sie hin. 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. bithya85 schreibt:

    „Sei bloß nicht so eingebildet! Du stellst keine besondere Herausforderung für mich dar.“ Hey, das passt so zu ihm! Und ich fall auch grad vor Lachen vom Stuhl. Made my day! 😀

    Gefällt mir

Geig mir deine Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s