Buchvorstellung 3 – Gesichter der Gewalt

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Gesichter religiösem Missbrauchs in unterschiedlichen Settings

In diesem Kapitel werden sehr viele Fallbeispiele genannt. Weil es aber sonst zu viel würde (Dieses Kapitel hat im Buch über 50 Seiten!) lass ich die komplett raus und stelle nur einige Links zu ähnlichen Geschichten rein. Es bleibt auch so noch lang genug. Ich hoffe, es wird dadurch nicht zu trocken, denn es geht größtenteils um die konkreten Erscheinungsformen von geistlichem Missbrauch.

Noch was in eigener Sache: Mir ist aufgefallen, dass ich bisher oft von Opfern und Tätern gesprochen habe. Ich möchte versuchen, das abzustellen, denn ich möchte weder jemanden stigmatisieren und so in seinem Verhalten bekräftigen noch den Eindruck erwecken, es sei immer eindeutig festzustellen, wer Täter und wer Opfer ist. Deswegen werde ich jetzt eher vom Missbraucher und vom Betroffenen sprechen. Hoffe, das ist etwas angemessener.

Geistlicher Missbrauch kann in jedem geistlichen Setting vorkommen, dem entsprechend vielfältig sind auch die Erscheinungsformen. In einer Landeskirche wird es anders aussehen als in einer Familie. Allen gemeinsam ist aber, dass der Missbraucher sich auf die Bibel beruft, ihre Aussagen verdreht und im Namen Gottes glaubt zu handeln und meist keine Ahnung hat, was er da eigentlich tut. Hier soll es jetzt um die Beschreibung unterschiedlicher Dynamiken gehen, nicht um eine Wertung oder Verurteilung der Missbraucher.

Es ist wichtig, genau hinzuschauen und das geschehene Unrecht beim Namen zu nennen. Bei allem Guten in herkömmlicher Literatur und in Predigten: Oft werden Betroffene vorschnell aufgefordert, zu vergeben, ohne dass sich um die Sünde gekümmert wird, die an ihnen begangen wurde. Vielleicht wird sogar mit einem Vorwurf reagiert, wenn sie nicht sofort vergeben können/wollen oder es wird gesagt, sie seien ja auch nicht besser, denn alle seien ja Sünder. Aber bei solchen Verletzungen ist mal mindestens eine Entschuldigung fällig.

Häufige Beispiele

    1. Vermittlung falscher Gottesbilder: Welches Gottesbild wurde verbal und nonverbal vermittelt? Das eines liebenden Vaters oder das eines gestrengen Richters? Ein empathischer Gott oder ein emotional ferner Gott? Hilft mir das Gottesbild, ihn, mich und meine Mitmenschen zu lieben oder macht es mir Angst? Beispiel für Letzteres: Dieses Lied Pass auf, kleines Auge!
    2. Gesetzlichkeit/eigene Leistung/Verhaltensorientiertheit: Auf Menschen wird Druck ausgeübt, sich regelkonform zu verhalten, egal, wie es in ihnen aussieht: The Show must go on. So wird das Verhalten wichtiger als der Mensch und die Liebe, Annahme und Bedeutung werden daran festgemacht. In Galater 3,1-14 prangert Paulus diese Haltung an. Beispiel: (auch für Punkt 4) Mashas Geschichte mit den ZJ
    3. Vereinnahmung durch elitäres Denken: „Der Zweck heiligt eben die Mittel, denn es geht um eine wichtige Sache. Da muss man schon mal Opfer bringen. Aus großer Kraft folgt große Verantwortung und wenn Gott uns so segnet, sind wir eben was Besonderes und haben eine besonders große Verantwortung.“ Dieses Denken wird teilweise noch unterstützt von Leuten von außerhalb, die diese Gruppe in den Himmel loben, ohne sie wirklich zu kennen. Sie sehen nur die vielen Dienste, die entstehen und dass sich die Leute sehr einbringen. Dass aber Menschen ausbrennen und sich immer noch mehr einbringen müssen, das sehen sie nicht. Betroffene werden so in ihrer Wahrnehmung verunsichert und denken, sie stellen sich nur an. Außerdem wird narzisstisches Denken gefördert. Und wenn man eine solche Gruppe verlässt, bedeutet das für die Betroffenen meist auch ein Herausfallen aus Gottes Gunst. Also müssen sie sich zwischen seelischer Gesundheit und Gott entscheiden.
    4. Unangemessene Bevormundung: Es wird extremster Wert auf Unterordnung gelegt, Rat und Meinungen von Leitern gewinnen immer mehr Bedeutung und man kann irgendwann gar keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, ohne sie vorher mit dem Leiter abgesprochen zu haben. Es geht hier nicht um das Austauschen über Glaubensthemen sondern um Kontrolle. Beispiele: „Gott hat mir gesagt, ihr sollt heiraten.“, „Zieh in die Wohnung neben der Gemeinde ein. Dann kannst du viel besser dienen.“, „Du brauchst keine solide Ausbildung, sorge lieber dafür, dass du Gott (hier: der Gemeinde!) so schnell wie möglich möglichst viel dienst.“, „Widersprich mir nicht, das ist Rebellion!“ Beispiel für Punkt 3 und 4: Doku über Lebensquelle Osnabrück
    5. Menschen klein halten: Du darfst nicht weiter sein als dein Leiter! Du darfst nichts können was er nicht kann. So kannst du nicht dein volles Potential entfalten. Wenn du es doch versuchst, werden entweder deine Motive infrage gestellt („Du stellst dich aber sehr in den Mittelpunkt!“) oder es wird an deine Demut appelliert („Der Weg nach oben führt zunächst immer nach unten!“) Hier geht es nicht darum, Christen zur Hochmut zu ermutigen, aber man muss seine Gaben ausleben können, die man von Gott bekommen hat und es geht nicht, dass man über Jahre vertröstet wird und praktisch nur in der Warteschleife lebt.
    6. Willkür: Beispiel: Von Kanzel verflucht und Mobbing

      „Manche missbräuchlichen Leiter, die durch Willkür die Grenzen anderer verletzen, nehmen es sich heraus, über das Leben von Menschen zu verfügen und es zu bestimmen, wie es ihnen grade passt.“ Tempelmann 2007, S. 71

    7. Bevormundung und Beschämung von Menschen in ihrem Heilungsprozess: Menschen mit Schwierigkeiten werden noch zusätzliche Lasten auferlegt oder ihnen wird die Schuld für ihre Krankheit gegeben. („Du bist krank weil Sünde in deinem Leben ist.“ „Du glaubst nicht genug, betest nicht genug, sonst wärst du schon geheilt!“) Es wird getan, als gäbe es Patentrezepte, die IMMER funktionieren, ohne auf die jeweilige, individuelle Geschichte der leidenden Person zu schauen. Oder es dürfen nur bestimmte Formen von Hilfe (wenn überhaupt!) angenommen werden: Nur innerhalb der Gemeinde zum Beispiel, oder auf keinen Fall Psychiater. Ein krasses Beispiel: Ein Exorzismus jagt den nächsten
    8. Macht- und Autoritätsansprüche aufgrund eines Amtes oder einer Position: Es wird eine Leitungsaufgabe nicht als eine von vielen gesehen, sondern allen anderen übergeordnet. Es geht so weit dass der Leiter mit Gott gleichgesetzt wird: Wer ihm misstraut, misstraut Gott und wer ihm widerspricht, widerspricht Gott. Das ist leider in Freikirchen extrem weit verbreitet. Als ich das gelesen habe ist mir echt bewusst geworden, dass ich gar nicht weiß, wie eine „normale“, gesunde Leiterschaft aussieht. Ich hab mich immer nur gewundert, dass ich kaum fähig bin, mit Vorgesetzten, Leitern etc. angemessen umzugehen. Dass es in der Kirche, in die ich ab und zu gehe anders zugeht war für mich immer ein echtes Phänomen. Beispiel: Quarks und Co über Lüdenscheid
    9. Kritikverbot, Zwang, Probleme totzuschweigen: Kritisches Denken und Hinterfragen von Sichtweisen oder Traditionen ist unerwünscht, spricht man ein Problem an, ist man selber das Problem. Austauschen von Schwierigkeiten wird als negatives Reden oder Tratsch abgeblockt.
    10. Vernachlässigung bestimmter Fürsorgepflichten oder geistlicher Verantwortung, die man übernommen hat: Manche geistlichen Leiter geben ihr Einverständnis für alle Projekte, jeden Dienst, den eine Person übernehmen will, ohne darauf zu achten, dass er vielleicht damit überfordert ist. Hauptsache, es läuft viel. Es kann auch so aussehen, dass die Mitarbeiter nicht ausreichend begleitet werden und völlig auf sich alleine gestellt sind.
    11. Übergriffe in Seelsorge und Beratung: Ratsuchende Menschen können sich nicht entfalten, ihnen werden Dinge übergestülpt, sie können nicht ihren Weg mit Gott finden, sondern müssen dem Weg des Seelsorgers gehen. Ich kenne zum Beispiel eine Person, die Seelsorge in Anspruch genommen hat und es Gott sei Dank schnell abgebrochen hat: Nachdem nicht sofort Fortschritte zu sehen war, ist die Seelsorgerin ausfallend geworden und als sie meine Bekannte einige Sonntage nicht im Gottesdienst gesehen hat (der gar nicht von ihrer Gemeinde war, Seelsorgerin und Bekannte hatten unterschiedliche Gemeinden) kamen schwere Vorwürfe und es wurde gesagt, dass sie selbst Schuld sei an ihren Problemen, dass sie Gott nicht machen lassen würde und dass die Seelsorge unter diesen Bedingungen keinen Sinn habe.
    12. Missbrauch mit der Bibel: Es werden zum einen biblische Begriffe umgedeutet: Das Reich Gottes steht beispielsweise vor Allem für das missbräuchliche Setting, Rebellion gilt als Kritik, die geäußert wird oder als nicht funktionieren, Vergebung heißt „unter den Teppich kehren“, Glauben heißt, selbst das Bescheuertste zu tun, was von einem verlangt wird und Dienen bzw. Hingabe heißt, sich ausnutzen zu lassen. Das Perfide daran ist, dass Außenstehende den Missbrauch kaum bemerken, weil es nur offensichtlich wird, wenn man die abgewandelte Bedeutung kennt. Und wenn man sie kennt, ist man oft zu sehr drin als dass man es Missbrauch nennen kann. Und zum anderen werden biblische Aussagen komplett aus dem Zusammenhang gerissen und unsinnig angewandt. Wer den Leiter kritisiert, dem wird ein „Taste den Gesalbten des Herrn nicht an!“ gegen den Kopf geworfen oder wenn Menschen die Gemeinde wechselt, weil sie den Druck nicht mehr aushalten heißt es „Gott trennt die Spreu vom Weizen.“
    13. Missbrauch von Prophetie und anderen Gaben:

„Hier geht es um das Phänomen, dass Christen Gaben dazu missbrauchen, andere in eine bestimmte Richtung zu drängen. Entweder versuchen sie, ihre eigenen Ansichten auf diese Art durchzudrücken oder sie empfangen etwas, von dem sie tatsächlich meinen von Gott zu bekommen, wenden es aber in einer unangemessenen, den anderen bevormundenden Weise an.“ Tempelmann 2007, S. 91

Deswegen ist es umso wichtiger, dass in Gemeinden über Geistesgaben und den richtigen Umgang damit aufgeklärt wird.

Spiegelfenster

Missbrauchssysteme sind wie Spiegelfenster: Von außen kann man kaum erkennen, was drinnen wirklich abgeht. Das liegt zum einen an der umgedeuteten Sprache, aber auch zum anderen daran, dass parallel sehr viel Gutes geschieht. Darum wird der Missbrauch schnell mit der Begründung, dass keine Gemeinde perfekt sei vom Tisch gewischt. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen dem „menscheln“ und Machtmissbrauch. Das Gute, was hier passiert, hat darum auch etwas sehr Tragisches: Der Missbrauch wird entschuldigt und es wird gesagt, wo gehobelt wird, fallen Späne. Dabei ist es nicht ausschlaggebend, ob es sich bei der Gemeinde um eine Sekte oder eine biblische Gemeinde handelt. Die Dynamiken unter der Oberfläche sind die gleichen.

Dieses Kapitel zu lesen war einerseits hochinteressant und aufschlussreich, wenn ich meine eigene Geschichte mit christlichen Gemeinden anschaue. Ich würde immer noch nicht sagen, dass ich missbraucht wurde, nein. Aber es gibt definitiv Situationen, Stellen und Settings, die in diese Richtung gehen. Vielleicht bin ich auch nur deshalb vom Missbrauch verschont geblieben weil Gott mich nicht in eine spezielle Gemeinde gestellt hat. Ich gehe in viele verschiedene Gruppen und Gemeinden und habe so immer ein Korrektiv. Dafür bin ich Gott sehr dankbar. Andererseits war das Kapitel sehr, sehr lang und vollgestopft mit Informationen. Es fiel mir teilweise schwer, bei der Sache zu bleiben, weil es so viel Stoff war. Trotzdem sehr empfehlenswert.

Hier geht’s weiter: Buchvorstellung 4: Absprung nicht geschafft?

4 Gedanken zu “Buchvorstellung 3 – Gesichter der Gewalt

  1. inselines schreibt:

    Hallo Bithya85,

    ohne Deinen Entschluss in Frage stellen zu wollen, es ist gut dass man sich dessen bewusst ist dass manche Täter auch Opfer sind und dadurch erst zu Täter wurden. Wichtig finde ich dennoch, dass man diese Unterscheidung nicht von Opfern erwartet, weil ihr primäres Recht ist, erst mal als Opfer wahrgenommen zu werden UND den Täter als das zu sehen was er ist: Täter. SEINE Geschichte hat mir der Opfergeschichte erst mal nichts zu tun und kommt viel, viel später.

    Etwas was Du nicht machst, aber mir gerade dazu einfällt, ist, wenn die Folgen solcher Missbrauchserfahrungen unterschätzt werden und viel zu früh davon gesprochen wird, dass das Opfer aus seiner Opferrolle heraustreten muss. Diese Forderung kommt nicht selten von überforderten und leider auch kompetenten Menschen. Wenn die nicht verheilten Verletzungen fälschlicherweise als eine Haltung diagnostiziert werden, dann ist das zusätzlich Salz in die Wunde. Denn Heilung braucht Zeit, manchmal Jahre. Bei einem Beinbruch würde auch keiner gutheißen, wenn man vorzeitig das Bein belastet und zu Laufen beginnt, aber Missbrauchsopfer sollen bitte wieder zurück in die Gemeinden, den Ort, wo sie vergewaltigt wurden. Ich wähle das Wort bewusst.

    So, nur meine Gedanken, ich bin ganz bei Dir, das liest sich nur nicht immer so. 😀

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    • bithya85 schreibt:

      Du hast absolut recht, Ines. Ich verstehe Frau Tempelmann hier auch so, dass sie dieses Kapitel und auch einige andere in erster Linie an interessierte Menschen schreibt, die nicht unbedingt selber Opfer sind. Deswegen muss sie auch vieles erklären, was du zum Beispiel aus eigener Erfahrung weißt. Und ich glaube, deswegen kommt auch diese Erklärung, die gerade erst Entkommenden nicht helfen kann. Es tut mir leid, dass du das lesen musstest. Sei erstmal Betroffene, nimm dir Zeit für deine Heilung. Die hast du. Gott gibt dir alle Zeit, die du brauchst. Wenn man von dir erwarten würde, wieder zurück zu gehen an den Ort, an dem du so schwer verletzt wurdest ist das absolut unangemessen. Das wäre als würde man einen von einer Schlange gebissenen in eine Tonne mit dieser Schlange stecken.
      Aber danke für deine Rückmeldung. Vielleicht sollte ich für manche Buchvorstellungen eine Triggerwarnung aussprechen. Ich werde nochmal drüber lesen.

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  2. inselines schreibt:

    Dankeschön Bithya85. 🙂 Also ich denke, wenn Du ganz offensichtlich über ein Missbrauchs-Buch referierst, dann erübrigt sich eine Trigger-Warnung. Das sollte jedem klar sein, dass das triggern kann. 😉 Alles richtig gemacht! Und Deine Ergänzungen decken sich ganz oft mit meinen Gedanken. LG!

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