Was ich in Gebetsstunden mache

Zum Beispiel heute. War noch mal in der Gebetsstunde einer Gemeinde, die ich viele Jahre als meine geistliche Heimat gesehen habe. Und die ich heute immer noch sehr mag. Ich mag die Leute, ich mag die Dienste, ich mag die Räume (:-D). Aber ich seh mich nicht mehr als Mitglied. Hat verschiedene Gründe.

Aber ich geh doch gerne noch hin. Heute zum Beispiel. Ich komme direkt nach der Arbeit hin, stört nicht weiter, dass ich einige Minuten zu spät war, sie haben schon mit Lobpreis angefangen. Mir ist das Zuspätkommen selber peinlich, deswegen setze ich mich erstmal irgendwo hin, wo mich keiner groß bemerkt. Ich versuche, anzukommen, mich auf Jesus zu konzentrieren. Meine Gedanken schweifen ab. Ich denke an einen Film, den ich vor Kurzem gesehen hab. Ich rufe mich zur Ordnung. Ich denke wieder an den Film. Ich lass die Gedanken schweifen. Für grade. Singe mit und nach einiger Zeit merke ich, dass ich Liedtexte als Gebet singe. Dann plötzlich ein Gedanke: Das, was du da singst, willst du das wirklich? Ich stutze. Seh mir den Text genauer an. Denke, äh, nein. Das hier jetzt grade nicht. Ich will nicht wie ein alttestamentliches Opfertier für Gott geschlachtet werden, ich will leben! Naja, denke ich, wahrscheinlich hat der Songschreiber andere Gedanken dabei gehabt. Aber diese Stelle sing ich den Abend trotzdem nicht mit. Möchte Gott ja nicht anlügen.

Später, als die Leute vom Bibelkurs nach der ersten halben Stunde gegangen sind (der Kurs findet parallel statt und die erste halbe Stunde machen Gebetsstunde und Bibelkurs zusammen Anbetung) bin ich etwas weiter nach vorne zu zwei Freundinnen gegangen.

Vor der Gebetsgemeinschaft, in der jeder, der möchte, laut vor allen beten konnte, hat der Pastor einige Bibelstellen vorgelesen, in denen es um das Licht der Welt ging. Dann wurden Gebetsanliegen ausgetauscht. Einige nannten als Anliegen, dass sie den Mut bekommen, auch das Unangenehme zu Leuten von außerhalb der Gemeinde zu sagen, was in der Bibel steht. Weil ja Sünde beim Namen genannt werden muss. Ich dachte dann an gewisse Facebook-Postings, die ich ab und an auf meiner Pinnwand sehe. „Ich bin Christ und scheue mich nicht, die Wahrheit zu sagen: Homosexualität ist Sünde! Gott hat den Menschen die Ehe gegeben!“ Oder „Der Papst ist der Antichrist! Die katholische Kirche ist die große Hure Babylon!“ Ich dachte, wir sehen gewisse Dinge wohl unterschiedlich. Aber dazu passte, als der Pastor meinte, wir müssten uns nach denen ausstrecken, die das Licht suchen. Denen, die das Licht nicht wollen oder Angst vor dem Licht haben oder sowas, denen könnten wir auch nicht mehr helfen.

Aber ist es denn verwunderlich, dass sich gewisse Menschen dann abgestoßen fühlen? Ich denke an eine lesbische Frau, die jahrelang ihre sexuelle Identität geheim halten musste, weil sie Angst vor Ablehnung hatte – und das nicht zu unrecht. Und dann würde sie einen Christen kennen lernen, der ihr auch sehr offen und freundlich begegnet. Sie würde anfangen, sich für den christlichen Glauben zu öffnen, Vertrauen wagen. Vielleicht das erste mal seit vielen, vielen Jahren. Vielleicht das erste mal überhaupt. Sie geht mit in die Gemeinde. Sie schöpft mehr Vertrauen. Sie outet sich. Bam. Und man kann nur noch die Scherben aufsammeln. Was natürlich niemand tun würde.

Wer sich für das Licht öffnen soll, der muss es dürfen. Er muss eine Umgebung vorfinden, in der sein Vertrauen nicht enttäuscht wird, oder ausgenutzt. Ich hab versucht, den Gedanken in der darauf folgenden Gebetszeit in ein Gebet zu formulieren, aber das ist nicht grade meine Stärke im Moment.

Dann hab ich gedacht, wie hat Jesus das eigentlich gemacht? Wie ist er mit Sünde umgegangen? Mir fiel als erstes die Frau am Jakobsbrunnen ein. Die Samaritanerin. Da hat Jesus zwar den Schwachpunkt der Frau angesprochen, ihn aber nicht ausdrücklich Sünde genannt. Außerdem hat er sofort aufgehört damit, als die Frau das Thema gewechselt hat und damit gesagt hat „Ich will nicht darüber reden.“ Jesus hat diese Grenze akzeptiert und sich trotzdem weiter mit der Frau unterhalten. Dann hab ich weiter gedacht: Hat Jesus eigentlich irgendwo mal ein Verhalten konkret Sünde genannt? Hab mitten in der Gebetszeit mein Smartphone rausgeholt, Ton ausgeschaltet und bin auf Bibelserver gegangen und hab nach dem Begriff „Sünde“ in den Evangelien gesucht. Ich will jetzt nicht sagen, was rausgekommen ist, will ja net spoilern. Mach es lieber selber mal, das ist schon aufschlussreich, was Jesus so alles sagt und nicht sagt, wenn er das Wort Sünde in den Mund nimmt.

Später, nach dem offiziellen Teil (zwischendurch haben wir noch in kleinen Gruppen gebetet und da hat die eine Freundin, mit der ich zusammen gesessen bin, gesagt, dass sie ein Mädchen manchmal im Bus sieht und für sie beten möchte, die ich wahrscheinlich auch aus der Mädchenjungschar kenne: Für die Insiderin Maren: Die kleine Französin! Voll schön. Aber erschreckend, diese Freundin hat sie mit Burka gesehen!) stand ich noch mit den zwei Freundinnen zusammen, wir haben gelacht und erzählt… für morgen zum Mittagessen verabredet… die eine möchte vielleicht bei der Mädchenjungschar mitmachen, toll, wir brauchen dringend Verstärkung! Und im „Gegenzug“ hat sie mir von dem Gebetshaus erzählt, bei dem sie mitmacht, klingt schon interessant. Werd es mir mal angucken. Schreib dann auch sicher mal, wie es war.

Naja, genug für heute, ist schon 23 Uhr und morgen muss ich arbeiten. Gute Nacht!

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