Eine defäkaltorische Pissrinne!

Dieser Ausdruck stammt aus Goodbye Deponia und wer ihn im Zusammenhang hören will und keine zu großen Probleme mit vulgärer Sprache hat: Wir sind alle Ärsche!

Tja… wir alle sind Ärsche, stimmt’s? Steht doch schon in der Bibel… Der Mensch ist von Natur aus böse, völlig verdorben und abgrundtief verloren und er hat nichts, aber auch gar nichts Gutes in sich, oder etwa nicht? Deswegen braucht er doch erst Vergebung.

Das wird gerne betont in manchen Kreisen. Ich möchte keine Namen nennen, ich glaube, die, auf die es zutrifft werden es wissen. Und ich möchte dich auch nicht verurteilen weil du davon überzeugt bist. Ich verstehe, warum. Du glaubst, dadurch wird Jesus Werk am Kreuz noch größer und du bleibst demütig. Und dass es unfreundlich und verletzend ist macht es für dich umso glaubwürdiger, weil die Wahrheit ja manchmal weh tut. Stimmt’s?

Ich kann mich noch gut daran erinnern als ich es selber geglaubt habe. Ich war fest davon überzeugt, dass aus mir nichts Gutes entstehen kann. Und dass ich selbst das Paradebeispiel von Sündhaftigkeit bin. Und hab es einfach „der Wahrheit ins Gesicht sehen“ genannt. Und geglaubt, es sei Demut. Das Groteske daran waren aber die Früchte, die nichts mit Demut zu tun hatten. Indem ich so fest davon überzeugt war, das Richtige zu glauben habe ich auf alle herab gesehen, die nicht dieser Meinung waren. Und nicht nur das, ich hatte Angst vor ihnen. Ich hatte Angst, ich könnte durch sie lasch werden und dann würde Gott mich widerlich finden. Und ich hatte unbewusst Angst, sie könnten recht haben und dann wäre diese Folter, die ich mir damit angetan habe, umsonst gewesen und ich stünde als Trottel da. Also, ich verstehe dich.

Aber bitte komm mit, wenn ich auch mal einen Blick in die Bibel werfe. Ich weiß, dass du deine Argumente aus dem Wort Gottes nimmst und glaube mir, ich hab großen Respekt vor biblischen Aussagen. Aber wenn wir sie nur einseitig betrachten verlieren wir die Balance, richtig?

 So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und als Frau.(1. Mose 1,27)
Und Gott sah alles an, was er geschaffen hatte, und sah: Es war alles sehr gut. (V. 31)
›Ihr seid Götter, meine Söhne seid ihr, Söhne des Höchsten!‹ (Psalm 82,6)
Du hast mich geschaffen mit Leib und Geist, mich zusammengefügt im Schoß meiner Mutter. Dafür danke ich dir, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. An mir selber erkenne ich: Alle deine Taten sind Wunder! (Psalm 139,14-15)
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr mein Gebot befolgt. (Johannes 15,14)

Das sind nur einige Stellen und ich werde sicher keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellen. Ich möchte nur mal aufzeigen, dass es auch andere Stellen gibt, die NICHT sagen, dass der Mensch so katastrophal ist wie es manche Theologie behauptet.

Das ist mein Argument Nummer eins.

Mein Argument Nummer zwei ist eher pragmatisch. Es wird Labeling Approach genannt. Übersetzt heißt es in etwa: Die persönliche Übernahme von Stigmatisierung. Die Frage ist hier: Was hat es für einen tatsächlichen Nutzen (oder Schaden) wenn man sich selbst und andere „von Natur aus böse“ nennt? Welche Früchte bringt es hervor? („An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“)

Das Labeling Approach funktioniert so: Es wird etwas über dich gesagt. Beispiel: „Du bist schlecht! Du bist Sünder. Du bist ein Arsch.“ Das wird immer wieder widerholt, so lange, bis du anfängst, es zu übernehmen. Nun siehst du dich selbst als Arsch an und das, was Psychologen selektive Wahrnehmung nennen tritt ein: Du bemerkst jedes kleine Bisschen an Schlechtem an dir und alles Schlechte, was du tust. Das eventuell Gute wird verschwindend klein und irgendwann merkst du gar nicht mehr, dass du noch Stärken hast oder dass etwas Schönes an dir ist. Du denkst: „Da darf es uns nicht wunder nehmen, dass man uns wie Ärsche behandelt.“ Du hast es verdient. Und jetzt kommen die Früchte: Du verhältst dich wie einer, in dessen Natur nichts Gutes wohnt, weil du es ja bist. Vielleicht hast du tatsächlich nur die besten Absichten, aber du merkst, dass es alles nach hinten los geht. Und mit jedem Misserfolg, den du erlebst und den andere an dir erleben verstärkt sich das Bild vom Sünder, in dessen Natur nichts Gutes liegt. Du versuchst verzweifelt, das Gute zu tun, aber alles, was raus kommt bei deinem Druck ist das, was eben bei uns hinten raus kommt, wenn wir drücken. Und durch diese Beobachtung verstärkt sich dein Stigma vom bösen Sünder. Was du wieder übernimmst, was wieder zum Verhalten führt und wieder beobachtet wird und dann wieder das Stigma verstärkt. Eine defäkaltorische Pissrinne!!!

Aber was ist, wenn es auch anders funktionieren könnte? Du bekommst immer wieder zu hören, dass du wertvoll bist, geliebt und Kind Gottes. So oft, bis du es glauben kannst, für dich annehmen kannst. Du brauchst nichts zu beweisen, du bist um deiner Selbst Willen geliebt. Natürlich machst du auch Fehler, aber das gehört zum Menschsein. Mit diesem Selbstbild fängst du an, zu handeln. Du handelst aus dem, was du bist: Nicht als boshafter Sünder sondern als Prinz bzw. Prinzessin des höchsten Königs. Nicht eingebildet, das brauchst du nicht. Du brauchst nichts zu kompensieren, weil du es einfach bist. Du trittst anderen mit Freundlichkeit und Wertschätzung entgegen. Du merkst, wie sie im Gespräch mit dir aufblühen und auch die anderen merken es. Sie beobachten es und nun wird das „Stigma“ auch hier bestätigt, nur dass es nicht das Arsch-Stigma ist, sondern das Geliebte-Stigma.

Hat natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und auch nicht den Anspruch einer Theologie. Ich will nicht behaupten, dass der Mensch perfekt ist oder dass in ihm nichts Schlechtes wohnt. Aber ich will auch nicht behaupten, dass im Menschen nichts Gutes wohnt. Ich glaube nicht, dass die Natur des Menschen so schwarz oder weiß ist.

Trotzdem: Der Wolf, den du fütterst, gewinnt. Diese Geschichte hat mich inspiriert und mir gezeigt, dass ich auch in der Verantwortung stehe, mein Leben und meinen Charakter zu gestalten. Das ist ein Teil der Wertschätzung Gottes mir gegenüber. Das mutet er mir zu. Er traut es mir zu. Dass ich keine Puppe bin oder das Ergebnis von Naturgesetzen, sondern ein Individuum. (Den Link hab ich nur wegen der Geschichte eingefügt. Den Artikel darunter hab ich nicht gelesen.)

Schönen Tag euch! Die Bithya (was übersetzt Tochter Gottes heißt.)

6 Gedanken zu “Eine defäkaltorische Pissrinne!

  1. Mara schreibt:

    Liebe Bythia,
    danke für deinen Blog, danke für deine Gedanken, an denen ich mich heute festgelesen habe. An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Kommentar hier lassen. Ich selbst bin auch in einer Glaubensgemeinschaft aufgewachsen, in der es hieß, dass ich nichts sei, ein Süder, nichts gutes an mir, immer wieder sündig zu Jesus komme. Was das mit mir gemacht hat und vor allem mit meinem Glauben, habe ich erst spät kapiert. Die Loslösung von dieser Gruppe (die man Sondergemeinschaft nennt), war nicht einfach, aber notwendig. Im Grunde kapierte ich erst als ich selbst Kinder hatte, wie fatal es ist, einem Menschen immer wieder zu sagen „du bist nichts, du taugst nichts, du bist schlecht und böse“. Wie kann ein Kind so ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln? Kinder brauchen doch Lob und Ermutigung, wenn etwas mal schief gegangen ist, es noch einmal zu versuchen, wieder und wieder. Nur so können sie sich zu wertvollen Menschen entwickeln. Es geht soviel schief im streng-christlichen Bereich, danke dass du über deine Bedenken und Zweifel schreibst und damit mit Sicherheit vielen, die ähnliche Probleme haben, Mut machst, zu sich zu stehen.
    Liebe Grüße
    Mara

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    • bithya85 schreibt:

      Oh man, das ist echt schlimm, was du erleben musstest. Ich hoffe, du weißt, dass Gott dich, so wie du bist, unbeschreiblich liebt und sehr große Stücke auf dich hält. Bei solchen Rückmeldungen bin ich immer einerseits erschrocken, weil Leute wirklich Ungutes erlebt haben, dann fühle ich mich verstanden, ich bin nicht alleine mit meinen Gedanken. Auch, wenn viele sagen, ja, aber in der Bibel steht doch… (du weißt schon.) Aber es ermutigt mich auch. Dass ich hiermit vielleicht wirklich anderen helfe. Weil ich mich eben doch manchmal frage, darf ich das wirklich schreiben? Mache ich damit nicht die christlichen Gemeinden schlecht, bin ich Nestbeschmutzerin? Auch, wenn ich immer das Gefühl habe, Gott sagt NEIN, du bist KEINE Nestbeschmutzerin, du bist dabei, zu helfen! Die leisen Zweifel sind eben immer da. Und da kommst du und ermutigst mich. Danke! Schön, dass du ein wenig hier stöberst, komm gerne wieder 🙂 Gottes Segen für deinen Wochenstart und für deine Kleinen.

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