Buchvorstellung 2: WWJD vs. Realität

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Kapitel 2:  Motivation

Jetzt mal ganz ehrlich, geistlicher Missbrauch ist ja schlimm und so, aber gibt es denn wirklich eine biblische Grundlage, sich damit zu beschäftigen? Und ist es nicht viel wichtiger, sich mit der Frage zu beschäftigen, wer in die Hölle kommt, weil Jesus so viel über die Hölle gepredigt hat? BTW, so oft, wie manche sagen, hat Jesus gar nicht über die Hölle geredet.
Tatsache ist auf der anderen Seite jedenfalls, dass der ausschlaggebende Punkt, warum die Pharisäer so darauf gepocht haben, Jesus umzubringen, der war, dass Jesus zu einem Problem Stellung bezogen hat, dessen Thematisierung ihn in der damaligen Zeit alles kosten konnte: Der Missbrauch der Gläubigen und des Glaubens. (Siehe z.B. Mk 11,15-18) Seine beinahe schon übernatürliche Courage hat ihn auch schließlich ans Kreuz gebracht. Davon könnten wir uns im Übrigen eine gute Scheibe abschneiden, finde ich.

Warum tun wir es ihm nicht gleich, auch wenn wir immer von Nachfolge reden und davon, mehr als ein Fan von Jesus zu sein? Ein Grund könnte die Angst sein, andere zu verurteilen und uns dabei selbst zu versündigen. Die Angst ist nicht unberechtigt, immerhin warnt Jesus selbst davor, andere zu verurteilen (Mtth 7,1-2) Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Menschen anzuklagen, was wir nicht tun sollen und Missstände anzuprangern, wozu wir aufgerufen sind.
Kleines Beispiel: Stell dir mal vor, du joggst durch den Wald. Auf einmal entdeckst du Fässer, die seltsam warm sind ohne dass es einen Grund dafür gibt. Du wirst skeptisch und rufst die Polizei, die stellt fest, dass da jemand alte Fässer mit radioaktivem Abfall illegal entsorgt hat. Durch dich konnte das Umweltschwein dingfest gemacht werden. Jetzt die Frage: Hast du dich versündigt, weil du die Polizei gerufen hast oder der Mensch, der die Fässer dahin gelegt hat?

Ein anderer Grund, der viele abhält, die Klappe aufzumachen ist, dass sie nun mal nicht Jesus‘ Mut haben. Das Ansprechen kann einen viel kosten. Man ist eben nicht mehr so beliebt, wenn man das Vorgehen anderer kritisiert. Man muss mit Wiederstand rechnen, vielleicht auch mit „Gemeindezucht“. Außerdem könnte die berechtigte Frage kommen „Und was ist mit DIR?“ Durch das Benennen von Missbrauch muss man auch bereit sein, sein eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen: Wo bist du selber übergriffig?
An alle, die mich aus dem RL kennen: Wenn ich selbst irgendwo übergriffig bin, BITTE SAG MIR DAS! Ok? 🙂

Dann ist es aber auch interessant festzustellen, WIE Jesus die Missbraucher mit ihren Taten konfrontiert hat: Öffentlich! Vor allen! Schitteböhn, Matth. 23!

Sein Herz schlug für die Unterdrückten wie für die Unterdrücker. Doch er stellt sich klar auf die Seite der Unterdrückten und bietet ihnen Hilfe an (…) Über das Problem des Machtmissbrauchs im geistlichen Amt hatte Jesus offensichtlich mehr zu sagen als über sämtliche anderen Übel seiner Zeit. (Tempelmann 2007, S.31)

Im Gegensatz zur heutigen Kirche/Gemeinde. Es wird über vorehelichen Geschlechtsverkehr und über Homosexualität diskutiert, aber kaum über dieses Thema, das Jesus anscheinend besonders auf dem Herzen lag. Selten kommen Stellen dran wie:

  • Jesaja 5 ,20
  • Jeremia 6,13-14
  • Hesekiel 22,24-29
  • Hesekiel 34
  • Matthäus 7,15-16+21-23
  • Matthäus 23,1-36
  • Matthäus 24,45-51
  • Lukas 11,43-46
  • Apostelgeschichte 20,29-35
  • Römer 16,17-18
  • 2. Korinther 11,20
  • Philipper 1,17
  • 1. Petrus 5,2-3
  • 2. Petrus 2,1-3
  • 3. Johannes 9-10
  • Offenbarung 2,2

Der Wolf im Schafspelz

Es wird an einigen Stellen in der Bibel vor Wölfen im Schafspelz gewarnt. Oft denkt man als erstes an Irrlehrer von außen: Für konservative Gemeinden sind es liberale Christen, für bestimmte Brüdergemeinden sind es die Charismatiker. Aber Achtung: Es heißt, dass es Leute aus der eigenen Mitte sein können. Keine bösen Leute, die von außen kommen. Und wem es selbst noch nicht passiert ist, kann sich schwer vorstellen, wie man auf so einen hereinfallen kann. Aber es ist halt so, dass diese Wölfe aussehen wie Schafe. Auf den ersten Blick kann man sie nicht erkennen, nur ab und zu wundert man sich, weil sie irgendwie… seltsam sind. Verletzen plötzlich und man wundert sich, was das denn jetzt war. Aber man spricht es nicht an und macht sich selbst Vorwürfe, weil man vielleicht selbst was falsch gemacht und diese Verletzung verdient hat. Und außerdem muss man ja schnell bereit sein, zu vergeben.

Also lieber nicht ansprechen, denn „Die Liebe deckt viele Vergehen zu.“ Und so bleibt der Wolf im Schafspelz viel zu lange in christlichen Lagern und kann mehr Macht und Einfluss gewinnen. Möglicherweise ist er dabei gar nicht böse, sondern nur unreflektiert und könnte wenigstens am Anfang noch sein Verhalten ändern und sich entschuldigen, würde man ihn mal darauf ansprechen. Aber rechnen wir denn damit, dass der Wolf in den eigenen Reihen ist? Dass vielleicht sogar du und ich uns in diese Richtung entwickeln können? Dass wir selbst zu Wölfen im Schafspelz werden können? Es kommt ja nicht von heute auf morgen, sondern ist ein sehr langsamer, schleichender Prozess. Für alle Betroffenen ist es eine subtile Entwicklung, fast unmerklich. Und man wird erst wach, wenn es zum großen Knall kommt und man nur noch Scherben aufsammeln kann. Das Komplizierte an dieser Entwicklung ist ja, dass das Verhalten des Wolfes nicht durchweg böse ist. Oft ist sehr, sehr viel Gutes dabei, diese Menschen tun sehr viel für das Reich Gottes, halten ganze Gemeinden und Werke am Laufen, beten unermüdlich für andere, engagieren sich in der Evangelisation und ziehen andere mit. Trotzdem ist es nicht das, was Gott möchte, siehe Matth. 7,21-23. Vielleicht kann man sie aber an den Früchten erkennen, die nach Galater 5 im Leben der Kinder Gottes zu sehen sein sollten. Nicht an den Werken, die sie tun.

Warum wir nicht die Klappe halten sollten

Religiöser Missbrauch in christlichen Lagern verunehrt den Namen Gottes und macht die Botschaft Gottes unglaubwürdig. (…) Das Reich Gottes wird dort zur Lachnummer, wo wir offiziell die Frohe Botschaft verkünden, während Menschen in Wirklichkeit in neue Knechtschaft geraten. (S. 37)

Die Menschen, die wir „Nichtchristen“ nennen, sind nicht dumm. Sie merken sehr genau, wenn etwas im Argen liegt, oft sogar besser als wir Christen. Vielleicht ist es wirklich ein Überlebensmechanismus, weil man immer auf der Hut sein muss, um nicht überrannt zu werden. Vielleicht aber auch, weil sie nicht unsere Blockaden im Denken haben. („Pass auf, kleines Gehirn, was du denkst, denk dran, Gott kennt deine Gedanken und vielleicht sind sie ja vom Teufel!“)
Wir sollten nicht den Mund halten, weil es um die Ehre Gottes geht. Und wenn uns diese Ehre egal ist, stimmt etwas nicht. Zum Glück können wir uns immer auf die Hilfe des Heiligen Geistes verlassen, der uns korrigiert und ermutigt, mit Gott zu leben.

Außerdem hindert Missbrauch Menschen daran, in der Freiheit zu leben, die Jesus uns geben will. Entweder bleiben sie über viel zu lange Zeit in geistlicher Knechtschaft oder sie steigen desillusioniert aus und müssen sehen, wie sie klar kommen. Für viele gibt es nur Hilfe bei Sektenaussteiger-Initiativen, aber hier besteht grade für diejenigen eine neue Gefahr, die ihre Beziehung zu Gott ernst meinen und das Erlebte mit Seiner Hilfe aufarbeiten wollen: Sie können eingeredet bekommen, dass ihr gesamter Glaube Folge der Psychomanipulation ist und sie gefälligst an gar nichts mehr glauben sollen. In christlichen Kontexten erfährt man so gut wie keine Hilfe. Bizarr, dass so viel für Evangelisation investiert wird, um neue Menschen zu gewinnen, aber so wenig für Missbrauchsprävention, um die Menschen nicht wieder schwer verletzt zu verlieren und sie so vielleicht für immer und ewig von Gott abzuschneiden.

 Zu guter Letzt:

Es soll hier nicht um eine Verfolgung der Wölfe gehen. Nur darum, auf die Thematik aufmerksam zu machen, und dann in Verantwortung vor Gott und den Menschen, die er so sehr liebt, zu handeln. Niemand sollte verloren gehen, auch in Gemeinden nicht!

Was ich zu diesem Kapitel meine: Ich finde es grade für die Betroffenen wichtig, die glauben, die Gnade und Gunst Gottes verloren zu haben, weil sie angeblich nicht so sind, wie man als Christ zu sein hat – oder wie „die“ sagen, dass man sein sollte. Grade für diese wertvollen Menschen finde ich es wichtig, zu sagen: „Jesus hat immer für dich Partei ergriffen, nicht für die Peiniger.“ Das kann Balsam für die geschundene Seele sein.

Außerdem finde ich es einfach schön zu sehen, wie viel Jesus tatsächlich dazu gesagt hat. Macht ihn mir gleich noch viel sympathischer.

Hier geht’s weiter: Buchvorstellung 3 – Gesichter der Gewalt

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