Lied für die Vergessenen 2: Maren

(Übrigens auch wieder Triggerwarnung.)

Maren (Name geändert) ist in einer konservativ-christlichen Familie aufgewachsen. Sie ging in eine mittelständige Brüdergemeinde, konservative Werte und gutbürgerliches Leben galt als gute, gottgefällige Lebensführung. Die Männer führen die Gemeinde und die Familie. Die Frauen unterstützen sie im Hintergrund, bleiben möglichst unsichtbar und halten den Männern die Steigbügel und bringen die Pantoffeln. Im Gottesdienst haben sie zu schweigen, bei den Gebetsgemeinschaften sollten sie sich nicht beteiligen aber anwesend sein. Alles in allem das, was man unter „Schöpfungsordnung“ im extremen Fall versteht: „Schwestern, schlagt die Augen nieder, denn da drüben kommen die Brüder.“

Sie wurde dazu erzogen, immer den untersten Weg zu gehen. Kein lautes Wort, nicht wütend werden, lieber folgsam, gehorsam, sich unterordnen, nicht aufmucken, schon brav für die Schule lernen, nicht feiern, kein Kino, keine Schminke. Konflikte waren böse, sie sollten vermieden werden. Oder wenn sie nicht vermieden werden konnten, unter den Teppich gekehrt. Das, was die Eltern, vor Allem der Vater sagten, galt als Gesetz. Es war sehr behütet, auch liebevoll und die Eltern haben sich alle Mühe gegeben. Aber eben mit diesem Hintergrund.

Sie wurde älter, als sie ins heiratsfähige Alter kam, heiratete sie einen Mann aus der Gemeinde. Fing ein „gutes, gottgefälliges Leben“ an. Und es begann der Alptraum: Psychoterror. Beleidigungen, Manipulationen, Gaslightning,  Drohungen, und nach außen wurde heile Welt gespielt. Sprüche wie:

  • „Du bist dumm“
  • „Du kannst das alles nicht!“
  • „Du bist krank im Kopf!“
  • „Du bist nicht gut für dein Kind!“
  • „Du bist eben etwas minderbemittelt!“
  • „Lass mich mal machen, du schaffst das sowieso nicht!“
  • „Was stellst du dich so an?“

Und Maren versuchte, den untersten Weg zu gehen, wie sie es gelernt hat.

Dann kam ein Schubs dazu. Dann einen Schlag auf den Hintern. Dann ins Gesicht. Aus alle paar Monate mal wurde alle paar Wochen, aus alle paar Wochen wurde beinahe täglich. Aus blauen Flecken wurden Veilchen und andere Blutergüsse. Aus Schrammen wurden Wunden.

Aber eine Scheidung gab’s nicht. „Was Gott zusammen geführt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ Scheidung als Totsünde. Sündiger als Terror, sündiger als Prügel, sündiger als die Menschen, die Gott so liebt, dass er lieber für sie sterben würde als ohne sie zu leben seelisch und körperlich zu misshandeln.

Sündiger als ein weltweiter thermonuklearer Krieg?!?!?!

Ich weiß nicht, ob es einen Auslöser für die komplette Eskalation gab. Jedenfalls ist sie nach einem Selbstmordversuch  zu ihren Eltern gegangen. Erst nur für ein paar Tage, aber schließlich, als die Eltern doch die ganze Geschichte erfahren haben, hat der Vater gesagt: „Maren, du gehst nicht mehr zu ihm zurück.“ Also ist sie mit ihrem kleinen Sohn, der war damals nicht mal im Kindergarten, zu ihren Eltern gezogen und hat schließlich eine eigene kleine Wohnung bekommen.

Von ihrer ehemaligen Gemeinde hat sie keinen Rückhalt bekommen. Sie solle doch zu ihm zurück gehen, wegen des Kindes. Sie sei eine Sünderin, weil sie sich trennen will. Ich weiß nicht, ob sie offiziell aus der Gemeinde ausgestoßen wurde, aber als sie nicht mehr reumütig zurück ging wie ein Hund, der um Prügel bettelt war klar, dass sie dort nicht mehr erwünscht war.

Es ist für mich ein Wunder, dass sie ihren Glauben behalten hat. Die ganzen Einreden, die sie ihr Leben lang gehört hat, die ganzen Werte ihrer alten Gemeinde, an die sie geglaubt hat und gegen die sie verstoßen hat, das heuchlerische und brutale Verhalten ihres Ex, das angeblich gottgewollt war, das alles hätte sie brechen können. Keine Ahnung, wie viel übermenschliche Kraft es gebraucht hat, wie viel Überlebenswillen, wie viel Pflege von Gott, wie viel Hilfe durch Menschen aus anderen Gemeinden und Kirchen um sie wieder aufzubauen und ihren Glauben, ihre Beziehung zu Jesus soweit zu stabilisieren dass sie wieder mitten im Leben steht. Heute merkt man nur noch wenig von ihrem „Untersten Weg gehen“, diese Erfahrung hat sie abgehärtet und stark gemacht. Im besten Sinne. Sie kämpft für das, was ihr wichtig ist, sie kämpft für ihren Sohn, für ihre Familie und Freunde und für die Gemeinde. Für mich ein lebender Beweis dafür, dass Gott größer ist als wir gemeinhin denken.

  • Man ist nicht gleich „draußen“, nur weil man etwas gemacht hat, was Leute mit großem Selbstbewusstsein bei völliger Ahnungslosigkeit als Sünde bezeichnen aufgrund eines aus dem Zusammenhang gerissenen oder durch eine Brille gesehenes Bibelzitats.
  • Du kannst Gott nicht in diese konservative Schublade packen und dieses Verständnis vom Christsein ist nicht das einzig richtige. Wenn es das wäre, könnte Maren dann heute als glückliche Christin leben und Frucht bringen?

Wer das hier liest: Tu mir und andern bitte einen Gefallen und urteile nicht über Leute, wenn du nicht wenigstens eine Meile in ihren Schuhen gelaufen bist. Ich bin Jesus dankbar, dass ich Maren kenne und dass sie so ist, wie sie ist. Und ich wage zu behaupten, dass sie mit der Scheidung erst in Gottes Plan für sie gekommen ist.

In diesem Sinne schönen Tag. Deine Bithya

 

5 Gedanken zu “Lied für die Vergessenen 2: Maren

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